Mittwoch, 4. Juni 2014

Justine Privat - Die liebe Liebe



Der bloße Gedanke daran ihn zu verletzen lässt meinen Körper zucken und jede Wunde neu aufreißen, die er über die Jahre in meine Seele geritzt hat. Der Anblick seiner von Trauer und Wut verschleierten Augen, macht mir das Atmen schwer, während ich händeringend nach den richtigen Worten suche. Liebe ist nicht das Problem zwischen uns, oder vielleicht doch, denn offensichtlich war sie nicht stark genug. Der Schmerz ist das Schlimmste, denn er treibt mir immer wieder die Tränen in die Augen als würde mein Körper die Emotionen nicht länger ertragen. Die Gewissheit, dass wir einander nicht gut tun hat sich inzwischen in meine Haut eingebrannt. Ich liebe ihn und mich zu sehr um uns weiter ins Unglück zu stürzen.
„Du sagst immer das es im Leben immer nur auf die schönen Momente ankommt die wir sammeln …“, sage ich und spüre wie brüchig meine Stimme mit jeder Silbe wird. Noch nie viel es meiner großen Klappe so schwer sich zu öffnen.
„Meine schönsten Momente hatte ich mit dir …“, wehrt er ab und lässt den Blick auf dem Boden schweifen als würde er dort die Scherben unserer Liebe sehen.
„Aber auch die Schlimmsten …“, gebe ich zu bedenken und versuche mit  bitterer Verzweiflung die Schutzmauer um mich herum nicht bröckeln zu lassen.
„Jeder schlimme Moment mit dir war schöner als einer ohne dich …“

Der Klang seiner kitschigen Worte lässt mich wieder zittern, doch dieses Mal ist es die Angst vorm schwach werden die jede Sekunde neben ihm unerträglich zu machen scheint. Ich bin schon zu oft wegen ihm schwach geworden und bisher bereue ich keinen dieser Momente – Doch jetzt ist es anders. Ich weiß, dass ich es bereuen würde, denn damit würde alles nur noch schlimmer werden. Mir erscheint es als hätte mein Herz sich auf ein tödliches Duell mit meinem Kopf eingelassen und bereits scharfe Munition verwendet die sich nun mit jedem Wort durch meine Schutzweste schlägt.
„Du bist ein guter Lügner“, murmle ich und zwinge mich zum lächeln. „Wir haben uns gegenseitig zu viel angetan um es noch zu ignorieren …“ Die Härte meiner Stimme schneidet die Luft zwischen uns in zwei blutige Hälfte. Wieder spüre ich die Tränen wie Säure in meinen Augen und erhebe mich von meinem Platz. „Tut mir leid, aber ich kann nicht mehr …“
Auch in seinem Gesicht hat die salzige Säure ihre Spuren hinterlassen und glänzt silbrig auf der roten Haut. „Warum?“
„Weil die Zeit zu schön und zu schrecklich war …“, hauche ich und beiße mir so fest auf die Lippen das ich Blut schmecken kann.  Ich greife nach meiner bereits gepackten Tasche und hänge sie mir über die Schultern, als befände sich in ihr die Last eines ganzen Lebens dessen Ende abzusehen war. Die emotionalen Wunden die wir einander Hinterlassen sind zu tief, als das ein einfacher Verband die Blutung stillen könnte. Er steht ebenfalls auf und umarmt mich so fest, dass ich Angst habe er würde mich nie wieder los lassen. Der Geruch seiner Haut steigt mir in die Nase ohne, dass ich es verhindern könnte und unwillkürlich muss ich an das erste Mal denken als ich in den Genuss kam diesen Duft in mich aufzusaugen. „Du riechst wie ein Gott riechen sollte …“, wiederhole ich laut den Gedanken den ich bereits bei unserer ersten Begegnung hatte. Er lässt mich los und sieht mich fragend an.
„Was hast du gesagt?“
Ich schüttle den Kopf, denn meine Worte würden es nur noch schlimmer machen und ich spüre bereits wie ich beginne mich danach zu sehen, einfach in seinen Armen zu weinen. Doch er kann mich nicht weiter tragen und ich ihn nicht.
„Ich muss jetzt gehen“, sage ich bitter und schiebe mich mit gebrochenen Herzen an ihm vorbei. Der strahlende Sonnenschein scheint mich zu verhöhnen, während die Sonnenbrille meine verquollenen Augen versteckt. Die Tatsache, dass ich ihn verletzten muss um mich selbst wiederzufinden, trifft mich wie eine Kugel mitten in den Kopf. Ich kann förmlich spüren wie Blut und Hirnmasse über mein Gesicht laufen. Mit jedem Tropfen scheint die einstige Liebe zu vertrocknen wie eine Lilie in der staubigen Wüste. Monate lang habe ich mich gegen die Erkenntnis gewehrt und gehofft, trotz aller Widrigkeiten mit ihm glücklich zu werden – doch so war es nicht.
Egal wie sehr ich mir gewünscht habe, dass unsere Liebe nie vergeht, sie war nicht stark genug um die ständigen Stürme zu ertragen. Die Tränen wollen nicht mehr fließen, während ich um die Ecke biege und dem letzten Menschen dem Rücken zu drehe von dem ich sagen kann das ich ihn liebe.
Mich selbst liebe ich mehr als ihn und dieser neu gewonnene Egoismus ist der Punkt.  Das Bewusstsein, dass es mich nicht zu einem schlechten Menschen macht, ist ebenfalls neu und ich muss meine Gedanken neu ordnen bevor ich mich noch einmal in die Nähe der Liebe wagen kann, denn   diese ist wesentlich komplizierter als Hollywood es uns verkaufen will. Nur Hormone und Verliebtheit reichen nicht aus um glücklich zu sein. Ich beginne mich selbst für diese Erkenntnis zu hassen, doch lieber ist es mir mich selbst in das umklammernde Alleinsein zu stürzen, als ihn und mich weiter unglücklich zu machen.
Shit Happens …
Die liebe Liebe wird wieder auftauchen, es braucht nur Zeit.





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