Mittwoch, 2. Oktober 2013

Blutige Kurzgeschichte

Die Blutspende
„Ich kann es immernoch nicht glauben, dass du mich dazu gebracht hast, herzukommen …“
Rick fluchte leise und blätterte nervös in seiner Zeitschrift. Seine Freundin betrachtete ihn mit einem eindeutigen Lächeln und lehnte sich auf dem unbequemen Stuhl zurück.
„Es ist nur ein kurzer Schmerz, aber mit deinem Blut kannst du vielleicht ein Leben retten, ist es dir das nicht wert?“, fragte sie und schob sich eine Strähne hinter das Ohr. Der Blick mit dem sie ihn ansah, machte es ihm noch schwerer.
„Das können andere Menschen auch“, murmelte Rick leise, doch sie hatte ihn gehört und verengte böse die Augen. Das Letzte was er wollte war ein Streit, doch er wollte genauso wenig das jemand ihm sein Blu abzapfte.
„Andere Menschen haben aber nicht deine Blutgruppe …“, zischte sie grimmig und beugte sich nach vorne. „Glaub mir, es wird halb so schlimm …“
Er sparte sich eine Antwort, ließ aber zu, dass sie seine Hand griff. Sie dabei zu haben, half gegen die aufsteigende Panik. Warum musste er sich auch in eine Krankenschwester verlieben? Seit Jahren hatte er sich erfolgreich gegen eine Blutabnahme wehren können und nun machte er das Ganze auch noch vollkommen freiwillig.
Eine hübsche Schwester rief seinen Namen, doch er blieb wie angewurzelt sitzen und umklammerte seine Zeitschrift. Kalter Schweiß brach in seinem Nacken aus und unwillkürlich begannen seine Hände zu zittern. Seine Freundin gab ihm einen liebevollen Schubs und lächelte aufmunternd.
„Jetzt geh schon, ich warte hier auf dich!“



Mit zusammengebissenen Zähnen stand er auf. Alle lächelten ihn an, als würden sie ahnen, welche Ängste er gerade durchstand. IHR könnte noch lächeln, dachte er grimmig und ließ sich von der Frau in einen kleinen Raum führen, EUCH wird kein lebenswichtiger Saft angezapft.
„Setzten Sie sich“, bat die Schwester freundlich. „Ist das ihre erste Blutspende?“
Sein Mund war wie versiegelt, sodass er nur nicken könnte. Ihm war heiß und kalt zugleich und er unterdrückte den Impuls, einfach aus dem Raum zu stürmen. Mit sanften Lächeln legte die Schwester ihm das Blutdruckmessgerät an, während er auf der Liege Platz nahm.
„Machen Sie sich keine Sorgen, jetzt haben Sie noch Angst und in ein paar Minuten ist es schon wieder vorbei …“
„Sie haben gut Reden …“, knurrte er und versuchte, das panische Zittern unter Kontrolle zu bringen. Der bloße Gedanke an eine Nadel, die sich langsam durch seine Haut bohrte, schon verursachte Übelkeit. Sein Magen schien sich unkontrolliert zusammenzuziehen, während jedes Blut aus seinem Gesicht wich. Die Schwester nickte und lächelte wieder.
Warum zum Teufel lächeln alle? Was soll an dieser Situation zum lächeln sein?
„Waren Sie in den letzten drei Monaten im Ausland?“
Er schüttelte den Kopf.
„Fühlen Sie sich im Moment krank oder litten Sie vor kurzen an einer Krankheit?“
„Ich fühle mich, als würde ich Ihnen gleich auf die Schuhe kotzen, aber ansonsten geht es mir gut …“
Sie musste lachen und erntete einen wütenden Blick.
„Wenn Sie noch reden können, geht es Ihnen noch gut genug“, meinte sie und zwinkerte. “Nehmen Sie Medikamente?”
“Nein.”
“Haben sie jemals eine Bluttransfision erhalten?”
“Nein.”
“Waren Sie in den letzten sechs Monaten im Ausland?”
“Ich war in Bayern, zählt das?”
Sie schüttelte mit einem leisen Grinsen den Kopf. Rick versuchte nicht auf das stärker werdende Zittern zu achten, dass seinen Körper ergriff.
„Hatten Sie jemals Sex mit einer Prostituierten?“
„Nein.“
“Ungeschützten Geschlechtsverkehr?”
“Sie nicht?”
Sie legte den Kopf schief. Etwas an ihrer Haltung, ließ ihn zusammen zucken.
„Ich denke mir diese Fragen nicht einfach aus, also tun Sie mir den Gefallen und antworten einfach!“
„Ja.“
„Wann zuletzt?“
„Keine Ahnung. Ich schätze ein paar Wochen …“
„Geht es nicht etwas genauer?“
„Vier Wochen …“
Sie schüttelte leicht genervt den Kopf, doch bevor sie etwas sagen konnte, ging die Tür auf und ein großer, freundlich aussehender Arzt erschien. Dennoch wurde Rick plötzlich ganz anders zu mute. Er blickte zur Tür und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass der Feueralarm los gehen sollte, doch es geschah nichts.
„Unser Patient ist etwas in Panik“, meinte die Schwester und kritzelte auf ihrem Klappbrett. Rick war nicht in der Lage, etwas zu sagen. Immer wieder sah er den Mann im weißen Kittel an. Trotz des scheinbar freundlichen Lächelns, schien eine Aura der Bedrohung um ihn herum zu schweben, die Rick einen kalten Schauder über den Rücken jagte.
„Sind Sie bereit für die Blutabnahme?“
Rick schüttelte langsam den Kopf. Sein Körper erschien ihn wie gelähmt. Die nackten Unterarme erschienen ihm plötzlich wie eine offene Einladung für alle, die sein Blut wollten. Der Arzt lachte leise und legte eine Hand auf seine Schulter, währen die Schwester ihm den Stauschlauch um den Oberarm wickelte und festzuzog. Sofort spürte er, wie sich sein Blut staute und sein Arm zu pochen begann.
„Beruhigen Sie sich“, meinte er zwinkerte. „Ich verspreche Ihnen, es ist schneller vorbei als Sie denken und am Ende werden Sie froh sein, es getan zu haben …“
„Das denke ich nicht …“, murmelte Rick und ließ sich sachte auf den bequem gepolsterten Stuhl drücken. Er war nahe dran, um sich zu schlagen, als der Arzt sich zu ihm beugte und nach einer Vene tastete. Rick schloss die Augen und versuchte angestrengt an etwas anderes zu denken. Das kalte Desinfektionsspray ließ ihn zusammenzucken.
Der Einstich erfolgte so schnell, dass er kaum Zeit hatte, zu reagieren. Ein leiser Schreckenslaut dran aus seinem Mund und er riss die Augen wieder auf. Der Arzt grinste schief.
„Und, war das so schlimm?“
Rick sagte nichts. Die Nadel steckte in seinem Arm und sein Blut floss langsam durch einen kleinen Schlauch in einen Beutel. Seine Panik wuchs an, doch ehe er etwas sagen konnte, beugte sich der Arzt dichter zu ihm.
„Es ist alles in Ordnung“, sagte er nachdrücklich. „Ist Ihnen schwindelig?“
Bevor er antworten konnte, reichte die Schwester ihm ein Glas Wasser, aus dem er ein paar gierige Schlucke nahm. Der Geschmack war seltsam metallisch, sodass er das Gesicht verzog und es ihr zurück, reichte. Der Arzt drückte ihm einen kleinen Ball in die Hand des Arms, in dem die Nadel steckte. Das Gefühl der Spitze unter seiner Haut, die gegen die Innenwände der Vene schabte, ließ Übelkeit in ihm aufsteigen.
„Immer schön pumpen“, meinte der Arzt und sah die Schwester an. „Kommen Sie allein zurecht?“ Lächelnd nickte sie und warf die Haare zurück. Rick betrachtete den Ball und versuchte eine Faust zu machen, doch das Gefühl löste einen derartigen Ekel aus, dass er es wieder ließ und an die Decke starrte. Immer wieder durchfuhren Panikwellen seinen Körper, bis er die Augen wieder schloss und angestrengt versuchte, nicht auf das kalte Gefühl in seinem Inneren zu achten. Als er die Augen wieder öffnete, war die Schwester gerade dabei, den Beutel zu wechseln. Der Anblick seines eigenen Blutes, abgepackt und lieferbereit, verstärkten seine Panik noch.
„Bin … Bin ich fertig?“
Das Sprechen fiel ihm ungewohnt schwer, als wäre seine Zunge plötzlich tonnenschwer. Die Schwester schüttelte den Kopf und grinste. „Ich fürchte nicht, Rick …“
Er zog die Augenbrauen zusammen und versuchte sie anzusehen. Etwas schien nicht in Ordnung zu sein, er fühlte sich seltsam betäubt, als würde mit dem Blut auch die Kraft aus seinem Körper verschwinden. „Ich …“, setzte er an, doch mehr brachte er nicht heraus. Die Welt um ihn herum schien plötzlich verschwommen, als würden alle Strukturen in einander verschwimmen. „Mir ist …“ Die Krankenschwester lachte höhnisch auf und beugte sich mit einem bösartigen Grinsen zu ihm. „Wehren Sie sich nicht, dann geht es schneller …“
Sein Blick ging zu seinem Arm. Noch immer strömte das Blut durch den kleinen Schlauch in einen Beutel. Seine Arme wurden kraftlos und es schien immer schwerer zu werden den Kopf zu heben. Der kleine Ball rutschte aus seiner Hand, doch die Schwester machte sich nicht die Mühe, ihn aufzuheben, stattdessen wechselte sie wieder den Beutel. Einen Moment lang durchfuhr Rick die Hoffnung, dass er es geschafft hatte, doch der Beutel war leer und wartete darauf, von seinem Blut gefüllt zu werden. Er wollte etwas sagen, die Schwester anschreien, dass sie doch jetzt genug Blut von ihm hätten, doch gerade als er die Kraft gesammelt hatte etwas zu sagen, drehte sich die Welt schneller. Sein Magen begann zu rebellieren und er war nahe dran sich zu übergeben. Das Gesicht des Arztes tauchte vor ihm auf, doch er konnte es nur schemenhaft erkennen.
„Das Blut fließt nur langsam, seine Panik verlängert den Prozess …“, hörte er eine weibliche Stimme sagen. Der Arzt nickte nachdenklich.
„Gut, geben sie ihm einen Blutverdünner und lassen sie ihn langsam ausbluten …“

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