Freitag, 11. April 2014

Justine privat - Der Tiger

Sein Blick trifft mich schon bevor ich die Bar erreicht habe. Ich muss grinsen angesichts der blanken Selbstüberschätzung die sich mir entgegen ringt. Er winkt mich zu sich an die Bar und mein Grinsen wird breiter als ich neben ihm stehe. Mir gefällt was ich sehe. So unauffällig wie ein Tiger schleicht er sich an und verwickelt mich in ein scheinbar harmloses Gespräch. Ich mag diesen Teil der Phase des Kennenlernens.
Das Schönste sind meist die ersten Augenblicke, in denen einen ein Mensch noch nicht zum Halse raushängt.

Er bringt mich mit einem dummen Spruch zum lachen und fragt was ich trinken will.
Es gibt nur zwei Arten, wie ich auf diese Frage reagieren kann. Wenn ich ihm sage, was ich trinken will, lasse ich ihn anschließend stehen. Ich kann nicht einmal sagen woran es liegt, doch ein Mann der für meinen Drink bezahlt hat kaum eine Chance mich näher kennenzulernen. Ich würde mich fühlen als sei ich durch Alkohol käuflich.
Die Alternative ist, ihm zu sagen ich könnte meinen Drink selbst bezahlen. Eine Lüge und dennoch die Wahrheit. Ich KANN schon für meine Drinks zahlen, nur beschwert sich dann mein Bankkonto am Ende des Monats etwas mehr als sonst. Allerdings geht das Gespräch dann in die zweite Runde …


Ohne zu wissen was ich mache zücke ich mein Portemonnaie mit dem roten Schleifchen und bestelle einen Whisky Cola. Er ist eindeutig nicht mein Typ, doch irgendetwas an ihm interessiert mich. Die Unterhaltung ist noch immer oberflächlich und regt mein Interesse eher weniger an. Seine Körperhaltung ist jedoch noch immer die eines Raubtieres. Trotz der betonten Lässigkeit scheint er unter Strom zu stehen. Er sagt mir seinen Namen, doch ich tue als würde ich ihn nicht verstehen. Dreimal lasse ich ihn seinen Namen wiederholen und fange an zu lachen.
„Dir ist klar, dass ich deinen Namen in 10 Minuten wieder vergessen habe?“
Der skeptische Blick bringt mich noch mehr zum lachen. Ich kenne Typen wie ihn nur zu gut. Sie gehen hart auf die 30 zu und feiern immer noch neben den Erstsemesterstudenten. Auch ein Tiger bevorzugt eben leichte Beute, nichts wofür ich ihn verurteilen würde. Denn genau diesen Jagdinstinkt der Männer mache ich mir auch zu Nutzen. Nur das ich eher aus wirtschaftlichen Gründen jage – und zum Spaß. Als Mädchen Anfang Zwanzig hat man es eben nicht leicht, und dennoch zu leicht.
Der Takt eines Liedes reißt mich aus meinen Gedankengängen. Ich sehe ihn an. „Wollen wir tanzen?“ Er grinst und nickt. Mir ist als könnte ich sehen was seine Gedanken für Sätze formen …
Die Kleine ist noch heute Abend fällig …
Er steigt auf mein kleines Spielchen ein, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden das ich vielleicht die bessere Spielerin bin. Aber mir gefällt es ihm ein kleines naives Mädchen vorzuspielen. Von mir aus darf er sich gerne eine Weile überlegen fühlen, denn ich weiß, dass er heute Nacht alleine nach Hause gehen wird. Ich bin kein Mädchen für eine Nacht und schon gar keins, das sich einem Tiger zum Fraß vorwirft. Wir tanzen in Mitten der Menge und ich bemerke die skeptischen Blicke meiner Freunde, die sich fragen was für ein Typ sich jetzt wieder in meinem Netz verwickelt hat. Wir tanzen etwas enger und ich sehe das Glänzen in seinen Augen. Der Angriff wird nicht mehr lange auf sich warten lassen, doch das Lied endet bevor ich ihm die Möglichkeit dazu gebe. Ich schiebe mich wieder aus der Menge heraus.
„Ich muss mal kurz zu meinem Auto …“
Ich grinse breit. Obwohl ich weiß was passieren wird spiele ich weiter mit. Ich bin gespannt wie er versuchen wird mich zu küssen – oder ob ich doch einem Serienkiller in die Arme gelaufen bin. Der Alkohol und der in mir aufkeimende Männerhass machen mich heute Nacht zu einem Arschloch. Mit jeder Minute habe ich mehr Lust, diesen Frust an ihm auszulassen. Solche Emotionen können die Wenigsten in mir regen. Er holt etwas aus seinem Wagen. Ich mache eine sexistische Bemerkung und spiele auf Sex im Auto an. Seine Augen scheinen in dem schwachen Licht kurz zu blitzen. Er sieht sich bereits als Gewinner des Abends und verschwendet keine Zeit damit sich zu fragen, ob er vielleicht scheitern könnte. Sachte drängt er mich nach hinten, bis ich mit dem Rücken gegen eine Mauer stoße. Kichernd weiche ich seinem Kussversuch aus und hauche ihm ins Ohr das er mich heute Nacht nicht küssen wird, denn ich will nur spielen …


Kommentare:

  1. …ich habe Angst vor diesem Abend. Angst vor dem, was passiert oder passieren könnte. Ich hatte sie schon ein paar Tage nicht gesehen, aber heute Abend wird sie da sein. Wir sind jetzt nur gute Freunde, meint sie, das muss doch klappen. Leider sehe und fühle ich das anders…
    Es ist halbdunkel, der Club ist bisher kaum gefüllt als ich ankomme. Ich wandere umher und schaue mir die üblichen Gestalten an, die um diese Zeit schon an der Bar oder an den Rändern der Tanzfläche stehen. Hier ein „Hallo“, da ein Händeschütteln oder eine Umarmung. Normalerweise fühle ich mich wohl hier, das ist mein Revier, hier kenne ich mich aus. Aber heute ist es anders.
    An einem Tisch an der Seite sehe ich sie. Umringt von ein paar Freunden sieht sie mich und lächelt. Irgendetwas sticht da in meinen Herzen. Ich gehe zu den bekannten Gesichtern und umarme einen nach dem anderen bis sie als Letztes an der Reihe ist. Ein komisches Gefühl. Es wird sich unterhalten und gelacht und ich überspiele meine Stimmung mit Grinsen und oberflächlichem Gerede. Es gibt Bier. Umsonst. Ich stehe vor der Entscheidung, mein selbstgesetztes Ziel von zwei Bier an diesem Abend einzuhalten, oder einfach darüber hinwegzusteigen. Als ich noch einmal in ihr Gesicht sehe, wird mir bewusst, dass ich die Situation so nicht weiter ertragen kann. Der Alkohol war schon immer ein Freund für gebrochene Seelen. Innerhalb kürzester Zeit war ich mehr als angetrunken, was aber meine Stimmung nicht besserte. Wir tanzen. Ein paar Jungs, so würde ich sie nennen, werden auf sie aufmerksam und fangen an, sie anzusprechen oder vor ihr zu tanzen. Ich kenne diese Typen, ich bin schließlich auch so einer. Sie ist betrunken und lässt sich die Aufmerksamkeit gefallen. Mein Frust steigt, ich möchte mich prügeln, meinen unberechtigten Besitz geltend machen und sie von allen wegzerren! Nach und nach komme ich ihr näher. Ich hasse es, wenn sie trinkt, weil sie dann immer die Kontrolle verliert. Ihre Augen sind schon leicht glasig, aber sie bewegt sich noch sehr sicher vor mir. Mir ist alles egal, ich will lieber den Moment nutzen, auch wenn ich weiß, dass es mich kaputt macht. Wir sind kurz davor uns zu küssen, als sie weggerissen wird. Eine Freundin, die nur einen Bruchteil der Geschichte kennt, zieht sie schützend von mir weg, in den Glauben, dass das besser für uns beide ist. Ich bin sauer, aber im nächsten Moment auch erleichtert, als meine Bekannte mir sagt, dass die beiden jetzt gehen und dass sie auf sie aufpasst. Ich verabschiede mich kurz, sie sieht mich ein wenig traurig an und dann war sie weg. Ein Stein fällt mir vom Herzen, der Abend ist überstanden und ich bleibe nur verwirrt, angetrunken und trotzdem ziemlich deprimiert zurück…

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  2. …ich bin alleine an der Bar, immer noch in Gedanken, aber mein Gefühle haben sich etwas beruhigt und ich versuche mich abzulenken. Ich schaue in die Runde und filtere die möglichen Optionen heraus. Hübsch, aber zu klein. Komische Nase. Zu Dick. Zu heiß, bleib realistisch!
    Sie steht ganz hinten in der Schlange und sieht mich an. Ich bemerke zuerst ihr Lächeln und ihre Augen. Warum lächelt sie mich an? Ohne es zu richtig zu realisieren, winke ich sie an den ganzen alkoholisierten Typen vorbei, bis sie vor mir steht. Sie grinst. Tattoos. Blaue Haare. Ein wirklich aufreizendes Outfit. Ich bin verwirrt, warum steht sie hier. Ich bin doch wohl überhaupt nicht interessant für sie. Sie stellt sich vor und auch ich nenne ihr meinen Namen. Das Eis ist gebrochen, meine Laune bessert sich. Ich will ihr einen ausgeben, weil das die Masche ist und sie hat schon so oft funktioniert. Sie möchte nicht. Das weckt mein Interesse und meinen Ehrgeiz. Sie flirtet mit mir und ich weiß, dass sie mich am Haken hat, aber mir ist es egal. Alles ist besser als der erste Teil des Abends. Ich lasse mich auf ihr Spiel ein. Wir gehen tanzen. Natürlich will ich ihre Grenzen austesten. Es beginnt wie immer, man grölt selbstbewusst bei einen blöden Popsong mit. Sie lacht und grinst. Wir tanzen enger und heißer und ihr macht es Spaß. Ich denke nicht drüber nach, was passiert und lasse meinen Körper einfach das machen, was er schon so oft gemacht hat. Später stehen wir draußen, ich hab sie mit zum Auto genommen. Natürlich will ich sie küssen, das wissen wir beide. Trotzdem weiß ich, dass sie mit mir spielt. Ich ziehe sie an mich ran und schaue ihr in die Augen. Sie dreht den Kopf weg. Mir ist klar, was das bedeutet. Ich bin nicht enttäuscht, eher fühle ich mich von ihr herausgefordert. Der Moment war vorbei und wir gehen wieder rein. Den Rest des Abends würde ich als Gemisch aus wildem Tanzen, Provokationen und Heißmachen bezeichnen. Auch ich weiß, wie das geht. Irgendwann gehen wir und ich verabschiede mich. Mein Kopf ist wieder frei. Was für ein komischer Abend. Ich kann es noch nicht genau einordneten, aber sie ist interessant und ich möchte sie wiedersehen. Ich will wissen, wie das Spiel weitergeht…

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  3. Huch, was sind das denn für riesen Kommentare über mir :o
    Ich gebe nur mal eben meinen Senf ab: Tolle Geschichte, ich mag starke Frauen, die auch mal das Arschloch spielen ;)

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  4. Wow, manche schreiben dir ja einen ganzen Roman :D
    Tolle Geschichte, starke Frauen sind immer interessant :)!

    Alles Liebe
    Lara

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  5. Sehr coole Story! Hat Spaß gemacht zu lesen :)
    Liebe Grüße, Mona von Belle Mélange

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  6. Sehr schön geschrieben und sehr cool geschrieben :D

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