Dienstag, 28. Oktober 2014

Kurzgeschichte: Die Stadtgöttin


Die Stadtgöttin

Sie ist so schön, dass wehtut, sie lange anzusehen und trotzdem kann niemand den Blick von ihr abwenden. Bei jedem ihrer Schritte wippt das lange dunkle Haar sachte hin und her. Dabei scheint selbst der Wind den Atem anzuhalten. Die rotbemalten Lippen verziehen sich nie zu einem Lächeln, als wäre ihr perfektes Gesicht in kalten Marmor gehauen worden.
Das dunkle Blau ihrer Augen blickt gefühllos durch die Welt in der sie sich bewegt, als würde nichts und niemand eine Reaktion in ihr auslösen können.  Die kleinen Spatzen, die sich über die Krümel der Touristen her machen, flattern aufgeregt zur Seite wenn sie zu nahe kommt. Es scheint fast, als hätten sie Angst, sich einer Schönheit wie ihr in den Weg zu stellen. Diese Wirkung zeigt sich jedoch nicht nur bei den unschuldigen Vögeln, sondern überträgt sich auch auf die Menschen, die sie alle anstarren wie eine verlorengegangene Göttin die plötzlich in Mitten der Stadt aufgetaucht ist. Obwohl es sonst kaum möglich ist, sich während des Marktes frei zu bewegen, scheint sich unwillkürlich ein Weg für sie zu aufzutun. Niemand will einer Göttin im Wege sein, denn so schön wie sie ist, so zornig kann sie werden.

Neben dem kleinen Brunnen in der Mitte des Marktplatzes sitzt ein Bettler in einen dicken schwarzen Mantel gehüllt. Obwohl die Göttin genau auf ihn zu steuert, scheint er sie gar nicht wahrzunehmen. Sein dunkler Blick liegt starr auf den ranzigen Hut vor seinen verschränkten Füßen. Die abgetragenen Stiefel haben jeden Glanz verloren, genau wie seine Augen. Seine Hände sind verschränkt, doch der Dreck unter seinen Nägeln ist auch aus der Entfernung deutlich zu erkennen.
Die Göttin schreitet weiter, lässt die Unwürdigen weiter zur Seite springen und ihr Haar weiter schwingen. Der Brunnen rückt näher. In der goldenen Herbstsonne glänzt das Wasser des Brunnens wie Tränen die noch nicht vergossen wurden, doch ihr Blick bleibt weiter kalt. Die blauen Augen mustern den Bettler bereits, als würden sie erwarten, dass er es dem gemeinen Volk gleich tut und ihre Schönheit nicht durch seine Anwesenheit befleckt.
Doch noch immer sitzt er stumm da, bewegt sich kaum und starrt auf seinen Hut, statt auf die sich nähernde Schönheit. Aus der Ferne scheint es ganz so, als würde sie unbeachtet an ihm vorbei gehen.
Plötzlich erhebt sich der Bettler und die Göttin bleibt wie angewurzelt stehen. Ihre Augen scheinen zu flackern, als wüsste sie nicht was für ein Gefühl sich in ihr breit macht. Die Kälte um sie herum brennt plötzlich lichterloh, wie ein Feuer, dass zu lange darauf gewartet hat, entfacht zu werden. Der Bettler tritt seinen Hut zur Seite, so dass die Münzen sich über den steinigen Boden des Marktplatzes verteilen. Die Zeit scheint eingefroren zu sein. Niemand wagt es auch nur zu atmen.
Der Bettler macht einen Schritt auf die Göttin zu und schüttelt mit dem Kopf, als könnte er nicht glauben was er sieht. Der Brunnen hört plötzlich auf zu sprudeln.
Die Göttin bleibt stumm, rührt sich nicht und scheint von den dunklen Augen vor sich gefangen zu sein. Er tritt noch dichter an sie heran und streift den schmutzigen Mantel von seinen Schultern.
„Es ist die falsche Zeit für eine Göttin“, sagt er und legt den Mantel um ihre zarten Schultern.
„Es gibt keine Götter“, entgegnet sie und lässt zu, dass er seine schmutzige Hand nach ihr ausstreckt. Er berührt sachte ihre Wange und schüttelt den Kopf.
„Noch nicht.“
Er lächelt und beugt sich zu ihr, ganz so als wolle er die roten Lippen küssen. Doch kurz bevor seine rissigen Lippen die ihre berühren, ertönt ein lautes Knacken, dass alle Anwesenden des Marktes zusammenzucken lässt. Die Göttin fällt regungslos zu Boden. Ihr Körper ist noch immer in den schmutzigen Mantel gehüllt, doch statt das dieser ihre Schönheit mindert scheint er sie eher zu unterstreichen. In den eisigen Augen scheinen stumme Tränen zu glänzen.
Der Bettler ist verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben.


1 Kommentar:

  1. Super geschichte!
    Das Ende hat mich echt umgehauen!

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