Freitag, 18. April 2014

Justine privat – Der Anker


„Ich liebe deine Hände“, sagt er streicht mit den Fingern über die Haut meines Handrückens. Ich muss gegen meinen Willen lächeln, denn welche Frau freut sich nicht darüber begehrt zu werden?
„Magst du sie wegen der Tattoos oder dem was du dir vorstellst was sie machen könnten, wenn wir nicht wir wären?“

Er legt den Kopf schief und grinst auf eine Art die mich ebenfalls zum grinsen bringt. Wir spielen dieses Spielchen schon lange miteinander und wissen wie weit wir gehen können, ohne uns in Gefahr zu bringen.
„Ich stelle mir das Bild sehr schön vor, wie deine Hände etwas umschließen und ich den Anker sehen kann …“
Noch während er redet sehe ich eine leichte Schamesröte in seinem Gesicht, die man einem Mann seines Alters nicht unbedingt zutrauen würde. Aber ich kenne ihn. Vielleicht besser als er es glaubt. Ich ziehe meine Hand zurück und lehne mich gegen die Lehne meines Stuhles. Das Wetter ist eigentlich zu schön um über die ernsten Themen zu reden die uns immer wieder zusammen führen. „Hör auf zu grübeln, du musst jetzt vor allem an dich denken.“
Ich schüttle den Kopf, obwohl ich ihm nicht widersprechen will. „Ich hab das Gefühl ich denke nur noch an mich …“
„Genau so ist es ja auch richtig. Es ist nicht deine Aufgabe das Opferlamm zu spielen. Schon gar nicht für Menschen die dir nicht gut tun …“
„Möglich, aber wenn ich es nicht mache, wer tut es dann?“
Er muss über diese Frage lachen. Es ist selten, dass ich Jemanden die naive Seite meiner Person zeigen kann, ohne mich vollständig nackt zu fühlen. In seiner Nähe kann ich das. Vor ihm muss ich nicht die Starke und Unnahbare miemen. Das musste ich noch nie. Bei ihm kann ich meine Verletzlichkeit mit vollem Stolz tragen. Egal welche scheinbaren Fehler ich begehe, verurteilen würde er mich nie. Das weiß ich sehr gut, denn mit ihm geht es mir eben so.
„Niemand muss es tun. Du kannst dir nicht immer jede Verantwortung aufladen.“
„Ich weiß, aber sie einfach wegzugeben kommt mir auch nicht richtig vor“, murmle ich und streiche mir die Haare aus dem Nacken. Ich habe mich noch immer nicht daran gewöhnt wie kurz sie sind. Wir schweigen und blicken uns an, bevor wir wieder lächeln müssen.  Ungewollt muss ich auf die Uhr blicken. Durch den ganzen Stress der letzten Monate habe ich vergessen wie es ist nicht ständig unter Zeitdruck zu stehen. Eine meiner liebsten Punkrock Bands hat dafür genau den richtigen Song geschrieben. Unterbewusst mache ich mir eine Notiz in meinem Kopf welchen Song mein Handy gleich für mich abspielen darf und erhebe mich von meinem Stuhl.
„Ich muss langsam los, bin schon 10 Minuten über der Zeit …“
Er schüttelt den Kopf und steht ebenfalls auf. Obwohl er etwas kleiner ist als ich, kommt er mir größer vor. Vielleicht liegt das auch an meiner Schwäche für kleine Männer, denn hinter ihnen verbirgt sich oft mehr als man vermutet.
„Lass dich nicht unterkriegen, ich freu mich auf das nächste Mal …“
Wir umarmen uns lange. Ich lege den Kopf auf seine Brust und lass mich von ihm stumm ihm Arm halten, bis meine Vernunft siegt und ich mich von meinem Traumland verabschieden muss. Noch immer lächeln wir beide. Er nimmt meine Hand in seine und streicht mit den Fingerspitzen über den Anker. Ich kann seine Gedanken lesen, doch ich spreche sie nicht aus. Unwillig rücke ich in den Hintergrund, verabschiede mich und streife die übergroßen Kopfhörer auf meine Ohren.


Und so marschierst du brav im Takt der Diktatur.
Denkst Zeit ist Geld, aber im Grunde bist du nur
Ein Sklave der Uhr.
Sklave der Uhr.
Ein Sklave der Uhr.
Sklave der Uhr.


Sondaschule

Kommentare:

  1. Oha ^^ Die Männer scheinen dir ja wirklich zu Füßen zu liegen

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  2. was für eine notgeile sau, der typ!

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  3. Ich kann weder das eine noch das andere bestätigen, danke aber für die Meinungsabgaben!

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  4. Wie so oft erzählst du Dinge die ich aus meinen privatesten Momenten kenne... Ich habe allerdings kein Ankertatoo, ich trage meinen Anker um mein Fußgelenk. ;-)

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    1. Danke meine Liebe :D Deinen Anker würde ich mir auch gerne mal ansehen!

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  5. Da passen so einige Sätze auch zu 100 % in mein Leben. Wahnsinn, wie man sich manchmal in Fremden wieder erkennt!

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    1. Das beruhigt mich sehr - damit wissen wir schon mal das wir nicht alleine sind ...

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  6. Wow ich liebe wie du schreibst! Ich war ein bisschen traurig als ich am Ende war, denn ich hätte noch ewig weiterlesen können :)
    Und ich muss sagen, ich finde die Tattoos auf deinen Fingern auch richtig schön!

    Ich wünsche dir einen wundervollen Tag <3
    Liebst, Sarah von Belle Mélange
    www.belle-melange.com

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  7. Ein wirklich schöner Text, sehr eindrücklich und gefühlvoll! Ich mag diese Art Post sehr gerne bei dir, ich selbst könnte sowas gar nicht schreiben =)

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  8. Du schreibst so gut, bin immer voll gefesselt und finde mich selbst in manchen Punkten wieder! :)
    Liebst, Vanessa

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