Samstag, 16. August 2014

Pro Ana goes vegan


Es ist in der Tat schon etwas her, seit ich mich das letzte Mal mit dem Thema Essstörungen auseinander gesetzt habe. Den letzten Post zum Thema Pro Ana findet Ihr HIER.
Allerdings ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Nahrungsaufnahme ein fester Bestandteil meines Lebens und auch des Blogs, so liegt es nahe, dass ich früher oder später auch darüber berichte, dass der vegane Trend nicht nur unter gesunden Menschen um sich greift, sondern auch großen Anklang bei Menschen mit einer Essstörung findet.
Ana wird vegan.
Die Zusammenhänge zwischen Essstörungen und dem veganen Lifestyle scheinen auf den ersten Blick gut versteckt zu sein, befasst man sich jedoch etwas näher mit beiden Themen wird schnell klar, warum sich Menschen mit einer Essstörung auch zu diesem Thema hingezogen fühlen. Die vegane Ernährung hat viel mit Disziplin und Selbstkontrolle zu tun – Dinge die für Menschen mit Magersucht oder Bulimie unweigerlich zum Leben dazu gehören. Die Betroffenen suchen nach Halt und Richtlinien die sie in dieser Form beim Veganismus finden können – wobei auch der ethische Aspekt eine bedeutende Wirkung hat.


Die meisten Anhänger der Pro Ana Gemeinschaft suchen nach Reinheit und Perfektion. Der Verzehr von Tierfleisch ist unrein, denn totes Gewebe in sich aufzunehmen würde den Körper verschmutzen. Es liegt also nahe das es unter den Anas und Mias viele Vegetarier/innen gibt – der nächste Schritt ist somit der zum Veganismus, da Nahrungsquellen die Leid an Tieren erzeugen nicht rein sein können.
Den Tierschutz zu fördern ist mit Sicherheit eine gute Sache, im Kontext mit einer Essstörung wird dies jedoch oftmals als Deckmantel missbraucht. Die sich verbreitenden „Pro Ana vegan“ Rezepte und Blog werben mit oftmals viel zu einseitigen Gerichten die nichts mit einer gesunden Ernährung zu tun haben, sondern schlicht dem Ziel dienen weiter abzunehmen.  Auch Aktionen wie „So schön ist vegan!“ werden missbraucht und mit triggernden Inhalten versehen, ohne das sich Mädchen bewusst machen das nicht das hungern den perfekten Körper formt, sondern eine gesunde und bewusste Ernährung, ob mit oder ohne Fleisch,
Um zu verstehen wie es dennoch Mädchen und Jungs gibt die mit ihrer Essstörung Halt im Veganismus finden, habe ich mich wieder einmal mit einem Mädchen getroffen und mit ihr über dieses Thema gesprochen.
Auf ihren Wunsch hin gebe ich weder Namen noch Alter an.


Deine Essstörung ( ES ) begann vor ca. 5 Jahren, vegan lebst Du nun seit 3 Jahren. Wie kamst Du zu dieser Form der Ernährung?

Ich esse seit über 8 Jahren kein Fleisch mehr – also noch bevor ich in die Magersucht und die Pro Ana Szene abgerutscht bin. Mit dem Thema Tierschutz habe ich mich schon immer auseinandergesetzt, der Schritt zur veganen Ernährung kam während meiner ersten Therapie. Es war also eine bewusste Entscheidung, die durch meine Essstörung zwar begünstigt wurde, deren Wurzeln aber andere waren.

Wie meinst Du das deine Essstörung hätte die Entscheidung begünstigt?

Wenn ich esse habe ich ein schlechtes Gewissen – das mag einem normalen Menschen, der nicht an einer ES leidet, völlig überzogen erscheinen. Aber jeder Bissen, den ich zu mir nehme ist eine Überwindung. In der Therapie habe ich versucht, einen Weg zu finden, dieses schlechte Gewissen im Zaum zu halten – die vegane Ernährung hat mir dabei geholfen. Etwas zu essen, dass kein Leid verursacht, hat es mir erleichtert überhaupt wieder zu essen und mich nicht in meiner ES zu verlieren.

Durch die vegane Ernährung hast Du also ein Stück Kontrolle über dich selbst behalten können?

Absolut – wie gesagt ich fing damit kurz nach Beginn meiner ersten Therapie an. Ich fühlte mich genötigt etwas zu essen und hatte das Gefühl mich selbst zu verlieren wenn ich so viel Kontrolle abgebe, in diesem Zuge hat es mir sehr geholfen das ich wenigstens bestimmen durfte WAS ich esse.

Hatte die Umstellung deiner Ernährung also eher einen therapeutischen Wert als einen triggernden?

In meinem Fall ja – ich kenne viele andere Mädchen bei denen es ähnlich war. Gerade in den Anfängen der Therapie fühlt es sich an als würden alle über einen bestimmen wollen. Meinen Standpunkt und meine ethischen Werte so vertreten zu können war mir eine enorme Hilfe um wieder zu lernen dass ich essen darf.

Auf vielen Blogs und in einigen Foren sieht das Bild jedoch ganz anders aus – der vegane Lifestyle scheint von vielen eher als Deckmantel verwendet zu werden als das sie sich wirklich bewusst dafür entschließen.

Das ist tatsächlich oftmals so – aber diese Pseudo Menschen gibt es auch außerhalb der Pro Ana Szene. Ich nenne es immer eine „vegane Phase“ egal ob man gesund ist oder an einer ES leidet, wenn man nicht davon überzeugt ist, dass die vegane Ernährung die richtige ist, lässt man sie früher oder später wieder fallen.
Die meisten sind jedoch aus Überzeugung vegan und nutzen die positiven Aspekte und versuchen damit die Kontrolle über sich und ihren Körper wieder zu erlangen.
Veganismus ist die Zukunft, egal ob essgestört oder nicht.



Kommentare:

  1. Interessanter Artikel, über das Thema habe ich mir auch schon die ein oder anderen Gedanken gemacht.

    Wobei sich mir die Zehennägeln kringeln, wenn Magersucht mit Pro Ana gleichgesetzt wird... sorry, aber Anorexie ist komplexer und vielschichtiger als rosa blinkende Blogs à la "Internet, sieh her, ich bin jetzt Aaanaaaa und war schon seit zwei Tagen nicht mehr bei Mäcces und sooo viele gephotoshoppte Thinspos hab ich aus der Google-Bildersuche rausklauben können". Gerade, wenn man seit vierzehn, fünfzehn Jahren essgestört ist und sich in diversen Therapien damit auseindergesetzt hat, dann ist es wie ein Schlag ins Gesicht, wenn Magersucht mit Pro Ana gleichgesetzt wird, da Pro Ana wiederum nur mit naiven Teenagern assoziiert wird.
    Viele (Langzeit-)Essgestörte tasten sich früher oder später an eine gesündere Ernährung heran, während es gleichzeitig enorme Angst macht, die alten Muster loszulassen. Aber man kann einfach nicht zehn Jahre lang genau die gleiche ES leben wie irgendwann zu Beginn. Dafür verändert man sich zu sehr, wird reflektierter, die körperlichen Auswirkungen werden krasser. Man arrangiert sich... und isst anders. Stichwort "With".

    Ich finde es wahnsinnig schwer, bei einer ES die Beweggründe für eine vegane oder auch vegetarische Ernährung auseinanderzuklamüsern. Im Interview werden ja schon etliche Gründe genannt... das Schuldgefühl beim Essen, Selbstbestimmung über die Auswahl der Nahrungsmittel. Deiner Interviewpartnerin hat die Umstellung auf vegane Ernährung ja geholfen, überhaupt wieder mehr essen zu können. Ich sehe da umgekehrt aber auch die Gefahr, dass Veganismus einfach eine weitere, willkommene Ausrede vor anderen und vor sich selbst sein kann, um auf noch mehr Lebensmittel zu verzichten. Als Anorektiker ist man ja eh gut darin, sich Dinge zu untersagen. Und sich dann neben Nahrungsmitteln mit zu vielen Kalorien oder zu viel Fett oder einer bestimmten Konsistenz (oder oder oder) dann halt noch den Punkt "ist nicht vegan" auf die Liste zu schreiben, ist so gesehen ziemlich einfach. Ob man damit einen Schritt weiter in Richtung Gesundwerden oder in Richtung Krankheit geht, steht auf einem anderem Blatt.

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  2. Wundervoller Beitrag!!!
    Ich leide auch unter einer ES und die vegane Ernährung hat mir sehr geholfen.
    Deine einfühlsame Art ist wirklich großartig! Mach weiter so!!!

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  3. Ich würde gerne wieder mehr Bilder von dir zu deinen Posts sehen!
    Im Schreiben wirst du immer besser und auch die Themen sind noch immer großartig - aber das persönliche fehlt mir hier etwas. Gut bei diesem Thema ist es vielleicht passend - aber etwas mehr aus deinem Leben zu erfahren, wäre mal wieder schön.

    Hochachtungsvoll


    H.

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  4. Ein absolut großartiger und wirklich sehr interessanter Post. Ich habe noch nie darüber nachgedacht auch wenn ich früher selbst schwer mit mir und meinem Gewicht gekämpft habe. Weiter so!
    Liebst,
    Farina

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  5. Sorry, ich kann nicht verstehen, wie man sich seiner ES bewusst sein kann und nicht dagegen unternimmt.
    Allein das Wort "Pro Ana" zu benutzen zeigt schon alles.

    Man sollte sich in Therapie begeben und andere nicht noch ermuntern.
    (Und wenn es nur auch Ermunterung ist, sich mit dem Thema Pro Ana auseinander zu setzen).

    P.S. Der Link zum alten Post fehlt.

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    1. Es ist sehr kompliziert eine ES zu verstehen. Und wenn man essgestört ist, geht man nicht gleich zum nächstbesten Therapeuten und sucht nach Hilfe. Aus eigener Kraft schaffen das die wenigsten. Man hat Angst davor diesen Schritt in Richtung Therapie zu machen, weil man sich an seine alten Muster klammert und Angst hat die Kontrolle über dich zu verlieren. Ein veganer Lebensstil kann wirklich helfen,wie das Mädchen im Interview auch schon gesagt hat. Ich leide selbst seit zwei Jahren an einer ES und hätte ohne meine Mutter mir den Schritt zu einer Therapie gemacht. Ich lebe vegetarisch, kann aber sehr gut nachvollziehen was sie im Interview beschreibt.

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    2. Es ist sehr kompliziert eine ES zu verstehen. Und wenn man essgestört ist, geht man nicht gleich zum nächstbesten Therapeuten und sucht nach Hilfe. Aus eigener Kraft schaffen das die wenigsten. Man hat Angst davor diesen Schritt in Richtung Therapie zu machen, weil man sich an seine alten Muster klammert und Angst hat die Kontrolle über sich zu verlieren. Ein veganer Lebensstil kann wirklich helfen,wie das Mädchen im Interview auch schon gesagt hat. Ich leide selbst seit zwei Jahren an einer ES und hätte ohne meine Mutter nie den Schritt zu einer Therapie gemacht. Ich lebe vegetarisch, kann aber sehr gut nachvollziehen was sie im Interview beschreibt.

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    3. Es ist in der Tat schwer, alles nachzuvollziehen. Aber gerade beim Punkt Kontrolle kann ich das sehr gut. Ähnlich geht es ja auch anderen Menschen, die vegan leben. Man kann das Unrecht auf der Welt nicht kontrollieren - aber immerhin ob man selbst ein großer Teil davon sein soll.

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  6. Ich finde es toll, dass du so offen drüber berichtest. Allerdings kann ich leider auch nicht verstehen, warum du nichts dagegen unternimmst, wenn du doch genau Bescheid weißt....
    <3 Anna
    http://live-love-laugh-blogg.blogspot.de/

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    1. Nicht ich bin betroffen, sondern ich berichte über Mädchen die betroffen sind :)
      Darum auch ein Interview ...

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  7. Liebe Justine,
    das ist ein sehr interessanter Artikel bzw. interessantes Interview. Vielen Dank dafür!
    Ich selbst bin seit etwa 5 Jahren schwer essgestört, aber bereits seit über 5 Jahren Veganerin. leisch esse ich sicher schon seit 7-8 Jahren nicht mehr. Dass meine ES absolut nichts mit dem Veganismus zu tun hat, glauben mir aber sicher nicht alle Menschen, denen ich von diesen beiden Themen in meinem Leben erzähle. Warum? - Weil eben beides das Essen/die Ernährung betrifft und eine Trennung für manche Menschen scheinbar nicht packbar ist. :( Ich kann nur sagen, dass die Enscheidung Veganerin zu werden, damals (und auch heute noch) die beste und schönste Entscheidung meines Lebens war/ist, die ich niemals bereuen werde. Die Gründe, warum es mir einfach nicht mehr möglich ist, in normalen Mengen zu essen, sind ganz andere ...

    Liebe Grüße,
    J.

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    1. Danke für deinen Beitrag!
      Es ist wichtig sich nicht zu verstecken und über seine Probleme zu reden! Schreib mich gerne jeder Zeit an, wenn du jemanden zum reden/schreiben brauchst!
      Ich drücke dir die Daumen im Kampf gegen die ES!

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    2. Das ist sehr lieb von dir, dankeschön!

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