Samstag, 6. Juli 2013

Kurzgeschichte: Die Flut


Die Flut

Noch war das Meer gelassen. Die Wellen brachen sich sanft und hinterließen dunkle Spuren auf dem Sand. Der Himmel war bereits dabei sich zu verdunkeln und ein sachter Nieselregen hinterließ kleine Tropfen in ihrem Haar. Die Ruhe vor dem Sturm, dachte sie schwerfällig. Der Säugling in ihren Armen gab einen gequälten Laut von sich, während sie aus den flachen Schuhen schlüpfte und sie achtlos im Sand liegen ließ.
Die Luft um sie herum war schwül und erschwerte ihr das Atmen. Die Wärme des Sandes unter ihren Füßen wurde von einer kalten Welle abgelöst, die sich an ihren Knöcheln brach. Sie schluckte schwer und blickte zum Horizont, währen der Wind plötzlich zu nahm.
Die Wellen schlugen heftiger und in kürzeren Abständen zwischen ihre Knöchel. Es wurde kühler und die Farbe des Himmels veränderte sich, wurde dunkler, bedrohlicher.
Das Baby begann leise zu wimmern, während sie langsam weiter in das unruhig werdende Meer schritt. Der Regen wurde stärker und ein grollender Donner ließ sie zusammen zucken. Die dicken Tropfen prasselten auf sie nieder und durchweichten auch den Rest ihrer Kleidung, als ihr das Wasser bis zu den Hüften reichte blieb sie stehen.
Die Wellen wurden größer, stärker, wilder. Es fiel ihr zunehmend schwerer auf dem kalten Meeresboden Halt zu finden. Das Weinen des Babys wurde stärker und mit ihm auch das Rauschen des Meeres.
Blitze zuckten über den Himmel und ließen den Turm aus dunklen Wolken im violetten Licht erstrahlen. Eine hohe Welle erfasste sie. Salziges Wasser drang in ihre Kehle und ließ sie husten, während sie das Kind fester gegen ihre Brust drückte. Zitternd fand sie wieder Halt und wischte sich das nasse Haar aus dem Gesicht. Wind, Tränen und die immer wiederkehrenden Wellen erschwerten ihr die Sicht.  Das Meer schien zu brodeln. Blitz und Donner folgten in immer kleiner werdenden Abständen und ließen die Welt um sie herum aufleuchten. Das Salz brannte in ihren Schleimhäuten und sie betete leise, es möge schnell vorbei sein.
Der Sturm wurde wilder. Eine hohe Welle begrub sie unter sich und zog sie in die dunkle Flut. Ihr Körper wurde hilflos hin und her gerissen, während ihre Arme verzweifelt das kleine Wesen an sich drückten. Keuchend durchbrach sie die Oberfläche und holte tief Luft, bevor eine erneute Welle über ihr zusammen schlug. Panisch realisierte sie, dass die Flut sie hinaus gezogen hatte. Der Boden unter ihren Füßen war fort. Hilflos strampelte sie mit den Füßen, doch ihre Kraft war verbraucht. Sie schaffte es nicht den Kopf lange an der Oberfläche zu halten. Die Strömung entriss ihr den Säugling und ihr Schrei ging in dem Tosen des Meeres unter.
Orientierungslos wurde sie umhergewirbelt, bis sie es plötzlich schaffte sich an der Oberfläche zu halten. Der Regen prasselte noch immer auf sie ein, doch sie konnte sehen, was sie alle in den Untergang treiben würde.
Eine Welle, groß genug die halbe Welt zu überfluten, raste auf die Küste zu. 


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