Donnerstag, 21. Februar 2013

Killer, Künstler, Ungeheuer - der Serienmörder als literarische Figur (Teil 1)


Hate hat ja in ihrem Gast-Post einen Einblick in die Persönlichkeit realer Psychopathen gegeben. In diesem Post geht es dieses Mal um den Serienmörder als literarische Figur. Was fasziniert uns so stark an Figuren, die schreckliche Verbrechen begehen und das nicht nur ein einziges Mal, sondern wieder und wieder? Ist es die 'Bestie in Menschengestalt'? Oder das unheimliche Gefühl, dass es Jeden Treffen kann? Im Folgenden möchte ich zeigen, dass die 'Brüder' des Serienmörders an Orten zu finden sind, an denen man sie nicht ohne Weiteres erwarten würde.





Künstler

Betrachtet man die Serienmörderfiguren in zeitgenössischen Psychothrillern genauer, so fällt zunächst auf, dass diese Figuren einiges mit Künstlern gemein haben. Fangen wir bei den offensichtlichsten Gemeinsamkeiten an: Sowohl dem Klischee des Künstlers wie auch des Serienmörders ist gemein, dass sie Grenzen überschreiten, bzw. die Grenzen des üblichen Verhaltens ignorieren. Natürlich sprengt auch ein gewöhnlicher Mörder die Grenzen normalen Verhaltens, aber er tut dies nicht ohne Überwindung, während die Grenzüberschreitung zum Bild sowohl des Serienmörders als auch des Künstlers gehört.

Das ist aber nicht der einzige Punkt, an denen sich die Darstellung des Serienmörders und des Künstlers berühren. Beide sind narzistisch veranlagt, daher extrem Ich-bezogen sowie kompromisslos bei der Verfolgung ihrer Ziele (Klaus Kinski ist auf der Künstlerseite ein Beispiel dafür, obwohl ich mir inzwischen nicht mehr sicher bin, dass er nicht doch auf die andere Seite gehört). Sowohl der eine wie auch der andere werden von einer Vision angetrieben, das sie in ihren "Werken" zu verwirklichen suchen. Manchmal kann sich das Verfolgen dieser Vision regelrecht zu einer Art Besessenheit steigern, die so weit geht, dass der Künstler/Killer alle anderen Aspekte seines Lebens vernachlässigt und nur noch für die Verwirklichung seiner Vorstellungen lebt. Das ist zum Beispiel in 'Sieben' der Fall, wo John Doe nur noch für seine Taten lebt, aber auch in so unterschiedlichen Erzählungen wie 'Das Parfüm', Simon Becketts 'Leichenblässe' oder auch Ecos 'Der Name der Rose'

Zudem hat das Handeln des Künstlers/Serienmörders einen metaphysischen, über das Körperliche hinausgehende Komponente. Beide wollen mit ihren 'Werken' etwas erschaffen, das über den rohen Akt hinausweist. Beide verknüpfen mit ihren Taten eine Aussage. Sowohl der Künstler als auch der Serienmörder planen minutiös auf den Effekt hin, den das 'Werk' auf den Betrachter haben soll und beide verlangen nach Anerkennung. Sowohl das Kunstwerk als auch der Tatort wird der Aussageabsicht seines Schöpfers entsprechend arrangiert, indem das 'Material' vor dem Hintergrund zueinander in Beziehung gesetzt wird. Der makabre Unterschied zwischen der Künstlerfigur und dem Serienmörder liegt nun darin, dass er Menschen als sein Material benutzt. Damit erklärt sich auch eine der Grundlagen, auf der der Grusel bzw. das Unheimliche des Psychothrillers/Serienmörderromans basiert. Ein bekanntes (und gesellschaftlich anerkanntes) Verhalten wird auf ein nicht anerkanntes und gefährliches Verhalten umgelenkt. Daraus ergibt sich eine kognitive Dissonanz zwischen dem Bekannten und der verbotenen und mit einem Tabu belegten Tat.

Doch welchen Zweck erfüllt die Serienmörder-Künstler-Analogie? Ich denke, der Zweck dieser Gleichsetzung liegt in einer Ästhetisierung des Schrecklichen. Erst diese macht die Anfolge schrecklicher Ereignisse für den Leser ertragbar, weil durch die Verknüpfung des Unfassbaren mit bekannten Mustern das Böse in diesem Bekannten aufgehoben wird. Indem dem Mörder ein 'künstlerischer' Impetus unterstellt wird, wird der Leser vor dem wahren Schrecken der sinnlosen Tat bewahrt. Die Ästhetisierung des Bösen in der Literatur rettet ihn vor der Banalität des Bösen, die mit dem realen Verbrechen einhergeht – Sie gibt dem Bösen einen Sinn und macht es so weniger schrecklich.

Tatsächlich sind die Charaktere und Lebensläufe echter Psychopathen in der Regel weniger dazu geeignet, als Stoff für Kriminalromane herzuhalten. Auch wenn diese Personen oft charmant und manipulativ sind und nach ihrer Tat einen gewissen 'Starkult' um sich erleben, so ist ihr Leben vor ihrer Serienmörderkarriere meist nicht dazu geeignet, Spannung zu verbreiten. Was den echten Soziopathen aus der Masse heraushebt, ist nicht seine Persönlichkeit, sondern seine Tat.

Georg Sandhoff
http://fragmentata.blogspot.de/

1 Kommentar:

  1. Ich bin schon soooo gespannt! :D

    Liebste Grüße

    Frau Huegel

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