Donnerstag, 3. Juli 2014

Justine privat – Essen mit Gewissen

Menschen sind Omnivoren. Allesfresser. Ich bin einer von ihnen und doch scheine ich gerade nicht dazu zugehören. Ich führe einen Kampf mit meinen eigenen Instinkten. In den ersten hunderttausend Jahren der menschlichen Evolution haben wir aus der Nahrungsknappheit gelernt, uns schnell möglichst viel Energie zu verschaffen. Leben ist Energie: Fleisch.
Energie ist gut. Macht uns schnell. Macht uns stark. Lässt einen den anstrengenden Tag durchstehen. Doch Fleisch wächst nicht auf Bäumen. Leben ist Energie, Fleisch ist totes Leben. Eine Tatsache die in ihrer Einfachheit einen Knoten in meinen Magen macht und mich dazu bringt, nur an meinem Wasser zu nippen, statt mich an dem üppigen Grillmahl zu beteiligen. Der Geruch des gebratenen Fleisches in Verbindung mit dem rauchigen Bier fördert den Ekel ebenso, wie den Speichel in meinem Mund.
Ratlos blicke ich durch die vielen Menschen hindurch und starre auf das heiße Grillrost auf dem ein ehemaliges Schweinchen seine letzte Ruhe verbringt. Das Fleisch zischt, als würde es den Grillmeister dafür verurteilen, doch dieser hört die geisterhaften Rufe des Tieres nicht, sondern trinkt weiterhin fröhlich sein Bier. Ich schlucke meine düsteren Gedanken herunter. Die Gespräche um mich herum schaffen es kaum meine Aufmerksamkeit zu erregen, statt dessen starre ich immer wieder zum Grill herüber und betrachte wie die vielen Fleischstücke gewendet werden.


Ich weiß, dass der menschliche Körper für den Verzehr von Fleisch ausgelegt ist, doch ich bringe es trotzdem nicht über mich den Teller des Grillmeisters entgegen zu nehmen. Mir wird wieder schlecht bei dem Gedanken, dass wahrscheinlich eine halbe Familie an diesem Tisch in Stücken zum Verzehr bereit liegt. Und dann kommt zu allem Übel die Frage vor der ich bisher versucht hatte auszuweichen:
„Willst du gar nichts essen?“
Ich kann nur mit dem Kopf schütteln und den Augenkontakt möglichst vermeiden. „Nein danke, ich hab keinen Hunger …“
„Komm schon, ich hab sogar die kleinen Würstchen mit Speck!“
Ohne dass ich es will, kommt mir in den Sinn wie viele Tiere ein Deutscher im Durchschnitt isst. 1094 Tiere – jedes Leben an diesem Tisch hat also grob geschätzt 1000 andere Leben gekostet. Ich lehne mich zurück und ignoriere das schmerzhafte Stechen in meinem Kopf. Ich mag die kleinen Würstchen, besonders die mit Speck. Also warum kann ich den Gedanken nicht ertragen sie zu essen?
„Nein, danke. Ich möchte wirklich nicht. Vielleicht esse ich später etwas Salat …“, weiche ich aus und hoffe dabei, dass dieses Gespräch somit beendet ist. Doch leider scheint mein Gesprächspartner das anders zu sehen.
„Ich hab hier Nudelsalat, mit Mais und Schinken …“
Ich schüttle wieder den Kopf und werde langsam aber sicher von der Gesamtsituation genervt. „Nein, wirklich nicht - danke …“
„Seit wann isst du kein Fleisch mehr?“, werde ich grimmig angesprochen und sofort richten sich mehrere Augen auf mich. Die Fragen donnern von allen Seiten auf mich ein.
„Wie du isst kein Fleisch?“
„Bist du jetzt einer dieser Hippies?“
„Hast du dich dem Veganer-Trend angeschlossen oder was?“
Ich hebe schützend die Hände und schüttle gleichzeitig den Kopf. „Nichts von alledem …“, antworte ich schnaubend und stehe auf, bevor ich mir noch mehr Fragen gefallen lassen muss. In der letzten Woche durfte ich mich auf Grund meines Essverhaltens bereits ausführlich rechtfertigen – egal von welcher Seite man es betrachtet, alles steht auf Angriff.
Die Fleischfresser, gegen die Vegetarier und die Veganer gegen alle. Jeder scheint es besser zu wissen als der andere und sieht sich in Überlegenheit. Die einen meinen es sei unnatürlich Fleisch nicht zu essen und die anderen sehen es als Massenmord – Und mitten drin bin ich. Irgendwo dazwischen und sich weigernd sich in eine dieser Schubladen stecken zu lassen.

Vier Kühe oder Kälber, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Truthähne, 46 Schweine, 945 Hühner – habe ich in meinem Leben bereits soviel Fleisch gegessen?



1 Kommentar:

  1. Ich hatte letztens mit einem Veganer eine ähnliche Diskussion und mittendrin, "Platsch" haut er ne Fliege platt die ihm seit Minuten von Hand zu Hand geflogen ist. Ich hab nichts gesagt, aber konnte mir ein überlegenes Schmunzeln nicht verkneifen.

    Ich muss ganz ehrlich sagen das mich deine Beiträge zum Nachdenken angeregt haben. Zwar werde ich kein Veganer oder sowas, dennoch überdenkt man so einiges. Ich habe kein Problem mit der Fleischindustrie, ich sehe es als ein Nahrungsmittel an. Ich selber komme vom Bauernhof und zu DDR Zeiten hatten wir regelmäßig selber geschlachtet, Schwein, Schafe, Kühe, Hühner und Hasen sowieso. Ich war schon als kleiner Junge mit dabei, da ich viele Aufgaben hatte, wie Blut rühren und so Zeug.
    Für mich ist das überhaupt kein Problem, auch heute noch schlachten wir Hasen, Hühner und nehmen gefangene Fische aus. Wo bei mir das denken einsetzt ist die Tatsache das im Gegensatz zu unseren Hausschlachtungen heute vieles weggeworfen wird. Und niemand interessiert es. Aber nicht nur Fleisch. Lebensmittel werden viel zu oft weggeworfen. Daher nehme ich auch die Veganer nicht ernst die denken damit was gutes zu tun kein Fleisch zu essen. Geschlachtet wird weiterhin im Übermaß. Ganz einfach weil die Industrie darauf ausgelegt ist. Nur wird immer mehr weggeworfen. Und das wird sich nicht ändern. Der zivilisierte Mensch braucht Auswahl, auch der Veganer möchte Abwechslung auf dem Teller, somit sind für mich alle gleich, nur manche eben gleicher als andere.
    Ich versuche mich bewusst zu ernähren. Kaufe nur Sachen wo ich weiß das sie auch gegessen werden und lebe gut damit.

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