Donnerstag, 10. Juli 2014

Justine privat – Vorwurfsvolle Augen


„Es kommt die Zeit, wenn man eine Position einnehmen muss, die weder sicher, noch politisch korrekt oder populär ist. Aber man muss sie einnehmen, weil einem das Gewissen sagt, was richtig ist.



- Martin Luther King

Er sieht mich mit diesem Blick an und mir vergeht die Lust zum Essen wieder einmal. In seinem Blick steckt soviel Vorwurf auf einmal, dass ich es schwer ertrage ihm länger in die Augen zu blicken. Mit bitterem Nachgeschmack schlinge ich die Reste meines Hot Dogs herunter und versuche nicht daran zu denken wie das kleine zarte Würstchen einmal ausgesehen hat. Ich bin selbst Schuld an dieser Situation, wer geht schon mit einem Veganer Hot Dogs essen? Auf so eine Idee kann nur jemand wie ich kommen …
Ich verkneife mir eine angriffslustige Frage denn in seiner Gegenwart fällt es mir schwer bei Diskussionen sachlich zu bleiben. Stattdessen wische ich mir den Mund mit einer Serviette ab und hoffe, dass ich keinen peinlichen Ketchuprest in meinen Mundwinkeln habe. Noch immer sieht er mich an.
„Jetzt guck nicht so“, brumme ich und schiebe mir eine der gelockten Strähnen hinter das Ohr.


„Du hast damit angefangen“, erinnert er mich und das überhebliche kleine Grinsen auf seinem Gesicht macht mich fast wahnsinnig. Ich verschränke die Arme vor der Brust und versuche mich nicht ablenken zu lassen. Seine Überheblichkeit in Verbindung mit dem inbrünstigen Idealismus, macht mich wütend und schwach zur gleichen Zeit. Ich bin mir nicht sicher ob ich ihn schlagen oder umarmen soll …
„Du solltest eben keine Diskussion anfangen die du verlierst“, stochert er in meiner offenen Wunde herum und packt mich damit auch noch bei meinem empfindlichen Stolz. Ich kann mich nicht mehr davon abhalten gegen seine Schulter zu boxen. Mein Gesicht verzieht sich leicht, weil meine Hand kaum eine Auswirkung auf seine Schulter hatte. Ich stehe von der kleinen Parkbank auf und blinzle in die Sonne.
Der Sommer scheint noch nicht richtig da zu sein, so wie sich die Wolken immer wieder vor die goldene Sonne schieben. Er lacht, lacht mich aus und ich kann nicht anders als mir ein Grinsen zu verkneifen. Die Zeit sitzt mir wie immer im Nacken und ich komme kaum dazu diese kleinen Momente wirklich zu genießen. Wie ein wildes Tier renne ich von einer Ecke in die nächste und habe keine Ahnung wo der Ausweg aus dem ganzen Chaos ist. Das Lachen wird leiser und er grinst wieder auf diese Art die jegliche Vernunft aus meinen Gedanken streichen will. Alles in mir zieht sich zusammen und im Kopf bin ich bereist dabei Pro und Contra Listen aufzustellen.
„Musst du wirklich schon gehen?“
Wieder dieser Vorwurf in den Augen, als wäre es nicht bereits schlimm genug ihm den Rücken zu zudrehen. In meinem Inneren tickt die Uhr jedoch bereits so laut, dass ich schwer daran denken kann noch einmal von meinem Plan abzuweichen.
„Ja, ich hab es versprochen“, erwidere ich also tapfer und fühle mich wieder mehr wie ich selbst. Mit der Eleganz einer toten Libelle werfe ich mir meinen Beutel, der im Übrigen gar nicht nach Hipster aussieht, über die Schulter und lächle ihn an. Ich bin mir noch nicht sicher wie sich die Puzzlestücke am Ende zusammensetzten, doch schon jetzt ist mir klar, dass er das Bild mit bestimmen wird, ob ich mich nun dagegen wehre oder nicht.
Wir umarmen uns und er drückt meinen Kopf gegen seine Brust. Sein schneller Herzschlag erinnert mich an den Takt eines Liedes, doch mir will nicht einfallen wie der Song heißt. Eine gefühlte Ewigkeit stehen wir einfach nur da und ich erwische mich dabei wie ich die Augen schließe. Doch dann ist der Moment verstrichen. Ich löse mich von ihm und bemühe mich beim Weggehen nicht über meine Schulter zu blicken, obwohl ich seinen Blick überdeutlich auf meiner Haut spüren kann.

Mein Atem beschleunigt sich und meine Schritte werden schneller, denn das Gewissen hat sich bereits wieder in meinem Magen festgebissen. Nicht nur das ich immer wieder ein kleine Ferkel denken muss die grausam abgeschlachtet werden, nein, ich muss nun auch noch den Weg antreten in die nächsten Vorwurfsvollen Augen zu blicken die Zuhause auf mich warten. 

Kommentare:

  1. Veganer? Waren das die, die in der Steinzeit in der Höhle bleiben mussten, weil sie zu ungeschickt (= doof) zum Jagen waren? Also die aus der Kategorie "Sammler". Sicher, es gibt große Defizite in der Tierhaltung und bei der Schlachtung. Was aber daran liegt, dass die Leute Fleisch in Superqualität für 2,49€/kg haben möchten. Und das geht nicht. Aber wenn man darauf achtet, wo man sein Fleisch kauft, ist auch Fleischgenuss vertretbar. Sicher in Maßen, schon allein wegen der klimaschädlichen Gase, die durch Tierhaltung verursacht werden. Wer glaubt, mit einer veganen Lebensweise mehr zu ändern, als sein eigenes Verhalten, ist pathologisch "blauäugig".

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  2. Sehe ich ganz anders, komplett von tierischen Produkten fern zu bleiben erscheint mir immer mehr eine alternative zu sein wenn man sich von der klassischen Industrie absetzten will. Die eigene Ernährung ist sicherlich nur ein erster Schritt um mit seinem Verhalten etwas zu ändern - aber die stetig steigende Masse an Menschen die ihr Gewissen entdecken und sich aus diesem Grund von Tierprodukten fernhalten kann wirklich etwas bewirken.

    Ich bin gespannt wo meine eigene Entwicklung hingeht.

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  3. An die Ferkel denke ich auch oft. Nur irgendwie find ich es sehr schwer komplett auf Fleisch zu verzichten. Ich weiß nicht waurm. Es ist ja nicht so, als hätte ich das nicht schon mal probiert, es geht einfach nicht. Meine Willenskraft ist wohl nicht stark genug *schäm*

    Lg Anna
    www.the-anna-diaries.de

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  4. Hab mal eine Zeit als Vegetarier gelebt, dies aber wieder aufgegeben. Denke, dass jeder dies für sich entscheiden sollte und dass man keinem vorschreiben sollte, ob man Fleisch und tierische Produkte essen darf, oder eben nicht. Es ist eine persönliche Entscheidung und kein Dogma für alle ...

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  5. Vegetarisch ist ja auch noch mal ganz anders - Ich denke entweder macht es Klick im Kopf oder eben nicht. Das kann man nicht selbst steuern sondern es muss von selbst kommen - oder eben nicht.
    Es gibt viele Wege die Welt zu retten und welches der Richtige ist wissen wir ohnehin nicht vorher,

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