Montag, 17. März 2014

Justine privat - Liebe machen

Der Mond wirft sein kaltes Licht auf die aneinandergereihten Plattenbauten und trifft dabei auch mich, wie ich auf den Balkon stehe und langsam an meiner Zigarette sauge. Die Nacht ist noch jung, doch man kann bereits das Beben spüren. Der Alkohol hat eine warme Spur in meinem Magen hinterlassen, sodass ich den kalten Wind etwas besser ertragen kann. Überhaupt ist dieser Moment einer der wenigen seit Tagen den ich ertragen kann.
Ich bin nicht allein. Diese Tatsache trifft mich wie ein elektrischer Schlag und vernebelt kurz meinen Verstand während ich mich in dem Augenpaar vor mir verliere. Alleine bin ich selten, denn es sind eigentlich immer Menschen um mich herum, doch selten fühle ich mich dabei nicht einsam. In diesen Moment jedoch fühle ich mich anders und ich weiß nicht ob mir das gefallen oder mich verstören soll. Der Schmerz der mich seit Wochen nicht loslässt hat ihn genauso gefangen wie mich. Er hat die Verbindung zwischen uns geschaffen, denn rein objektiv betrachtet haben wir wenig gemeinsam. Ich bin das blanke Chaos und er ist der Spießer. Und trotzdem tauschen wir ab und an die Rollen und helfen einander nicht in dem ständigen Schmerz unterzugehen.

Ich ziehe den dünnen Mantel enger um meine Schultern und blicke zum Mond hinauf als könnte dieser mir die richtigen Worte ins Ohr flüstern. „Du scheinst sie wirklich zu lieben“, sage ich und lächle dabei, obwohl es nichts zu lächeln gibt. Liebe ist die schlimmste Form der Selbstzerstörung. Er sagt nichts, dass muss er auch nicht. Ich weiß wie es in ihm aussieht ohne, dass er es laut aussprechen muss. Vielleicht will ich es auch gar nicht hören. Das ganze Reden über Liebe erscheint mir schrecklich sinnlos und vor allem reißt es meine noch frischen Wunden immer wieder auf. Ich unterdrücke den Drang ihn in den Arm nehmen zu wollen, denn ich weiß dass es nichts bringt. Seine Gedanken sind bei ihr und werden sich nicht so schnell von diesen Gedanken trennen können.  Könnte ich ihn nicht so gut verstehen, wäre ich vielleicht wütend. Doch so wünsche ich mir nur, ihn in seinem Schmerz nicht alleine zu lassen.
Wir helfen uns gegenseitig aus einem Loch heraus und ich versuche wirklich die ganze Sache dabei rational zu betrachten. Dennoch brennt mir die Frage unter den blauen Fingernägeln: „Wirst du Sex mit ihr haben?“
Ich kenne die Antwort darauf und könnte mir selbst in den Hintern dafür beißen. Einer der Gründe dafür, dass ich ihn so sehr mag, ist seine Freiheitsliebe und den nicht zu verachtenden Verschleiß an Frauen. Doch keine dieser Frauen ist wie sie. In die anderen Frauen ist er nicht verliebt, sondern folgt nur seinen animalischen Instikten. Trotzdem kam die Frage aus meinem Mund und ich wage es kaum ihn anzusehen.
„Nein, ich werde mit ihr Liebe machen …“
Meine Mundwinkel verziehen sich zu einem traurigen Lächeln, denn diese Worte sind wohl das mit Abstand schönste das er bisher gesagt hat. Der Mond scheint etwas heller zu werden und ich kann mich dem Drang nicht mehr entziehen. Ich drücke mich an ihn und umarme ihn so fest ich kann.  Er weiß das mich seine Worte getroffen haben, doch noch besser weiß er wie gut ich ihn verstehen kann. Unglückliche Liebe ist schlimmer als alles andere. Wir stecken Beide bis zum Hals in einem Drama das wir selbst geschrieben haben und müssen uns damit abfinden, dass unsere Hauptrollen ihren eignen Kopf haben.  Liebe machen …
Ja, das ist kitschig. Für mich zu sehr. Bisher konnte ich mich weniger für den romantischen Mist begeistern, doch in diesem Moment überrollt mich die Romantik. Ich weiche zurück. Mein Fluchtreflex hat sich wieder gemeldet. Zum Glück auch, denn der einzige mit dem ich Liebe machen will ist nicht hier. Auf dem Balkon finden sich nur zwei gebrochene Herzen die nicht zueinanderpassen. Er lächelt auf diese Art die mir zeigt, dass er einen ähnlichen Gedanken hatte, zumindest hoffe ich das. Vielleicht ist er in Gedanken jedoch auch wieder ganz bei ihr und hat mich wieder in meiner Einsamkeit allein gelassen.
Wir gehen wieder rein. Drinnen warten die anderen Partygäste und diese haben sicher keine Lust auf melodramatische Geschichten voller Liebe, Sex und Tod. Ich setze mein Lächeln wieder auf und umklammere mein Schnapsglas etwas fester, während ich zwischen den Gästen Platz nehme und eine dumme Bemerkung mache. Sie lachen und nehmen ihre Unterhaltung in der Gruppe wieder auf. Ich lehne mich auf dem Sofa zurück und starre noch einen Moment in die Tiefen meines Glases.
Liebe machen.
Es klingt so einfach und doch kann ich mir nicht vorstellen es jemals wieder zu erleben, denn bisher gab es nur eine Person mit der ich Sex und Liebe vermischen konnte. Nur eine Person von der ich mir sicher war, es wäre die richtige für mich, mein Leben und meine Zukunft. Die Realität droht mich wieder gefangen zu nehmen und ich kann hören wie sich die quälende Einsamkeit in dem Raum voller Menschen ausbreitet. Nein, ich habe keine Lust wieder in meinem Selbstmitleid zu versinken. Ich bin hier um Spaß zu haben, koste es was es wolle. Mit mir wird so schnell niemand Liebe machen und wahrscheinlich ist das auch besser so. Mein Hang zur Selbstzerstörung erreicht ein neues Level, dass ich noch nicht einordnen kann. Je weniger ich andere Menschen damit hineinziehe umso besser.

Ohne nachzudenken kippe ich den Rest meines Drinks in mich hinein und zwinge mich dazu, dem Gespräch wieder zu folgen ehe noch jemand bemerkt was sich hinter meiner Fassade bewegt.

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