Sonntag, 23. November 2014

Little bloody Sunshine - 6.

Im Laufe der Zeit fielen ihm noch mehr Gemeinsamkeiten mit der Schule auf. Da war zum einen der geregelte Tagesablauf. Mit 15 Jahren hatte er es gehasst, aber jetzt lagen die Dinge etwas anders. Frank war es recht, so wurde er zwar nicht glücklich, aber immerhin hatte er etwas zu tun. Doch was ihn vor allem dazu brachte nicht wahnsinnig zu werden, war die Gewissheit, dass er hier etwas für Marie tat. Hätte er in der Schule eine ähnliche Motivation gehabt, dann hätte er vielleicht doch seinen Abschluss gemacht.

Gut zu wissen, dass die Lehrer zumindest in diesem Punkt recht hatten … Mit dem Alter kommt die Einsicht auf das, was man hätte besser machen können. Zum Glück bin ich nicht der Typ der sich daraus einen Strick dreht. Ohne meine Vergangenheit hätte ich Marie nie kennengelernt.

Wenn er sich an die Regeln hielt, dann würde er die Zeit hier schon überstehen. Genau wie an einer High School gab es Grüppchen: Die Versager, saßen in der Nähe seines Tisches, sie waren ein willkommendes Fressen für jeden Häftling der unter Einsamkeit litt. Frank hatte noch nie einen von ihnen laut reden gehört. Meistens tuschelten sie untereinander, als hätten sie Angst jemand könnte sie wahrnehmen. Viele von ihnen hatten geschwollene Gesichter und gebrochene Nasen. Sie saßen zum größten Teil wegen Betrugs, nichts womit sie hier Eindruck schinden konnten. Eher das Gegenteil war der Fall, damit machten sie sich eher noch unbeliebter. Allesamt sahen dünn und ausgemerkelt aus. Ihre Hände zitterten während sie versuchten die Löffel zu ihren Mündern zu führen. Wenn Frank sie zu lange ansah, ließen sie ihr Besteck sinken und legten die Hände in den Schoß, ganz so als würden sie wissen, was sie falsch gemacht hatten.

Ich weiß nicht, ob ich sie bedauern oder ignorieren soll. Sie erinnern mich an Hunde aus dem Tierheim, die man nicht selbst mit nach Hause nehmen kann, die man aber auch nicht einfach ihrem Schicksal überlassen will.


Die Totschläger und Mörder saßen ganz in der Nähe der Mafia und gehörten damit zu Oberliga. Ihnen gegenüber nur auf der anderen Seite hatte sich eine Bande aus Nazis versammelt. Die meisten von ihnen saßen ebenfalls wegen Mordes. Auch wenn zwischen den verschiedenen Banden immer eine gewisse Spannung herrschte ließen sie einander doch meistens in Ruhe. Niemand wollte Tote auf seiner Seite riskieren.

Wie sollte es auch andres sein. Je mehr Menschenleben auf deine Kappe gehen, umso besser für dich. Wenn du genug umgebracht hast, lassen sie dich in Ruhe.

Diese Gruppe bestand fast nur aus Muskelpakten, deren Tätowierungen genau verrieten zu welcher Gang sie sich zählten. Etwas am Rande hatten sich Kinderschänder und Vergewaltiger in zwei Gruppen gespalten.

Frank saß nach wie vor alleine an seinem Tisch. Damit war er allerdings nicht der einzige. Mitten in den Reihen saß ein Mann alleine an einem Tisch, der nicht ins Bild zu passen schien. Frank hatte noch nie mit ihm geredet und hatte es auch nicht vor. Die anderen nannten ihn nur den „Kinderfresser“. Er war nicht scharf darauf zu erfahren was dieser Mann angestellt hatte, dass selbst die Mafia die Finger von ihm ließ.

Am größten Tisch saßen so ziemlich alle anderen. Bei ihnen gab es keine genauen Anforderungen, dort gab es Mörder, Schläger, Drogendealer bis ihn zum einen oder andern, angeblich unschuldigen Vergewaltiger. Sie wurden von den anderen Gruppen meistens ignoriert. Frank betrachtete diese Gruppe etwas länger. Wie alle anderen hatte auch diese Gruppe einen Anführer. Thomas Luck. Ein stabiler Mann Ende dreißig, mit lichtem blonden Haar und einer Adlernase. Ohne ihn wäre diese Gruppe wahrscheinlich kleiner gewesen.
Frank wusste nicht warum, aber die Männer, alle Männer, hatten Angst vor ihm. Kopfschüttelnd schlang er seinen Haferschleim herunter. Er fragte sich wo sein Platz gewesen wäre, wenn er wegen etwas anderem sitzen würde. Wahrscheinlich irgendwo bei Luck. Aus irgendeinem Grund mochte Frank ihn, auch wenn sie noch nie mit einander geredet hatten. Aber er hatte eine Ausstrahlung, die im Vergleich zu den anderen durchaus als positiv gewertet werden konnte.
Es war ein relativ sonniger Tag und einer der wenigen, bei denen er von zu starken Erinnerungen an Sunshine, verschont blieb. Mittlerweile hatte er sich in die Gefängnisbibliothek verirrt und angefangen, die eher schmächtige Auswahl der Bücher durchzuarbeiten. Immerhin hatte es das Einschlafen sehr erleichtert, denn Hage schnarchte wie ein Bär, so dass er versuchen musste diese Geräusche auszublenden.
Die Bücher bauten eine Mauer, seinen ganz persönlichen Schutzwall. Wenn er lange genug las, konnte er alle anderen Gedanken verdrängen. Die Figuren der Bücher schienen plötzlich in seinem Leben zu sein, so dass er sich in Ruhe mit deren Geschichten beschäftigen konnte, bis sie wieder durch ein anderes Buch ersetzt wurden. Er war gerade in Goethes Faust versunken, als Hage sich plötzlich zu ihm setzte.
Verwirrt sah Frank auf. Er hatte einige Schwierigkeiten sich wirklich auf das Buch zu konzentrieren und die Anwesenheit seines Zellengenossen machte es ihm nicht leicht den Anschluss nicht wieder zu verlieren.
„Was gibt’s?“
Der Riese hatte ihn meistens ignoriert, besonders wenn sie unter den anderen Häftlingen waren. Beim Essen hatte er ihn nicht Mal eines Blickes gewürdigt, darum erstaunte ihn sein Auftauchen umso mehr. Hage murmelte einen leisen Fluch. Frank konnte nicht anderes, als ihn verwirrt anzustarren. Einen Finger hielt er noch immer an der Stelle, an der er aufgehört hatte zu lesen.
„Hör zu Junge“, flüsterte er leise, als wäre es Franks Todestag. „Ich tu das, weiß der Teufel, nicht gerne. Es ist ein Wunder das es dich nicht früher erwischt hat. Du hattest Glück, aber jetzt bist du ihnen ins Auge gefallen. Verstehst du was ich sagen will?“
Plötzlich wurde ihm eiskalt . Franks Nackenhaare stellten sich auf und seine Knie fingen an zu zucken. Sein Finger verrutschte und er klappte das Buch zu.
„Was ist los, Hage?“, fragte er in der stillen Hoffnung es gäbe einen anderen Grund. Er suchte sogar schon einen, aber Hages Augen sagten alles. Der Große grunzte unbehaglich. „Eigentlich dürfte ich nicht mal mit dir reden. Schon gar nicht darüber“, meinte er noch ernster.
Einen Moment sah es so aus, als würde er über seine Schulter blicken wollen, doch dann tat er es nicht sondern presste seine Hand gegen eine der Stuhllehnen.
„Aber ich finde jeder Mann hat das Recht sich darauf vorbereiten zu können. Wenn man sich erst Mal damit abgefunden hat, wird es etwas einfacher …“
Frank nickte. Das schreckliche Bewusstsein vergiftete sein Gehirn und ließ keinen klaren Gedanken mehr zu. Hage richtete sich auf, dabei Knarrte sein Stuhl auf widerliche Art. „Ich werde sehen was ich tun kann“, sagte er ruhig und sah sich etwas nervös um.
„Niemand kann sie davon abhalten, aber wenn du dich kampflos ergibst wird es schneller wieder vorbei sein …“
Frank konnte wieder nur nicken, seine Kehle war zu trocken um etwas zu sagen. Dann ging Hage und er saß wieder allein an dem Tisch. Sein Blick schweifte über die Tische und er fragte sich wer von ihnen wohl dabei sein würde. Es gab viele, die Gefallen daran hatten. Viel zu viele. Sein Blick blieb an einem der Mafiatypen hängen, Hulio irgendwas.

Plötzlich wurde er wütend weil Hage ihn gewarnt hatte. Jetzt konnte er sich mit keinem Buch der Welt mehr ablenken. Seine Augen suchten die Männer ab, er fragte sich immer wieder, ob er es irgendwie verhindern konnte. Nach dem Grund zu fragen, hatte er bereits aufgegeben. Wie in Trance saß er vor seinem Essen und versuchte in der gelblichen Pampe einen Ausweg zu finden. Aber da war nichts, nichts was ihn dazu veranlasste zu hoffen. Wieder etwas das ihn an die Schule erinnerte.

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