Sonntag, 2. November 2014

Little bloody Sunshine - 3.

„Was hast du vor?“ fragte Marie scharf und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie hoffte, ihn so besser auf Distanz halten zu können. Je näher sie ihm kam, umso schwächer fühlte sie sich.
Frank strich ihr über die Wange.
Sie sah müde aus. Die dunklen Ringe unter ihren Augen hatten inzwischen die Farbe von dunklem Flieder und ihre rosa Lippen schienen blasser zu sein. „Meinst du, ich würde zulassen, dass du im Knast verrottest, Sunshine?“ flüsterte er. Marie hatte Mühe nicht schwach zu werden. Frank kannte sie viel zu gut, er wusste genau wie er es anstellen musste. Er wusste, wenn er die richtigen Dinge sagte und ihr noch mal über die Wange strich, wäre sie Wachs in seinen Händen, ihre Knie fingen ja jetzt schon an zu zittern - obwohl man das auch dem endenden Schock zuschreiben konnte.

Reiß dich zusammen. Immerhin bin ich kein Kind mehr. Was ich getan habe, muss ich alleine ausbaden und nicht er. Ich kann nicht immer darauf hoffen, dass er kommt um mich zu retten, denn die Realität sieht anders aus, die Prinzessin hat selbst aufs Kampfross zu steigen!

„Was sollen die schon groß mit mir machen!“, entgegnete sie diplomatisch. Dabei wich sie seinem Blick gekonnt aus. „Ich bin 16 und schwanger, die werden mich wohl kaum wegsperren und wenn, dann sicher nicht allzu lange. Okay, vielleicht muss ich eine Weile in den Jugendarrest, aber so schlimm ist es da auch nicht …“
Es herrschte ein kurzes Schweigen. Vorsichtig, fast zögernd legte er eine Hand auf ihren Bauch. Es war noch nicht mal so etwas wie ein Babybauch zu sehen, aber irgendwie hatte er das Gefühl diese Geste war nötig.
„Wir reden hier nicht davon, dass du etwas geklaut hast, sondern von Mord und Drogen. Sie werden es dir wegnehmen, Sunshine.“
Marie zuckte schluchzend die Achseln. Mühsam versuchte sie die Tränen zu verstecken. „Wäre das nicht vielleicht sogar das Beste?“, murmelte sie vor sich hin. „Wie du schon gesagt hast, ich bin 16, betrunken und falle bei jedem Drogentest durch. Was meinst du wohl, was ich für eine Mutter wäre? Was bin ich denn gerade für eine Mutter? Da wächst etwas in mir heran und ich habe gerade jemanden abgeschlachtet. Du hast das doch von Anfang an gewusst, also tu jetzt doch nicht so überrascht und versuch ja nicht mir einzureden ich könnte eine bessere Mutter sein.“
Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem traurigen Lächeln. Da war es, das kleine Grübchen, dass er hasste wie die Pest. Aber sie hatte sich zum Teil wegen diesen kleinen Markels in ihn verliebt.
Sein Blick flackerte.

Scheiße, warum muss er mir das nur antun?

„Nein, du wirst es bekommen.“ versprach er liebevoll. Viel zu liebevoll. Wie konnte man denn da noch widersprechen? Wie konnte man sich da nicht in seine Arme werfen und ihn anflehen…
„Und du wirst eine großartige Mutter …“
Er setzte sich zu ihr. Marie rückte etwas dichter an ihn heran, gut lügen konnte er außerdem. Vorsichtig legte sie eine Hand auf seinen Arm. Das Tattoo des Löwenkopfes schaute zur Hälfte aus dem T-Shirt Ärmel heraus. Vielleicht war es vergebens sich dagegen zu wehren. Oder vielleicht wollte sie sich einfach nicht mehr dagegen wehren, weil das schwach werden in Franks Nähe, schon immer das Schönste war, was ihr passieren konnte. Sie sah ihn mit großen Augen an.
„Und was machen wir dann?“
Sie hoffte, er würde ihr das Happy End versprechen, dass sie sich schon immer gewünscht hatte. Er würde ihr die Telefonnummer der guten Fee geben, damit sie endlich den Gläsernen Schuh finden konnte. Doch er tat nichts davon.
Er zog sie sanft an sich heran und küsste sie. Sein Bart kratzte und seine Lippen waren spröde. Der Geschmack von Whiskey und Bier vermischte sich in ihrem Mund. Er löste sich viel zu schnell wieder von ihr.
„Geh zu Kevin“, sagte er plötzlich und sie konnte nur ahnen, wie schwer es ihm viel, dies zu sagen. „Ich klär das schon …“
Instinktiv schüttelte Marie den Kopf. Immer wenn er so etwas sagte, tat er etwas schrecklich Dummes und sie konnte nicht zulassen, dass er noch mehr dumme Sachen wegen ihr machte. „Du wirst nicht für mich in den Knast gehen“, hauchte sie. Ihre roten Haare flogen ihm ins Gesicht. „Das kann ich nicht zulassen. Mit dieser Schuld könnte ich niemals leben. Zu wissen, dass du nur wegen mir in einer Zelle sitzt. Nein, Frank. Es geht nicht. Nochmal werden die dich nicht so schnell laufen lassen. Du wirst Jahre sitzen müssen, ich hab immerhin noch die Chance auf Bewährung und dann besorg ich mir Hilfe beim Jugendamt, vielleicht bekomme ich sie dann zurück …“
„Sie?“
Marie schluckte, als wäre ihr eben erst bewusst geworden was sie sagte. „Ja, es fühlt sich für mich irgendwie nach einem Mädchen an …“
Einen Augenblick wirkte sie etwas verschüchtert und rieb sich die Augen. Das war mit Sicherheit nicht das Beste gewesen was sie hätte sagen können.
„Sunshine, ich tue das nicht für dich“, sagte er zärtlich und grinste leicht. Sie sah ehrlich überrascht aus und zuckte mit dem Kopf etwas nach hinten.
„Ich tue es für das Baby. Es ist auch mein Kind.“
Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Tränen schossen ihr in die Augen und sie machte sich keine Mühe mehr, sie aufzuhalten.
Er lehnte seinen Kopf an ihre Stirn, so dass sie den Stoff der Mütze deutlich spürte. Was hätte sie dafür gegeben, dass er diese Worte vor ein paar Wochen gesagt hätte. Dann wäre jetzt vielleicht alles anders und sie würden die Farben für das Kinderzimmer aussuchen, sich darüber streiten ob es ein Mädchen ein rosa Zimmer bekommt, oder ob das zu sexistisch sei.
„Frank, ich…“
„Du darfst mich nicht besuchen“ unterbrach er. „Hörst du? Es wäre zu gefährlich. Sie könnten etwas mitbekommen. Wenn sie von dem Baby erfahren, und dass du noch nicht volljährig bist, hast du verstanden?  Ein falscher Ausweis reicht vielleicht um in eine Bar zu kommen, aber im Knast läuft das alles etwas anders. Halt dich von mir fern, versprich mir das, Sunshine …“
Dieses Mal war sie es, die ihn küsste. Sie schlang die Arme um seinen Hals und zog ihn so dicht an sich wie es ging. Sie wollte ihn nicht loslassen, sie wollte nicht, dass er diesen Satz jemals beendete. So durfte es nicht werden, sie würde sich stellen und danach würde sie mit Frank den Rest schon schaffen.
Vorsichtig ließ sie von ihm ab. Es schmeckte nach Abschied.
„Frank, ich…“
Er schüttelte den Kopf und legte einen Finger auf ihre Lippen. „Ich will nicht, dass du dich verabschiedest“, sagte er ruhig und küsste ihre Stirn. „Ich liebe dich, Sunshine. Das werde ich immer und jetzt hau ab, bevor dein neuer Freund nochmal etwas Dummes macht.“


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Fortsetzung folgt 

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