Sonntag, 26. Oktober 2014

Little bloody Sunshine - 2. Teil 2

„Ist uns jemand gefolgt?“ fragte Kevin und bemühte sich hart zu klingen, was ihm allerdings schändlich misslang. Neben Jemanden wie Frank wirkte er wie ein trotteliger Hund. Besten Falls konnte er darauf hoffen, nicht wie ein totaler Idiot dazu stehen. Aber dafür war es eigentlich auch schon zu spät. Allein wie er mit seinen Turnschuhen kleine Kreise in den Teppich malte, ließ ihn wie ein Trottel wirken.
„Bisher noch nicht“, antwortete Frank finster. „Jedenfalls habe ich nichts entdeckt, was darauf hindeutet.“
Marie ließ sich auf das staubige Sofa sinken. Sie glaubte, dass es mal gelb gewesen war, konnte sich aber nicht sicher sein, vielleicht könnte es auch ein heller Braun-Ton gewesen sein. Eine Träne rollte über ihre Wange und dann noch eine. Sie versuchte sie zurück zu halten, doch das Zittern in ihrem Inneren war zu stark.
„Wir haben ein paar Stunden, vielleicht einen oder sogar zwei Tage. Mehr nicht. Dann werden die Bullen uns finden. Wir haben zu viele Spuren hinterlassen. Das wird ein Festmahl für die“, fuhr Frank fort. In seiner Stimme klang leichte Sorge mit, gerade so stark, dass jemand der ihn gut kannte es heraushören konnte. „Was wir auch tun, wir sollten uns schnell etwas überlegen, sehr lange haben wir keine Ruhe mehr …“
Marie bemühte sich, ihm fest in die dunklen, kalten Augen zu sehen. Es war selten, dass sein Blick weich wurde, das letzte Mal hatte sie es gesehen, als sie sich von ihm getrennt hatte. Für Kevin. Sie rieb die Hände aneinander.

Kaum zu glauben, oder?


Von Frank zu Kevin, war es schon ein seltsamer Weg den sie gewählt hatte. Man musste sich die Beiden nur einmal genau ansehen, Kevin mit seinen struppeligen Haaren und dem rasierten Kinn. Dazu die schlaksige Haltung und das alte T-Shirt. Ein Kind im zu großen Körper eines Kindes.
Und dann Frank.
Mit den breiten Schultern, den undurchdringlichen, dunklen Augen. Die ausgeprägten Wangenknochen, das etwas spitz zulaufende Kinn und die dunklen Augenbrauen, taten ihr übriges. Wenn er grinste, hatte er ein winziges Grübchen neben seinen Lippen, die sie jedes Mal wieder zum Lächeln brachten. Seine Glatze hatte er unter einer schwarzen Mütze versteckt. Sie hatte es lange aufgegeben sich ihn mit Haaren und ohne Dauer-Drei-Tage-Lippen-Plus-Kinnbart vorzustellen.
Er trug ein enges, schwarzes T-Shirt, unter dem sich jede Faser seiner Brustmuskeln abzeichnete. Dazu die ebenso enge schwarze Hose und der Gürtel. Sie fragte sich kurz, ob sie ihn je in einer anderen Hose gesehen hatte.
Er war einer dieser Männer, die einen mit einem Blick gefangen hielten und Kevin war einer dieser Männer, mit denen man nur schlafen konnte, wenn man genug getrunken hatte. Noch eine Träne rann aus ihren Augen.

Das ist doch alles Bullshit, wie habe ich es nur so weit kommen lassen können?

Frank schob sich unsanft an Kevin vorbei.
„Kopf hoch, Sunshine“ murmelte er und fuhr mit seinen großen, rauen Händen über ihre Lippen.
Gott, ich liebe seine Hände.
„Du hast nur versucht diesem Arschloch das Leben zu retten. Ohne dich wäre er jetzt derjenige mit einem Loch im Schädel. Du hast nichts falsch gemacht …“
Marie lachte kühl auf und schob alle Gedanken zur Seite. „Wenn es so wäre, hätten wir wohl kaum abhauen müssen, oder?“, zischte sie bitter. „Ich hab uns in diese Scheiße geritten. Dich. Also muss ich uns da auch wieder rausholen.“
Sie tauschten einen kurzen Blick aus.
„Ich stelle mich den Bullen, dann passiert euch nichts. Ich sagen denen, dass alles auf mich geht, was sollen die schon groß machen?“
„Nein!“ schrien die beiden Männer im Chor. Wahrscheinlich das erste und letzte Mal, dass die Beiden sich einig waren. Sie blickten einander kurz an. Die Szene erinnerte sie an einen schlechten Cameron Diaz Film.
„Das werde ich nicht zulassen! Meine Frau wird nicht in den Knast gehen“, rief Kevin aufgebracht. Er spielte sich gerne als Beschützer auf, Marie hasste das, besonders weil es ihm meistens misslang.

Noch mehr hasse ich es von jemanden als SEINE FRAU bezeichnet zu werden, obwohl dieser jemand nicht einmal in meine Nähe gekommen wäre, wenn es nicht billigen Scootch und Wein geben würde.

„Hast du eine bessere Idee?“, zischte sie ihn an. Er sagte nichts mehr und schloss den Mund. 

Typisch. Der Bengel hat doch nichts in der Hose und kneift bei jeder Gelegenheit den Schwanz ein. Ein Wunder, dass er nicht derjenige war, der zusammengebrochen ist. Obwohl ich das ja gar nicht mit 100%iger Sicherheit sagen kann, immerhin hatte Frank mich aufgefangen, nicht Kevin.

Frank schüttelte langsam den Kopf.
„Sunshine, du bist besoffen, vorgestraft und fällst bei jedem Drogentest durch“, sagte er sanft. „Was meinst du, was die mit einem Mädchen wie dir anstellen?“
Marie zuckte mit den Schultern und versuchte gleichgültig zu wirken. Wahrscheinlich gelang es ihr nicht sehr überzeugend.
„Eine andere Lösung gibt es nicht …“
„Ich klär das schon …“
Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Sicher, er klärte das schon. Er hatte schon viel zu viel getan. Mit einem Finger wischte sie sich die Tränen aus dem Augenwinkel. Sie kannte Frank lange genug, um zu wissen, dass er nichts Gutes vorhatte. Er war einer dieser Männer, die viel zu gut waren. Nicht in dem Sinne von einer reinen Weste, aber Frank würde alles dafür tun dass…

Für mich. Er würde alles für mich tun, egal ob ich versuche ihn davon abzuhalten oder nicht. Er ist wie der Ritter auf dem Pferd, nur ohne die märchenhaften Klischees, in diesem Fall also mit Glatze und Bus. Und ohne Happy End.

„Kevin, lass uns allein“, forderte sie plötzlich.
„Was?“ fragte dieser zurück und wirkte dabei etwas irritiert. „Warum?“
„Hau ab!“
Er zuckte zusammen wie ein geschlagener Hund, nur dass dieser wehleidige Blick bei ihm eher aussah wie von einem Fisch ohne Wasser. Er schüttelte den Kopf. Sein Blick war verwirrt und verständnislos. „Nein, ich werde nicht…“
„Verdammte Scheiße, ich hab dir den Arsch gerettet! Meinst du wirklich es ist zu viel verlangt wenn du mich verdammt nochmal ein paar Minuten in Ruhe lässt? Und jetzt hau endlich ab!“, schrie sie wütend. Ihre Augen funkelten auf eine Art, die Angst machen konnte.
Widerwillig schnaubte er, betrachtete Frank mit einem missbilligenden Blick und ging zur Tür. Sein Gang war schlurfend und man konnte jeder Faser seines Körpers ansehen, dass er alles andere wollte, als aus dieser Tür zu gehen.
„Ich hol mir ein Bier“, meinte er, während die Tür zu schlug. Marie stöhnte leicht auf, zum einen aus Erleichterung, dass er gegangen war und zum anderen, weil sie nicht wusste wohin sie das alles noch führen sollte.

~~~~~

Fortsetzung folgt

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