Dienstag, 18. November 2014

Leseprobe - Jenseits der schwarzen Berge

Heute habe ich mal wieder etwas ganz besonderes für Euch ! 

Eine exklusive Leseprobe des Buches "Jenseits der schwarzen Berge" von Georg Sandhoff. Diesen darf ich auch bald zu einem kleinen Interview einladen, wenn Ihr also Fragen habt, nur immer raus damit! Doch jetzt dürft ihr erst einmal lesen und staunen in welche Welt Euch der Autor entführt!


Gejagt von einem Monster


Holz splitterte, Äste brachen krachend, als etwas Großes und Schweres durch die Baumwipfel brach. Prinzessin Anaria blickte voller Angst hinter sich und sah durch die Baumkronen ein golden schimmerndes, gewaltiges Wesen, vor dessen Masse die Bäume knickten wie im Sturm. Sie wusste, es war der Drache, der sie oben auf dem Pfad, der über die Berge führte, angegriffen und ihre Packesel gefressen oder vertrieben hatte. Sein Brüllen klang anders als das jedes Tieres, das sie kannte. – Zischend, zornig – wie rollender Donner oder der Klang eines großen Feuers. Jetzt war er hinter ihr her, wollte sie fressen, so, wie man eine Nachspeise von der gedeckten Tafel nehmen und verspeisen würde. Sie rannte durch den Wald, wich Ästen, Bäumen und Dornenbüschen aus. Längst war ihr Rock zerrissen, das leuchtende Blau schmutzbedeckt, ihren Haarreif hatte sie verloren. Dennoch war das jetzt unwichtig. Im Moment wollte sie am Leben bleiben. Dem Drachen indes waren Bäume, Äste, Dornenbüsche, Kleider und Haarreifen gleichgültig. Was ihm im Weg stand, wurde einfach niedergerissen, zertrampelt und zerfetzt.

Vom schrecklichen Ungeheuer gehetzt bemerkte Anaria die Lichtung nicht, auf die sie hastigen Schrittes gestolpert war, sah das Einhorn nicht, das am anderen Ende dieser Lichtung stand und sich ihr nun zuwandte. Anaria rannte weiter, erreichte die Mitte der Lichtung, als der Drache die Bäume am Rande des Waldes mit einem Prankenhieb zertrümmerte. Sie stolperte, fiel. Der feurige Atem des Ungeheuers fegte über sie hinweg und sengte das Geäst einiger Büsche an.
Das Einhorn stieg auf seine Hinterbeine und ließ die Vorderhufe wirbeln. Es wieherte. Dann galoppierte es am Ufer des kleinen Tümpels entlang, sprang über die am Boden liegende Prinzessin und stürmte auf den zornig fauchenden, sich wild gebärdenden Drachen zu. Aus ihrer Erstarrung erwachend drehte sich Anaria auf den Rücken. Sie sah ihm hinterher, wie es auf den Drachen zu galoppierte. Einen Moment lang schien es ihr, als ob das Horn des Tieres von innen heraus schimmerte. Der Drache holte Atem, wollte Feuer speien, doch dazu kam er nicht mehr. Das Einhorn war mit gesenktem Kopf auf die Brust des Untieres zugerannt und hatte sein gedrehtes Horn in den Körper der dreiköpfigen Echse gestoßen. Der Drache brüllte vor Schmerz, schlug wild mit seinen Vorderpranken zu. Er schleuderte es von sich, so dass es quer über die Lichtung geschleudert wurde und regungslos auf der Seite liegenblieb. Brüllend und fauchend verschwand die Echse zwischen den Bäumen des Waldes. Anaria spürte, wie die Erschöpfung von ihr Besitz ergriff. Die Welt verschwamm vor ihren Augen, als etwas Kleines aus den Baumwipfeln fiel und um sie herumsprang. Eine piepsige Stimme rief: »TUWANDA!«
Eine andere antwortete: »TUWANDA HEE!«
»Tauwara! Sie tut sterben!«
»Schnell, schnell, Caumara, sonst ist sie gesterbt.«
»Da ist ein Esel! Fang ihn ein! Wir müssen eine Trage bauen.«
»Willst du sie mit ins Dorf nehmen? Etana wird uns die Ohren so langziehen, dass wir nachher aussehten wie sprechende Hasen.«
»Tauwara, du bis’ ein Angsthase! Sind doch schon zwei Zwerge
da, zwei Verrückte, die mit dem Drachen kämpfen wollen. Das
macht nichts, wenn da auch noch eine Menschenfrau sein tut.«
»Ja, Ja. Ich tu den Esel holen.«
Anaria war, als würde sie in einem Brunnen versinken, während sich Dunkelheit vom Rande ihrer Wahrnehmung her ausbreitete und die Welt um sie herum verschlang. Als sie wieder erwachte, lag sie auf einem Gestell aus Ästen, das von einem Esel gezogen wurde. Ihr Körper schmerzte und mit jeder Erschütterung wurde ihr wieder schwarz vor Augen. Von ihren Rettern hatte sie nicht viel gesehen. Sie mussten sehr klein sein. Doch genau konnte sie das nicht sagen, denn wenn sie sich bewegen wollte, drehte sich die Welt vor ihren Augen. So ergab sie sich ihrem Schicksal und blickte auf das Spiel von Licht und Schatten in den Blätterkronen der Bäume, das vom aufgeregten Geplapper ihrer Retter untermalt wurde. Nach einiger Zeit erreichten sie ein Dorf aus kleinen, weißen, aus Lehm und Stein gebauten Hütten. Überall liefen zwergengroße, mausgesichtige Wesen umher, die in einer fremden, piepsigen Sprache miteinander redeten.
»Semesei, Galob, Semesei, Benera!«, klang es aus verschiedenen Richtungen. Schnell hatte sich eine Menge der kleinen Wesen um sie herum versammelt. Zahlreiche Stimmen schwirrten durch die Luft, doch eine war deutlich aus dem Stimmengewirr herauszuhören, »CAUMARA, TAUWARA! Kommt sofort her!«
»Auweia, das ist Etana, schnell weg! Tu dich beeilen!«, zwei kleine graue Schatten sprangen vom Esel und versuchten, in der Menge unterzutauchen, wurden aber von einer alten, resolut durch die Menge schreitenden Frau festgehalten, die ebenso winzig war wie die anderen Wesen ihrer Art. Sie hielt mit festem Griff zwei kleinere Maus-Wesen an den Kragen ihrer Westen. Beide waren fast Kinder noch und redeten mit rasender Geschwindigkeit auf die Frau ein, die sich aber nicht weiter daran störte. Sie wandte sich an die Menge und sagte, »Hört auf, hier rumzustehen! Holt die weise Galesad!«
Wieder verschwamm die Welt vor Anarias Augen.

Im Dorf


Anaria erwachte in einem winzigen Raum. Sie lag in einem kleinen Bett unter einer Bettdecke. Der Raum selbst schien keine Ecken zu haben. Alles war rund, angefangen bei der Tür, dem Fenster, selbst die Zimmerdecke hatte keine rechten Winkel, dafür schien dort oben eine Art grob gewebtes Netz zu hängen. Sie stützte sich auf ihre Arme, setzte sich auf, schob die Bettdecke ein wenig zurück. Sonnenlicht fiel in breiten Bahnen durch die Fensteröffnung und ließ den Staub in der Luft glitzern. Die Prinzessin betrachtete eine Weile versunken das Tanzen der Staubteilchen und bemerkte dabei nicht, wie sich die Tür öffnete. Eines der mausgesichtigen Wesen betrat den Raum. Es war offensichtlich die alte Frau. Ihr Gesicht hatte eine spitze, schnurrbartbehaarte Nase, kleine, schwarze Augen, graues Fell. Sie trug ein graues Gewand, das ihr bis zu den Knöcheln reichte und aus einer Art Leinenstoff gemacht schien. Darüber hatte sie eine braune Weste gezogen, auf der schwarze Rautenmuster zu sehen waren. Hinter ihr stürmten die beiden Wesen, die Anaria gerettet hatten, in den Raum, kletterten geschwind auf einen kleinen Schrank und von dort aus in das Netz, das sich an der Decke befand. Geschäftig ging die kleine, alte Mausdame zu einem kleinen Tisch, auf dem ein Krug stand. Sie goss Wasser aus diesem auf einen Lappen und drehte sich zu Anaria um.
»Ich bin Etana Roo«, sie deutete auf das Netz, in dem die beiden kleinen Mausmenschen herumschaukelten, »die Großmutter von diesen beiden, Tauwara…«
»Ich bin das!«, riefder eine, der ein dunkelbraunes Fell hatte.
»…und Caumara.«
»Das bin ich!«, riefder zweite, rotbraunfellige. »Wir haben dich gerettet vor dem Drachen, sonst hätt’ er dich gefresst!«
»Genau, das hätt’ er!«
»Komm,«, sagte Etana, »Du bist noch ganz schmutzig im Gesicht, ich will dir mit dem Lappen das Gesicht abwaschen.«
Anaria beugte sich ein wenig zu der kleinen Frau hinunter und ließ sich ihr Gesicht abwischen.
»Wer seid Ihr?«, fragte sie die alte Frau.
»Wir sind Ucca. Auf eurer Seite der Berge kennen uns nur wenige. Der Drache versperrt schon so lange die Wege über die Pässe, dass wir auf der anderen Seite schon fast vergessen sind. Und wer seid ihr?«
»Mein Name ist Anaria. Ich bin die Tochter des Königs von Tonolorn. Das ist eine große Stadt auf der anderen Seite der Berge.«
Die Prinzessin machte eine Pause, dann sprach sie weiter, »Der Drache – wie sind wir ihm entkommen?«
»Das waren wir!«, Caumara ließ sich kopfüber von den Seilen des Netzes baumeln und klammerte sich dabei mit seinen Füßen fest, die viel mehr als menschliche Füße dazu geeignet schienen, sich irgendwo festzuhalten, »Das Einhorn ist auf den Drachen zugerenntet und dann WOOOSCH, hat es die doofe Echse mit seinem Horn gepiekst!«
Tauwara hopste im Netz über ihnen auf und ab, »Hat dem ollen Drachen ga’anich gepasst, ist kreuzwütend geworden und hat das Einhorn weggeschmeisset, dass es kawumms auf den Boden gefallen is!«
Anaria erschrak. Die Prinzessin konnte sich an den weißen Schimmer erinnern, der das Horn des Tieres von innen heraus hatte erstrahlen lassen. Sie sah vor ihrem inneren Auge, wie Einhorn und Drache aufeinandergetroffen waren. Doch von dem, was danach geschehen war, hatte sie nur noch verschwommene Erinnerungen, unklare Bilder, die in ihrem Kopf verwehten. Sie fragte, »Das Einhorn – was ist mit ihm passiert?«
»Es ist einige Zeit, nachdem Caumara und Tauwara dich hierhergebracht haben, am Rande unseres Dorfes aufgetaucht«, sagte Etana. »Das arme Ding war vom Prankenhieb des Drachens verletzt und schwach. Wahrscheinlich ist es deshalb in die Nähe des Dorfes gekommen. Normalerweise halten sie sich von Siedlungen fern – sind scheue Tiere – aber ich glaube, dieses hier hat gespürt, dass es bei uns Hilfe bekommen würde. Die weise Galesad und ich haben es dann mit Heilkräutern behandelt und seine Verletzungen verbunden. Jetzt ist es«, Etana deutete in Richtung des Fensters, »draußen auf der Weide bei unseren Pferden.«
»Kann ich es sehen? Geht es ihm gut? Wie schwer sind seine Wunden?«, fragte die Prinzessin und wollte aufstehen.
»Natürlich kannst du es sehen! Aber erst werden wir dich neu anziehen und dann wird gegessen! Ich habe ein neues Kleid für dich nähen lassen, es liegt da hinten auf der Truhe.«, Etana wandte sich zu ihren Enkeln, »Und ihr beiden kommt jetzt mit, die Prinzessin möchte sich umziehen.« Tauwara und Caumara hangelten sich mit geschickten Bewegungen aus dem Netz und waren schon an ihrer Großmutter vorbeigeschlüpft, als diese aus dem Zimmer ging und die Tür hinter sich zuzog.
Anaria stand auf, ging zur Truhe und nahm das Kleid hoch. Es war aus einfachem Leinen, naturfarben und bodenlang. Am unteren Saum war es mit roten Karos besetzt. Zum Kleid gehörte auch eine rote, bestickte Weste, die Anaria sorgfältig wieder an ihren Platz zurücklegte. Nach dem Waschen würde sie beides anziehen. Die Prinzessin ging zum Tisch hinüber, goss noch etwas Wasser in die Schüssel. Dann betrachtete sie ihre von Dornen und Ästen zerkratzten Hände.
Nicht sehr prinzessinnenhaft, dachte sie bei sich. Andererseits war sie das auch noch nie gewesen. Sie erinnerte sich an die vielen Male, an denen sie ihrem Vater hatte Rede und Antwort stehen müssen, wenn sie sich aus dem Palast geschlichen hatte, um am Treiben der gewöhnlichen Leute teilzuhaben. Ein Lächeln flog über ihr Gesicht, als sie an die Miene ihres Vaters dachte, der mit sorgenvollem und doch stolzen Blick seine Tochter in Empfang nahm, wenn sie vom Haushofmeister und seinen Bediensteten in den Gassen Tonolorns beim Spiel mit den Straßenkindern aufgegriffen worden war. Und sie erinnerte sich an die Abende, wenn ihr Vater mit ihr in der Bibliothek saß und ihr von fernen Königreichen, neuen Zivilisationen und den Forschern erzählte, die zu Orten aufbrachen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hatte. Nun war sie selbst eine Forscherin, die in unbekannte Gefilde vordrang. Gedankenverloren nahm sie das Kleid, ließ die Finger über den Stoff gleiten, fühlte die Nähte und die Stickereien. Sie ließ ihre Eindrücke noch einen Moment auf sich wirken, dann zog sie es an.
Anaria trat durch die Tür hindurch in einen größeren Raum, der Wohnraum und Küche zugleich zu sein schien. Auf einem einfachen, niedrigen Holztisch in der Mitte des Raumes stand ein großer Topf, in dem Suppe dampfte. Um den Tisch herum waren kleine Schemel aufgestellt, er war mit einfachen Holztellern gedeckt. Etana stand vor dem Ofen und rührte in Pfannen und Schüsseln. Sie warf einen Blick über die Schulter und sagte, »Ah mein Kind, da bist du ja! Setz’ dich irgendwo hin, ist genug Platz da. Die Anderen kommen auch gleich.«
Anaria tat, was Etana ihr gesagt hatte, langte nach der Kelle und schöpfte etwas Suppe auf den Teller. Ihr war dabei etwas seltsam zumute, denn zuhause in ihrem Palast hatte sie Diener, die ihr die Suppe brachten. Ihr fiel ein, dass sie nur selten gesehen hatte, wie jemand kochte. Sie hatte einzig und allein dann Gelegenheit dazu gehabt, wenn sie sich heimlich in die Küche geschlichen hatte. Und das, was sie sich auf ihren Reisen selbst zusammengerührt hatte, mochte sie nicht Speise nennen. Auch in der Hofküche hatte sie nie gesehen, wie ein ganzes Gericht gekocht wurde, denn dort im Schloss war zu jeder Zeit eine Vielzahl von Bediensteten damit beschäftigt gewesen, Teile eines größeren Ganzen vorzubereiten. Nie hatte jemand allein eine Speise vom Anfang bis zum Ende zubereitet. Sie nahm den Löffel, der wie alle anderen Dinge auf dem Tisch aus Holz war (im Schloss hatte sie silberne Löffel), schaute ihn sich einen Moment lang an und aß etwas von der Suppe. Sie schmeckte ungewohnt, kräftig und ein wenig salzig, ganz anders, als sie es von zuhause gewohnt war, aber nicht schlecht.
In der Zwischenzeit ging Etana zu einer zweiten Türe, rief nach Tauwara und Caumara, lief weiter bis zur anderen Seite des Raumes, wo in einem Schaukelstuhl ein kleiner, alter und sehr wohlbeleibter Ucca-Mann leise schnarchend schlief. Sein Mund war ein wenig geöffnet, so dass Anaria seine Nagezähne sehen konnte. Sie stieß ihn mit dem Kochlöffel an und sagte, »Kismara! «
Der alte Ucca gab einen lauten, grunzenden Schnarcher von sich, schnappte nach Luft und schlief weiter. Etana runzelte die Stirn und rief mit einer Stimme, die viel dunkler und grollender war, als Anaria es ihr zugetraut hätte, »Kismara Fereidoon Faunas Roo! Steh auf! Wir haben Besuch und das Essen ist fertig!«
Kismara blinzelte verschlafen, sagte, »Was’n los? Schrei nich so und lass mich schlafen.«
»Raus aus dem Stuhl!«, Etana stieß ihm den Kochlöffel in die Rippen, »und beweg’ deinen Hintern zum Esstisch!«
Brummelnd stand Kismara auf, ging zum Tisch hinüber und setzte sich.
»Was führt dich zu uns?«, fragte er die Prinzessin, »und wie heißt du? Ich bin Kismara, aber du kannst mich Kis nennen, das tun alle hier.«
»Ich bin aufgebrochen, weil ich erkunden wollte, was hinter den schwarzen Bergen liegt. Mein Name ist Anaria.«
»Und woher kommst du?«
»Von jenseits der Berge, aus einem Land, das Chedân-tûr heißt.«
»Von Jenseits der Berge? Das ist weit weg! – Und gefahrvoll dazu.«, Kismara nahm einen Löffel Suppe und redete mampfend weiter, »Bist dem Drachen begegnet, stimmt’s?«
»Ja, so könnte man sagen. Wäre das Einhorn nicht gewesen, hätte er mich gefressen.«, Anaria schaute verlegen auf den Boden und drehte sich zu Etana um.
»Weißt du schon, was mit dem Einhorn geschehen ist?«, fragte Kismara.
Etana wühlte inzwischen in einem Küchenschrank voller Kochgeschirr herum, war fast bis zu den Hüften darin verschwunden, so dass ihre Stimme dumpf aus den Tiefen des Schranks quoll, »Es ist wohlauf, hab’s mit Galesad zusammen geheilt, aber das habe ich ihr schon erzählt. – Ah, da ist sie ja!«, Etana war wieder aus dem Schrank aufgetaucht und hielt zufrieden eine hölzerne Kelle so vor sich, als ob sie ein besonders schönes Stück aus einem Schatz an sich genommen hätte.
»Komm, iss.«, sagte Kismara, der beobachtet hatte, wie die Prinzessin dem Treiben Etanas fasziniert zusah, »bevor das Essen kalt wird. Wenn Tau und Cauma kommen, wirst du wenig Gelegenheit haben, noch eine zweite Portion zu bekommen.«
»Caumara, Tauwara!«, Etana hatte noch einmal durch die Tür hindurch nach den beiden gerufen, »kommt endlich essen!«
Nur wenig später stürmten Anarias »Retter« in die Küche, rangelnd und drängelnd, so dass sie in schlingerndem Kurs auf den Tisch zusteuerten und dabei laut und unglaublich schnell miteinander redeten.
»Was gib’s denn – Hab ich ein Huungaa – Hast du schon die Zwerge geseht – Hallo Opa! – mmh, Suppe! – Ich will zuerst! Nein, ich!« Das Gerangel setzte sich fort, jetzt um die Suppenteller, das erst durch ein lautes, »Jezz is aber Schluss hier!«, von Kismara beendet wurde. Danach kehrte so etwas wie geschwätzige Ruhe ein. Caumara hatte offensichtlich das Talent, gleichzeitig essen und reden zu können, was er auch mit Ausdauer und Begeisterung tat. So verging das Essen schnell und fast ohne dass die Prinzessin das Verstreichen der Zeit bemerkt hatte. Es war so anders verlaufen, als sie es aus ihrer Heimat gewohnt war. In ihrem Palast war sie meist von Beratern und Bediensteten umgeben, dort redeten alle langsam und gemessen, kaum einer sagte etwas Persönliches und die Wenigsten sprachen aus, was sie dachten, schließlich war sie die Tochter des Königs und niemand, den man einfach so ansprach oder gar ins Vertrauen zog.
Nach dem Essen sagte Etana, sie könnten sich jetzt das Dorf anschauen. Es gab ein kurzes Stühlerücken, Etana ermahnte ihre Enkel, das Geschirr wegzuräumen. Nach einigem Gemaule und Gejammer der Beiden gaben Caumara und Tauwara nach und taten, was ihre Großmutter ihnen geheißen hatte. Dann brachen die Ucca-Kinder und die Prinzessin auf. Die Ucca-Kinder zogen die junge Frau mit sich zur Tür hinaus. Nach dem Halbdunkel der Küche war draußen alles in das gleißende Licht der Mittagssonne getaucht. Anaria kniff die Augen zusammen. Nur langsam gewöhnte sie sich an das blendende Licht.
Das Dorf setzte sich aus einer Anzahl kleiner Häusern zusammen, die ebenso wie Etanas Haus aus mehreren runden, weißgetünchten Räumen mit spitzkegeligen Dächern bestanden. Sie versammelten sich um einen großen, ebenfalls runden Platz, in dessen Mitte ein Kreis aus Feldsteinen mit Asche darin eine Feuerstelle kennzeichnete. auf der linken Seite stand ein bienenkorbförmiger, wie alle Häuser weißgetünchter Turm ohne Fenster, der wohl ein Kornspeicher sein mochte. Am rechten Ende des Platzes befand sich ein Haus, das größer war als die übrigen Gebäude im Dorf. Es war breiter, hatte mehr spitzkegelige Dächer und war mit Malereien und Schnitzwerk verziert. Schräg gegenüber lag eine offene Schmiede, in der ein kräftig aussehender Ucca und zwei Zwerge an dem Rohling einer Waffe arbeiteten. Der Größere der beiden Zwerge hielt die rotglühende Spitze des Metalls mit einer Zange auf dem Amboss fest, während der Ucca sie mit gezielten Hammerschlägen so fest bearbeitete, dass die Funken stoben. Etwas abseits von der Esse stand ein weiterer Zwerg mit hinter dem Rücken verschränkten Händen und beobachtete aufmerksam die Arbeit der anderen beiden.
Tauwara zeigte hinüber zur Schmiede und sagte, »Schau, da istet Ulfadas, unser Dorfschmied!«
»Genau, der machtet für uns immer die Hufeisen, Hacken, Messer und son’nen Zeug«, fiel Caumara Tauwara ins Wort, der sich aber davon nicht stören ließ, »Die Beiden wollen den Drachen totmachen, und deshalb machen sie eine Lanze, die ist verzaubert, in echt!«
»Lasst uns doch mal zu den Dreien gehen!«, Anaria war neugierig geworden und wollte gerne mit den Zwergen reden. Langsam gingen die Prinzessin und die Ucca-Kinder über den Dorfplatz hin zur Schmiede. Dort angekommen begrüßten Caumara und Tauwara lautstark Ulfadas. Anaria machte einen Knicks und sagte, »Seid mir gegrüßt, Schmied Ulfadas und auch Ihr Herren Zwerge!«
»Hallo junge Dame!«, sagte der größere der beiden und wischte sich die Hände an der Schürze ab, »Ich bin Beren«, er knuffte den anderen Zwerg grinsend in die Seite, »der kleine Bruder von diesem hier.«
Der runzelte die Stirn, guckte seinen Bruder von der Seite an und stellte sich vor, »Gingadol, Zauberer.«
Beren sagte, »Ihr seid die Reisende, die der Drache beinahe gefressen hätte. Wie ist euer Name?«
»Ich heiße Anaria. Mein Vater ist der König von Tonolorn. Sagt, Herr Beren, was macht ihr dort?«
»Was wir dort machen, ist einfach erklärt.«, Beren sprach weiter, »Wir schmieden eine magischen Lanze. Ich mache das Handwerk, Gingadol den Zauber.«
»Die Beiden leisten gute Arbeit«, Ulfadas deutete stolz auf die Lanze, die auf seinem Amboss lag, »Caumara, Tauwara, wo ich euch gerade hier sehe. Seid ihr heute Abend beim Fest?«
Noch bevor Anaria den Mund geöffnet hatte, hatten Caumara und Tauwara schon geantwortet, »Klar sinten wir! Da gibt’s immer was zu erzählen.«
»Dann sehen wir uns.«, der Schmied tippte kurz mit der Hand an seine Stirn und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.
Anaria und die beiden Ucca-Kinder gingen weiter zu den Weiden am Rande des Dorfes, wo auf einer Koppel das Einhorn graste, das die Prinzessin gerettet hatte. Tauwara zupfte ihr am Rockzipfel, »Es ist uns gefolget bis zuhause, war verletzt. Und dann ist es dagebleibet.«
»Ich möchte es gerne aus der Nähe sehen!«, Anaria ging langsam weiter in Richtung der Weiden. Als sie dort angekommen waren, blickte das Einhorn auf und trabte zu ihr hinüber. Es blieb vor ihr stehen und sah sie aus großen, dunklen Augen an.
»Sei mir gegrüßt, kleiner Mensch!«, die junge Frau hörte eine männliche Stimme. Sie schien mehr in ihrem Kopf zu klingen als in ihren Ohren. Verwirrt schaute sie sich um und sagte, »Wer ist da?«
»Ich hab nicht gesprecht!«, antwortete Caumara.
Tauwara guckte ihn streng an, »Psst, du weißt nie, wann man den Mund haltet, Caumara!«
Caumara sträubte seine Schnurrbarthaare, zog eine Grimasse, drehte sich um und reckte den Schwanz in die Höhe.
»Ich, Barin.«, das Einhorn nickte ein paar Mal mit dem Kopfund wieherte. »Du hörst meine Gedanken
Anaria hob überrascht die Augenbrauen und sagte, »Danke, dass du mich gerettet hast!«
»Ich tat es gern
»Warum hast du mich eigentlich gerettet? Ich bin doch weder ein Einhorn noch ein Tier des Waldes.«
»Weil es wichtig war, dich vor dem Tier, das nicht sein darf, zu beschützen.«
»Du meinst den Drachen? Wieso sollte es wichtig sein, mich vor dem Drachen zu beschützen?«, Anaria schaute das Einhorn skeptisch an.
»Das kann ich dir nicht sagen. Aber mein Gefühl sagt mir, dass du ihm noch einmal begegnen wirst. Dann wird sich entscheiden, ob dein Schicksal dich über die Berge zurück zu deiner Heimat führt. Heute Abend wirst du mehr erfahren, wenn die Älteste der Ucca zu dir spricht.«


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