Donnerstag, 2. Januar 2014

Jeden Morgen wieder

Ich drehe das heiße Wasser auf und beiße die Zähne zusammen, während der Strahl die nackte Haut meines Rückens trifft. Meine Muskeln scheinen sich stöhnend über die Hitze zu beschweren, obwohl es zeitgleich eine Wohltat ist. Ich drehe die Hitze wieder etwas herunter, damit ich nicht länger das Gefühl habe meine Haut würde Blasen schlagen, und schließe kurz die Augen unter dem Wasserstrahl. Es ist 05:35 Uhr am Morgen, die letzte Woche und das lange Wochenende stecken mir noch in den Knochen. Bisher konnte ich den Blick in den Spiegel gekonnt verhindern, doch ich ahne bereits das heute keiner der Tage sein wird an denen mir gesagt wird, ich würde gut aussehen. Viel mehr scheint es einer dieser Tage zu werden, an denen ich gefragt werde ob es mir gut geht oder ob ich wenig geschlafen hätte. Ich öffne meine Augen wieder und verdränge den Gedanke an die Menschen die außerhalb der Badtür auf mich warten. Soziale Kontakte sind etwas sehr schönes, doch verlangen sie mir gerade in den Morgenstunden einiges ab. Nein, ich bin wirklich kein Frühaufsteher. 


Ich betrachte wie das Wasser in kleinen Bächen über meine Haut rinnt und sich an meinen Füßen sammelt. Leider komme ich dabei nicht drum rum zu bemerken, dass ich meinen Nagellack an den Zehen dringend erneuern muss. Füße sind im Allgemeinen nicht der liebste Teil meines Körpers, doch ungepflegt verschlimmert sich ihr Eindruck noch. Noch etwas das ich heute Früh auf meine unsichtbare Liste schreiben kann. Inzwischen habe ich es aufgegeben darauf zu achten wieviel Zeit ich darin investiere mich selbst als „okay“ zu empfinden. Fast jeden morgen stehe ich unter der Dusche, dann kommen die Haare, dass Make-up, die Klamotten und am Ende des Morgens bleibt mir gerade noch genug Zeit um meinen Kaffee halb zu trinken und meine E-Mails zu checken. Die Einsicht das ich mehr Zeit für wichtigere Dinge hätte, wenn ich mich weniger um Äußerlichkeiten kümmern würde ist nichts neues für mich. Doch während ich dastehe und warte bis das heiße Wasser auch mein Bewusstsein erreicht, erscheint es mir noch sinnloser als an den anderen Tagen. Egal wie viel wert ich darauf lege, während des Tages einem Bild zu entsprechen das sich in meinem Kopf festgesetzt hat, ich lande trotzdem jeden morgen wieder genau hier. Dabei ist es herzlich egal, ob ich am Tag davor viel oder wenig Make-up getragen habe, denn die Reste landen hier ohnehin wieder im Ausguss. Ich greife nach dem Shampoo und schäume meine Haare ein. Der grün-blaue Schaum landet neben meinen Füßen. Ich kann mir inzwischen gar nicht mehr vorstellen, wie es sein muss sich keine Farbpigmente aus dem Haar zu waschen. Für mich ist diese scheinbare Abnormalität zum Dauerzustand geworden. Ob oder wie ich das bewerte, kann ich noch nicht sagen. Muss ich auch nicht. Ich spüle das Shampoo aus und greife nach der Kur. Pflege ist schließlich wichtig.
Während die angeblich Wunder bewirkenden Stoffe sich in meiner Haarstruktur festsetzen dürfen greife ich mir das Peeling und das Duschbad. Ich bin einer der Menschen deren Haut aus Kratern bestehen würde, wenn sie sich nicht pflegen würden. Nachdem ich es jedoch endlich geschafft habe meine Haut von abgestorbenen Zellen und restlichen Make-up, sowie die Haare von den Pflegeprodukten, zu befreien, drehe ich das Wasser ab. Inzwischen ist der Spiegel beschlagen und ich habe noch eine Gnadenfrist bevor ich in meine müden Augen schauen muss. Nachdem abtrocknen folgt das eincremen und die erneute Pflege des Haares, dieses Mal ist es Haaröl mit Hitzeschutz. Denn die eigentliche Arbeit fängt jetzt erst an. Es folgt das Föhnen, Striegeln und Glätten meines wuscheligen Haares. Wenn die Luft im Badezimmer einen kritischen Grad erreicht hat, nutze ich die Gunst der Stunde und verlasse mit der Zahnbürste im Mund den Raum. Ich kann immerhin nur meinen Kaffee stehen lassen wenn ich ihn vorher auch aufgesetzt habe. Wieder vor dem Spiegel gibt dieser nun leider mein müdes Gesicht wieder. Es ist inzwischen bereits 6 Uhr und ich muss mich langsam aber sicher beeilen. Das Schminken an sich dauert bei meinem Standard Make-up nicht mehr lange und ich gestehe das es mehr als einen Tag gibt an dem ich außer einer Feuchtigkeitscreme und etwas Wimperntusche nichts verwende. Allerdings sind das auch oftmals die Tage an denen ich gefragt werde ob es mir schlecht geht. Sind Augenringe wirklich so ein Zeichen der Schwäche in unserer Gesellschaft? Ich schaue mir selbst in die Augen, schüttle den Kopf und nehme mir vor mir solche Fragen nicht zu stellen, denn die Antwort würde mir sicher nicht gefallen. Ich greife nach meinem Dope-Pulli und entscheide mich dafür, dass es egal ist ob ich aussehe als könnte ich Bäume ausreißen. In dem schlabberigen Pulli und dem kurzen Rock fühle ich mich immerhin wohl und darauf sollte es doch mehr ankommen. Mit dem dampfenden Kaffee in der Hand stehe ich dennoch wieder vor einem Spiegel, dieses Mal allerdings nicht im Bad sondern im Flur. Meine Schuhe stapeln sich auf dem kleinen Regal und jedes Paar scheint danach zu schreien, dass ich es tragen soll. Zu schade, dass ich nur zwei Füße habe.

Am Ende werden es trotzdem meine heißgeliebten Boots und ich stürme mit vornehmer Verspätung und einem halbgetrunkenen Kaffee aus der Wohnungstür …

Kommentare:

  1. Du sprichst mir praktisch aus der Seele, genau so sieht mein morgen auch aus.. Toll geschrieben! :)

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  2. Freut mich sehr :D Ich bin dafür einen Anti-Schmink-Tag ins Leben zu rufen, es ist wirklich erschreckend wieviel Zeit man vor dem Spiegel verwendet.

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