Sonntag, 19. Oktober 2014

Little bloody Sunshine - 2. Teil 1

Eiskaltes Wasser ließ Marie aufschrecken. Sie zitterte so heftig, dass ihre Zähne klapperten. In Verbindung mit dem heftigen Dröhnen des Wasserboilers, ergab dies eine seltsame Melodie.
Marie stand in der Dusche. Kevin kniete vor ihr und zog ihr gerade die rosa Socken aus. Mit leicht trüben Blick erkannte sie, dass er bereits alle anderen Kleidungsstücke ausgezogen hatte, gleich darauf wunderte sie sich, dass sie sich in der Dusche gefragt hatte, warum sie nackt sei.  Kevin erhob sich etwas schwerfällig. Dicke Ringe zeichneten sich unter seinen Augen ab und auf seinem grauen T-Shirt waren Blutspritzer.

Nicht sein Blut. Fremdes Blut.

Zittrig klammerte sie sich an die gekachelte Wand. Das kalte Wasser half, wieder klarer denken zu können. Aber es führte ihr auch noch klarer vor Augen was sie getan hatte.

Jemand ist tot. Mörderin.


„Marie?“
Sie antwortete nicht und als er sie abtrocknete spürte sie nichts, außer dem eisigen Klauen die sich in ihr Gewissen gegraben hatten. Obwohl sie ihn direkt ansah, konnte sie ihn nicht sehen. Sie sah sich nur immer wiederzusammenbrechen, als hätte sie alles nur beobachtet. Als wäre gar nicht sie es gewesen, sondern eine andere Marie. Eine Mörderin, die in ihrem Körper gesteckt hatte.

Ja, so muss es gewesen sein. Ich bin doch gar nicht in der Lage, so etwas zu tun. Ich kann ja nicht mal eine Spinne erschlagen, wie könnte ich dann dazu im Stande sein, einen Menschen zu töten? Jemanden anzusehen und abzudrücken. Einfach so abknallen, als wäre er nur ein Rindvieh, nichts menschliches, nicht gutes…

„Komm Baby“ sagte Kevin. „Frank macht sich schon Sorgen. Er wartet auf uns im Nebenzimmer …“
Er zog ihr einen neuen Pulli über den Kopf und griff gleich darauf nach einer Jeans. Sie wehrte sich nicht, es war ihr gleich. Sollte er doch machen, was er für richtig hielt. In ihrem Kopf rasten die Gedanken durch eine zähe Masse, auf etwas anderes konnte sie sich gerade nicht konzentrieren. Die letzten Stunden vergingen in ihrem Kopf wie Sekunden, viel zu schnell um auch wirklich alles mitzubekommen. Etwas hilfesuchend sah sie ihren Freund an, der damit kämpfte ihre Jeans zu zuknöpfen.
„Wo sind wir?“
„Mach dir darum keine Gedanken, Baby. Wir sind in Sicherheit …“
„Wo?“
„Weit genug weg … Mach dir keine Sorgen!“
Anschließend wickelte er sie in eine dicke Decke ein. So verminderte sich ihr Zittern etwas.
Sie waren in einem muffigen Motel. Die Tapete hatte die Farbe vom altem Kaugummi und die Möbel sahen uralt aus. Aber nicht die Art von alt, die schon wieder als antik gilt. Einfach nur alt und billig, als hätte jemand bei der Eröffnung des ersten Ikea alles leer gekauft und seitdem nicht mehr ersetzt. Marie ließ ihren Blick einen Moment lang durch das schäbige Zimmer kreisen, ehe er an dem schwarzen Klotz am Fenster hängen blieb.
Frank stand ruhig da.
Die cremefarbenen Vorhänge bildeten einen seltsamen Kontrast zu ihm, fast als würden sie versuchen ihn einzurahmen, nur das dieses Ergebnis jeden Künstler in den Ruin getrieben hätte. „Wie geht es ihr?“ fragte er leise, ohne den Blick von der Straße abzuwenden. Marie wollte den Mund aufmachen, aber ihr Freund kam ihr zuvor.
„Soweit ganz gut,“ meinte Kevin. Nervös schob er seine Hände in die Hosentasche. Er wirkte wie ein zu groß geratenes Kind, in den abgetragenen und viel zu großen Hosen des älteren Bruders. „Glaube ich. Sie steht noch unter Schock“
Marie schnaubte.

Schock? Was für ein Schock. Gerade jetzt fühlte ich mich ziemlich ruhig. Eines muss ich Frank lassen, in seiner Nähe komme ich immer schnell auf andere Gedanken, auch wenn mich das zum zweiten Mord in meinem Leben führen könnte.

„Frank, ich kann alleine reden. Wenn du das nächste Mal etwas von mir wissen willst, dann sprich mich an und nicht Kevin“, sagte sie ohne wirklichen Zorn in der Stimme. Die Ruhe hatte sich ganz plötzlich in Schwerfälligkeit verwandelt. Frank drehte sich zu ihr um. Sein Blick war kalt, so kalt dass sie wusste, wie schlecht es ihm ging. Er wirkte müde und angespannt und irgendwie, kleiner als sonst.
„Wie geht es dir, Sunshine?“
Marie wich seinem Blick aus und schloss kurz die Augen. „Ich habe jemanden umgebracht“, meinte sie zögernd und öffnete sie wieder. „Aber von der Tatsache mal abgesehen, geht es mir gut denke ich, immerhin hab ich keine Kugel im Kopf oder einen aufgeschlitzten Kuhbauch.“
„Sunshine, was redest du da?" unterbrach er, ohne dass seine Stimme verriet was er dachte. Sie schüttelte leicht den Kopf und winkte ab.
„Vergiss es einfach wieder, das zu erklären würde zu viel Zeit beanspruchen.“
Er grinste ohne viel Ausdruck und sobald er zu Kevin sah, war das Grinsen verschwunden. Eigentlich hätte sie Verständnis dafür haben müssen, doch in diesem Moment machte es sie eher wütend. Alles an dieser Situation machte sie wütend. Dieser Gestank nach zu Leder gewordenem Staub in der Luft, sie hasste das Licht welches durch das Fenster schien, die kratzige Decke um ihren Körper, dass ihr Freund sie behandelte wie ein Kind und dass sie jemanden umgebracht hatte.

Sind das nicht genug Gründe um sauer zu werden?



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Fortsetzung folgt



1 Kommentar:

  1. oh das hört sich toll an und ich will wissen wie es weiter geht :)

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