Freitag, 9. Mai 2014

Justine privat - Parkplatzgedanken


Mein Körper zittert schon bei dem Gedanken daran.
Es ist einer meiner nervösen Ticks, dieses Zittern. Ähnlich wie das ständigen Kauen auf den Lippen. Wenn es mir schlecht geht, sieht man das auf den ersten Blick. Ich bin blass, habe blutig gekaute Lippen und Augenränder die so dunkel sind das ich in einem der kitschigen Vampirfilme mitspielen könnte. Das ich diese Schwäche nicht besser kaschieren kann nervt mich gewaltig, doch zum Glück können Make-up und derbe Sprüche die Menschen zumindest eine Weile davon abhalten mich danach zu fragen wie es mir geht.
Doch leider verrät mich irgendwann das Zittern. Auch jetzt ist es wieder so.
Ich sitze an meinem Arbeitsplatz und starre auf die Zahlenreihe auf meinem Bildschirm ohne sie richtig wahrzunehmen. Mein Unterbewusstsein erledigt die Arbeit fast von alleine, während mein Bein unkontrolliert auf und ab zuckt. Das Klicken meiner Finger auf der Tastatur ist das einzige was ich hören kann, das Gemurmel um mich und das Gepöbel neben mir nehme ich nicht wahr, weiß aber das es da ist. Der Alltagstrott hält mich  gefangen wie ein gigantischer Oktopus ein Piratenschiff. Von einer Sekunde auf die andere zwinge ich mich stillzuhalten, doch dann fängt das Zittern meiner Hände wieder an und macht es mir unmöglich einen lesbaren Text an der Tastatur zu tippen. Mit zusammen gebissenen Zähnen lehne ich mich in dem unbequemen Stuhl nach hinten und blicke an die schmutzige Decke über mir.


Es gibt Tage da hasse ich mich dafür, dass ich immer versuche stark zu sein. Für manche Menschen wirke ich dadurch kalt, doch eigentlich ist das genaue Gegenteil der Fall. Würde ich allen Gefühlen die in mir aufflammen nachgeben, würde ich binnen weniger Tage implodieren. Ich greife nach meiner Zigarettenschachtel und ziehe eine Kippe heraus. Die wenigen Minuten bis zum Feierabend erscheinen mir schon seit Stunden, wie Stunden. Dieser Tag zieht sich in die länge wie alter Kaugummi. Stöhnend wische ich mir die Strähnen aus dem Gesicht und blicke in die kühle Nacht hinaus. Der Parkplatz vor dem Gebäude ist fast leer und die Straßenlaternen tauchen das ganze in ein unheimlich schönes Licht. In meinem Kopf bewegen sich bereits die ersten dunklen Gestalten und spinnen Tagträume von Grauenhaften Taten die man an einem solchen Ort begehen könnte. Ein kalter Schauder läuft über meinem Rücken.
Endlich hat sich die Uhrzeit meinen Bedürfnissen angepasst. Es ist 23 Uhr. Ich habe endlich Feierabend. Obwohl ich es eigentlich gewöhnt bin ständig übermüdet zu sein, ist es in den letzten Tagen schlimmer geworden. Ich stehe noch immer wie gewohnt um halb acht auf, doch bevor ich überhaupt an Schlafen denken kann ist es bereits 2 Uhr morgens. Noch bevor es 23:01 Uhr ist, habe ich den PC runtergefahren und meine Jacke an.
Die düsteren Parkplatzgedanken sind noch immer da und formen sich langsam zu einem deutlicheren Bild. Ich mache mir eine Notiz in meinem Kopf, damit ich mich später daran erinnere die Ideen in mein Notizbuch zu schreiben. Bei den vielen düsteren Gedanken die ich habe, fällt es sonst schwer den Überblick zu behalten. Der Fahrstuhl knarrt bedrohlich während er nach unten fährt. Zum Glück gehe ich immer zu Fuß und muss nicht durch den grusligen Keller und das Parkhaus laufen. Ich nehme den direkten Weg, schlinge die Arme um mich selbst und eile über den Parkplatz. Eine der wichtigsten Regeln als Mädchen alleine im Dunkeln, ist Aufmerksam zu sein, dazu gehört, dass ich meine heißgeliebte Musik nicht höre.
Sich an jemanden heran zu schleichen der lautstark Jennifer Rostock Songs mitsingt ist sicherlich nicht nett, hat aber eine sehr hohe Erfolgsrate. Grimmig weil sich meine Nikotinsucht wieder meldet stecke ich eine Kippe zwischen die Lippen und bleibe kurz stehen. Ein älterer Mann geht auf der anderen Straßenseite vorbei, auf dem Parkplatz steht nur ein Auto dessen Scheinwerfer mich blenden und an der Bushaltestelle gegenüber steht ein Typ in ausgeblichenen Jogginghosen und Dosenbier. Mehr Klischee geht nicht.
Ich muss über die Ironie fast lachen und sauge den Qualm tief in meine Lunge. Meine Lust auf Selbstzerstörung bringt mich immer wieder an eine Grenze – meine Familie. Obwohl ich nach außen hin gerne das Bild des Anti-Familienmenschen gebe, ist es doch eigentlich anders rum. Meine Familie bedeutet mir eigentlich alles, doch leider habe ich keine. Meine Mutter hat mir mehr angetan als man verzeihen könnte, meinen Vater kenne ich nicht einmal und meine Schwestern sind …
… wie ich. Kaputt und selbstzerstörerisch.
Ich schnipse die Kippe weg, obwohl ich gerade einmal zwei Züge von der Zigarette genommen habe. Nervös wühle ich in meiner Tasche nach einem Kaugummi und biege um die Ecke. Auch dieses Bild ist wenig beruhigend. Vor mir liegt eine dunkle Straße und dutzende von Autos. Angst habe ich keine, denn noch sehe ich nichts vor dem ich Angst haben müsste. Trotzdem denke ich an all die Möglichkeiten. Ich stelle mir vor, wie mich jemand beobachtet, sich hinter einem der vielen Wagen versteckt und auf seine Gelegenheit zum Angriff wartet. Ich muss grinsen und finde es verstörend das mich solche Dinge zum grinsen bringen. Sich einfach hinter einem Auto zu verstecken und zu warten ist zu langweilig und durch dutzende von Horrorfilmen ausgelutscht. Nein, das Gefühl des Verfolgt Werdens ist es das einem richtige Angst einjagt. Ein Rascheln hinter einem, das Klirren von Metall oder das Zerbrechen von Glas das einen Aufschreckt und dann die Erkenntnis, dass es nicht nur Einbildung ist, sondern das man wirklich verfolgt wird …

Wieder grinse ich breit und kann das Zucken in meinen Fingern wieder spüren. Ich muss etwas schreiben, bevor ich Amok laufe. 

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