Dienstag, 14. Mai 2013

Mal wieder eine Kurzgeschichte!



Das Mädchen im Kofferraum

Dunkelheit umhüllte sie.
Schwer atmend riss sie die Augen auf, doch es gab nicht den kleinsten Hauch von Licht. Alles um sie herum war vollkommen schwarz. Mit schweren Gliedern versuchte sie sich aufzurichten, doch sie bald sie den Kopf hob, knallte dieser gegen einen Widerstand über ihr. Panisch ließ sie sich wieder sinken und tastete den kleinen Raum in dem sie sich befand ab. Sie konnte sich kaum bewegen, ohne gegen die Wände zu stoßen, geschweige denn, dass sie ihre Beine in eine andere Position bekam.
Ein Panikanfall überrannte sie, ihre Atmung wurde schneller und Angst schweiß trat auf ihre Stirn.
„HILFEEEEE! IST DA JEMAND? HILFEEEEEEE!“
Sie versuchte sich gegen die Verkleidung des Innenraums zudrücken,  trommelte mit den Fäusten gegen die Wände und trat nach allen Seiten, bis sie spürte das ihre Fingerknöchel aufrissen und das Brennen der abgewetzten Haut sie zum aufhören bewegte. Tränen schossen ihr in die Augen.
Wimmernd tastete sie neben sich und schnitt sich einen Finger an dem Papier einer Zeitschrift auf. Nur langsam wurde ihr bewusst, dass jemand sie in einen Kofferraum gesperrt hatte. Sie steckte den blutenden Finger in den Mund und versuchte sich zu beruhigen. Wenn sie sich von ihrer Panik überwältigen ließ, würde sie es nie schaffen aus diesem Gefängnis auszubrechen.
„IST DA JEMAND? KANN MICH JEMAND HÖREN?“
Alles war vollkommen still.


Der Puls hämmerte in ihren Schläfen und ließ sie zittern. Ihre Hände tasteten weiter in der Dunkelheit und bekamen einen schweren Gegenstand zu fassen. Das kalte Metall ließ sie kurz zusammen zucken. Vorsichtig versuchte sie zu erkennen, was sie in den Händen hielt. Sie strich über eine Biegung des Metalls.
„Eine Brechstange …“, flüsterte sie und ein Funke Hoffnung stieg in ihr auf. Sie drehte sich auf die Seite und befühlte den Innenraum, nach dem schmalen Spalt. „Ich werde nicht darauf warten, dass mich derjenige hier rausholt, dem ich das ganze zu verdanken habe … Ich komme hier raus, ich schaff das schon …“
Die ersten Versuche scheiterten und ließen sie laut auf fluchen.
Bis plötzlich etwas anderes sie innehalten ließ. Der Motor des Wagens heulte laut auf und das Rucken bestätigte die Befürchtung, dass der Wagen sich bewegte. Eine neue Welle Angst ließ sie erstarren. Sie rammte die Spitze des Krummfußes in den schmalen Spalt und stemmte so gut es ging, ihr Gewicht darauf, doch immer wieder rutschte sie ab.
Ihre schweißigen Hände machten es ihr noch schwerer die schwere Stange in die richtige Position zu bringen und dann, spürte sie es. Zu erst dachte sie, es wären nur einigen Tränen die auf das Metall getropft waren, doch dann erkannte sie, dass Wasser durch den Spalt des Kofferraums sickerte. Einen Moment lang weigerte sich ihr Gehirn diese Information zu verarbeiten.
„Nein, nein … bitte nicht …“
Panisch schlug sie mit der Stange auf den Kofferraum ein, doch es half nichts. Inzwischen war der Boden vollständig mit Wasser bedenkt und ihr wurde immer bewusster, dass sie ertrinken würde, wenn sie es nicht schaffte endlich aus diesem Auto heraus zu kommen.
Sie robbte auf die andere Seite und schlug gegen die Verkleidung. Die Brechstange hatte sie noch immer in der Hand und hackte mit der Spitze gegen das Matrial. Solange bis sie, eine kleine Öffnung geschaffen hatte, gerade genug damit ihre Hand durchpasste.
Inzwischen hatte das Wasser ihre Kleidung vollständig durchnässt und sie zitterte nun nicht mehr nur durch ihre Angst, sondern auch durch die Kälte die sich durch ihre schmerzenden Glieder zogen. Sie riss an dem Stoff, und streckte ihren Arm so weit durch bis sie die Rücksitze ertasten konnte. Hoffnung durchströmte sie, während das Wasser unaufhörlich stieg. Sie riss und  zehrte an dem Stoff, ihre Nägel rissen blutig ein, doch der Schmerz war nebensächlich.
Und dann …
… schaffte sie es. Sie drückte sich durch das Loch und zwängte sich mit aller Kraft nach vorne. Die Lehne des Rücksitzes gab nach und ihre Augen schmerzten kurz unter dem Licht der Innenbeleuchtung. Doch der Triumph wich einer neuen Panikwelle. Um sie herum war nicht als Wasser, dass Auto versank immer weiter in den Tiefen. Die Eisenstange noch immer in der Hand kletterte sie auf den Vordersitz und atmete ein paar Mal tief durch. Die Türen ließen sich wegen dem Druck nicht öffnen. Entweder sie wartete bis das Auto vollständig mit Wasser gefüllt war oder sie schlug die Scheiben ein.
Weinend machte sie ein paar tiefe Atemzüge und blickte in die dunklen Tiefen des Wassers. Sie konnte den Grund noch nicht erkennen und wusste nicht, wo sie war. Einfach Abwarten kam nicht in Frage. Sie fuhr herum und schlug die Scheibe hinter dem Fahrersitz ein.
Binnen von Sekunden, hatte das Wasser alles eingenommen.
Sie hielt sich mit einer Hand Mund und Nase zu und drückte sich durch das zersplitterte Fenster. Die Scherben schnitten durch ihre Haut. Sie zog eine kleine Blutspur hinter sich her. Das Auto versank nun schneller und sie musste ihre letzte Kraft mobilisieren, um sich nach oben treiben zu lassen. Der Druck auf ihrem Körper schien immer großer zu werden und ihre Lunge schrie nach Luft.
Salzige Tränen vermischten sich mit dem dunklen Wasser.
Nur noch ein paar Meter, nur noch etwas, dann konnte sie wieder Atmen.
Der Moment als sie die Oberfläche durchbrach fühlte sich an wie eine Wiedergeburt.
Sie saugte die Luft ein, nochmal und nochmal, bis sie realisierte, dass sie es geschafft hatte. Mond und Sterne spiegelten sich auf der Oberfläche des kleinen Sees. Ein Freudenschrei entfuhr ihrer Kehle und sie drehte sich herum. Niemand schien am Ufer zu stehen.
Sie zwang sich zu schwimmen und steuerte das Ufer an. Ihre Muskeln beschwerten sich über die Überstrapazierung, doch in ihrem Hirn jubelte jemand auf. Sie hatte es geschafft. Sie war nicht auf den Grund dieses Sees versunken, sie war am Leben. Endlich spürte sie schlammigen Boden unter ihren Füßen und stellte sich hin. Inzwischen spürte sie die Kälte kaum noch. Langsam ging sie die letzten Meter und versuchte sich nicht von der Erschöpfung übermannen zu lassen. Mit den Knöcheln noch im Wasser blieb sie stehen und beugte sich nach vorne.
Sie musste es zur Straße schaffen und ein Auto anhalten …
Schwerfällig richtete sie sich auf und wollte gerade weitergehen, als ein Schuss die nächtliche Stille durchbrach. Ihr Körper fiel nach hinten. Blut und Hirnfetzten hinterließen eine schmierige Lache im Wasser.
„Ich hab die Wette gewonnen!“ Ein Mann trat hinter einem Baum hervor und grinste seinen Gegenüber an. „Ich hab dir gleich gesagt, die Kleine schafft es aus dem Auto raus!“
Sein Gegenüber schnaubte grimmig und wischte sich über die laufende Nase.
„Ist ja gut …“, brummte er und drückte ihm einen 20 Dollar Schein in die Hand. „Jetzt lass sie uns verschwinden lassen, der nächsten geben wir keine Brechstange …“



In Liebe

Justine

Kommentare:

  1. Die Wendung am Schluss ist echt überraschend. Und die ganze Erzählung packend.

    Liebe Grüße
    Jakob

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  2. wow, ich hatte herzklopfen ... dein schreibstil ist einmalig! du könntest thrillerautorin sein. allerdings finde ich es schade dass das mädchen gestorben ist, das war der totale WTF moment. damit hätte ich wirklich nicht gerechnet!

    lg
    dahi

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