Donnerstag, 7. November 2013

I love Widerspruch - Dirk Bernemann im Interview

Ja, es ist soweit. 
Der ein oder andere aufmerksame Leser wusste es ja bereits, DER Autor meiner noch immer vorhandenen Teeny-Seele war bereit mir auf meine Fragen zu antworten. DER Mann der mich im zarten Alter von 15 Jahren erreichen konnte - die Rede ist von Dirk Bernemann, dem Autor des Meisterstücks "Ich hab die Unschuld kotzen sehen 1-3", "Therapiebedarf", "Assoziales Wohnen" und "Kotzen am Gefühlsbüffett". Ihr merkt schon ich komme ins schwärmen, denn es gibt nicht viele Autoren in unserem schön-beschissenen Land die schreibtechnisch so die Sau rauslassen können. 
Darum spanne ich Euch mit meiner ermüdenen Vorrede auch nicht länger auf die Folter und fange einfach an ...

Hallo Herr Bernemann, 
im Normalfall würden nun die typischen "Was inspiriert Sie?"-Fragen kommen, doch besondere Autoren verdienen es nicht, mit dem alltäglichen Bockmist aufgehalten zu werden. Darum schreibe ich mir jetzt auch nicht die Finger blutig oder breche mir einen schlecht manikürten Fingernagel ab, sondern komme zu meinen Fragen. 

Guten Tag und sehr schön, dass dieses Interview versucht, nicht typisch zu sein, das empfinde ich zunächst einmal als Wohltat. Und genauso gut, dass Du auf die Schönheit deiner Hände achtest. 

1. Ich stolperte in einer Autorenvorstellung über den Satz "Er hat noch nie versucht, sich oder andere umzubringen." Ersteres glaube ich gerne, zweiteres auf den ersten Blick auch, jedoch nicht, wenn ich die ersten Zeilen deiner Meisterwerke lese. Zumindest auf dem Papier klebt einiges Blut an deinen Händen, ist dies Folge eines Dranges, den man nicht ausleben kann?

Nun, viele Kulturkonsumenten begehen den Fehler, direkt vom Werk auf den Künstler zu schließen. In Einzelfällen stimmt das ja auch, aber ich zum Beispiel schreibe ganz selten autobiographisch. Das wäre bei mir, besonders bei meinen ersten beiden Büchern, die ja eine gewisse expressive Brutaliät haben, ja auch sehr seltsam. Ich lehne auch Gewalt als Mittel der Kommunikation komplett ab. Wer das nicht glaubt, bekommt satt und lang was auf die Fresse.

 I love Widerspruch. 

2. Die abstoßend schönen Gedanken, die in den Köpfen der intellekutell entwickelten Bevölkerung kreisen, finden sich in unförmlicher Interpretation und Fäkalsprache - der ich persönlich sehr zugetan bin - in deinen Werken. Als meine Oma das erste Mal etwas von mir las, wandte sie eine heute verpönte, jedoch recht wirksame, Methode der Erziehung an und gab mir einen ordentlichen Klaps. Mich würde die Reaktion deiner Großeltern, Eltern etc. interessieren - also auf das erste, was du ihnen gezeigt hast - denn ich bezweifle, dass meine Oma deine kannte.

Meine letzte verbleibende Oma ist leider in diesem Jahr verstorben. Sie wusste das und auch was ungefähr ich schreibe, hat aber schon beim Titel eine Bremse gezogen und konnte so nie in die Tiefe gehen, schade. Meine Eltern kennen meine Bücher, sind nicht unbedingt Fan, finden es aber ok, was ich tue. Mein restliches Umfeld weiß manchmal gar nicht, was mein Beruf ist, aber die, die wissen, was ich tue, finden es auch nicht alle kollektiv gut, aber das ist ok, ich find deren Berufe auch nicht alle in Ordnung. Aber das empfinde ich als sehr gesund. Schriftstellerei ist eh ein sehr einsamer Beruf. Da müssen auch nicht viele mitgucken. Es reicht, wenn ich gucke und eine gewisse Qualität empfinde. 

3. Mit der "verunreinigten Unschuld" bei Heyne - jetzt bist Du beim Unsichtbar Verlag. (Ich hoffe mein Stand ist richtig)
Zieht es dich eher zum Indiecharme ?

Das hat folgenden Hintergrund: Meine Hardcoverbücher mache ich mit meinem Ursprungsverleger, der ja 2011 den wunderbaren Unsichtbar-Verlag aus dem Boden stampfte. Das ein oder andere Buch aus meinem Repertoire hat dann der Heyne Verlag (in der Edition Heyne Hardcore) wiederveröffentlicht. Ich weiß nicht genau, was Indiecharme ist, aber ich weiß, wem ich in diesem Business vertrauen kann. Größerer Verlag bedeutet natürlich größere Verbreitung, was sich wahrscheinlich jeder Autor irgendwann für seine Buchbabys wünscht. Wenn man das mit der Plattenindustrie vergliche und die, wie ich finde völlig überholte Unterscheidung zwischen Major und Indie macht, dann kann man vielleicht sagen, dass ich ein Indie-Autor bin, der teilweise Majorvertriebswege hat. 

4. Jede Figur, die ein Autor erschafft, enthält unweigerlich auch Teile des besagten Autors, bei den vielen Figuren die deinem Kopf entsprangen frage ich mich unweigerlich, was von dem kleinen Jungen, der das Malen hasste, noch übrig ist?

Oh, dieser Junge ist omnipresent. Auch der Junge in späteren Abschnitten seiner Biographie kommt häufiger mal vor. Malen kann er immer noch nicht und das muss er auch niemandem mehr beweisen. Aber er ist da, in jeder Figur ein bisschen, zumindest geht viel von seiner Wahrnehmung aus und das, in Sätze gepresst, kommt dann, teilweise wieder und wieder gefiltert irgendwann als Romanfigur ins Buch. Aber nie so, dass man mich als Menschen erkennen würde. Literatur ist ein gutes Versteck, einer der besten Hinterhalte, die ich mir vorstellen kann, um das zu beschießen, was mir wichtig ist. Aber auch, um aus der Ferne zu lieben, was mich auch wichtig ist. 

5. Nach dem Kotzen schafften es deine Bücher nicht mehr, einen deartigen Hype auszulösen - obwohl man dich noch immer wieder erkennt. Macht einen das traurig oder wütend? Oder trinkt man ein gutes Bier und lacht darüber, dass sich Menschen eher über Schimpfworte und Kotze freuen, als über ... mir fehlt ein passendens Adjektiv ... nennen wir´s "saubere" Ausdrucksweise?

Es ist folgendermaßen: Schade, schade, Marmelade. Meine ersten beiden Bücher waren ein ziemlich derber Tritt gegen die Tür des Literaturbetriebs. Dann war ich drin und habe mit meinen Mitteln da weitergemacht, was ja auch gut war und ich habe meine Fähigkeiten erweitert. Künstler, die stehenbleiben sind nur selten geil, wie die Ramones zum Beispiel, die haben das gedurft. Es wäre schlimm für mich, hätte ich mich nicht weiterentwickelt. Aber grundsätzlich gilt zu sagen: Frühwerk: geiler Scheiß, Spätwerk, ab 2010: viel geilerer Scheiß, den ihr alle lesen solltet. Das ist die Fortsetzung von allem was ich vorher gemacht habe mit anderen Mitteln. Ob es sauberer ist, kann ich nicht beurteilen, Sprache empfinde ich immer als sehr subjektiv und ich mag Widersprüche in der Sprache. Was ich nicht mehr so mag, sind Klischees, obwohl ich sie benutze, was wieder auf den Umstand zurückzuführen ist, dass ich Widersprüche mag. 

6. Als Blog-Leserin weiß ich, was nicht in deinem CD Regal steht, was genau darin steht, weiß ich jedoch nicht und besonders interessant wäre es für mich zu wissen, welche Musik in deinem Kopf spielt?

Musik ist irgendwie immer da und total wichtig, auch beim Schreibprozess. Dabei höre ich zumeist instrumentalen und ruhigen Postrock. Ein CD Regal besitze ich nicht mehr, was bauliche Gründe hat. Da ich durch meine ersten beiden Bücher so unermesslich reich geworden bin, habe ich mir ein Haus in der Schweiz gekauft, in dem ich ausschließlich Musik höre. Klingt komisch, ist auch vollkommen unwahr, aber für die Zukunft vielleicht ein gute Idee. In meinem Kopf hat es auch Musik, die wird auch bald erscheinen. Ich nehme in der Tat gerade ein Schallplatte auf, die den Popmusikmarkt zu sprengen gedenkt. Titel: Mit Absicht schlechte Musik hören heißt mit Absicht scheiße sein. Popmusik wird danach nicht mehr die gleiche sein. 

7. Neben den Alltagsdrogen und dem Medienkonsum gibt es noch immer Menschen die glauben, dass Marihuana schädlicher sei, als Alkohol oder Formate, die dürre Mädchen halbnackt über einen Laufsteg jagen, wie stehst du zu diesem Thema?

Was ist denn das Thema? Medien sind Drogen, oder wie? Ich denke, ich habe meinen Konsum gut im Griff. Was dürre Laufsteaks angeht, da kann ich nicht mitreden, da bin ich ganz ahnungslos im Piratenparteistil. Ich kann da zu nichts stehen, weil mir die Ahnung von dem Business fehlt, weiß nur, dass eine gewisse Übelkeit aufkommt, wenn ich sehe, was Menschen sind in welchen  Dosen antun. Medien und Drogen. Ja. Beides gut. Bei beidem sollte man aber die Dosis kennen, zwischen selektiver Sedierung und dem Dummwerden im großen Stil ist zuweilen nur ein schmaler Grad. Ich kenne viele, die genau da ihr Zelt aufgeschlagen haben und ich verstehe diese Leute. 

8. Ein Theaterstück, ein Comic und dutzende Menschen, die einem täglich sagen, dass man toll ist - ist die Anerkennung inzwischen eine Sucht, eine Begleitung oder ein notwendiges Übel, das die Miete zahlt?

Schöne Frage. Wirklich. Davon strahlt eine Menge positiver und negativer Energie ab. Anerkennung passiert, wenn man Dinge tut, die man öffentlich macht, Schreiben, Musizieren, Presslufthammer betätigen. Hass passiert auch, ganau aus den gleichen Gründen. Und ja, meine Kunst versucht seit Jahren mich auf würdigem Standard zu ernähren und ist dabei mehr oder weniger erfolgreich. 

9. Was geht dir durch den Kopf, wenn du morgens mit einem Kater aufwachst, ohne zu wissen, wo du bist und in der Wohnung neben dir dreht jemand Miley Cyrus in voller Lautstärke auf?

Wer ist Miley Cyrus? Google .... ah ... oh ... ne ... also ... hä? ... was zum? ... ach ... hahaha ... ne, also, so ... Sowas passiert mir nicht. Ich wache selten mit Katern auf. Miley Cyrus hat nach 30sekündiger Intensivbetrachtung ein sehr schönes Gesicht, aber das mit der Musik sollte sie sich nochmal überlegen. Es gibt schönere Leben. 

10. Als Indie-Autorin muss ich einfach fragen: Was liest du? Bestseller oder Indie´s? Oder doch Klassiker? Oder was ganz anderes? Oder sind es doch eher Zahlenrätsel, die man neben deinem WC findet?

Ich lese sehr viel verschiedenes. Klassiker, Postmoderne, Comics, Tageszeitung, Beipackzettel und Liebesbriefe. Neben meinem WC ist in der Tat ein Bücherregal. Wer bei der Darmentleerung was fürs Herz braucht, der wird das auch hier finden.


Ein Abschlusssatz ist immer erwünscht, jedoch nie ein Muss.
Danke dir das ich dich löchern durfte, damit hast du mein kaputtes Teeny-Herz wieder zum leben erweckt, zumindest für diesen Abend

Es gibt zu viele kaputte Teenieherzen. Was soll der Scheiß? Danke.

Kommentare:

  1. Trotz dessen, dass ich die Bücher allesamt nicht geleswn habe ein spannendes Interview. macht mich persönlich echt gespannr darauf die bücher zu lesen...

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    1. Das freut mich sehr :) Genauso sollte es auch sein!
      Ich finde die Bücher wirklich großartig, wenn du mal wieder unsicher bist was du lesen willst, kann ich sie nur empfehlen.

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  2. ... hat keine Zeit zum Kommentieren...muss erst zu Amazon und dann Platz machen im Bücherregal....
    ... und weg!
    LG

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