Freitag, 28. November 2014

SVV – Selbstverletzendes Verhalten und die Leiden dahinter



Die Fakten

Als SVV bezeichnet man Selbstverletzendes Verhalten, womit Handlungen gemeint sind bei der es zu einer bewussten Schädigung des Körpers kommt. In unserer Gesellschaft stößt derartiges auf starke Ablehnung obwohl ein Großteil der Bevölkerung bereits Erfahrungen damit gemacht hat. Selbstverletzung ist kein eigenständiges Krankheitsbild, vielmehr tritt es in Verbindung mit einer anderen psychischen Störung und/oder Erkrankung auf.
Viele Jugendlich leiden unter starken Druck den sie mit Hilfe von SVV versuchen zu entkommen. Oftmals tritt diese dann in Form von Schnittverletzungen auf. Dazu werden unterschiedlichste Gegenstände genutzt von Messern, Rasierklingen, Scherben bis hin Nadeln oder Scheren.
Ritzen ist zu einer häufigen Form der SVV geworden, jedoch ist es nicht die einzige. Verbrennungen oder Verätzungen sind ebenfalls möglich. Erstaunlich ist das SVV wesentlich häufiger bei jungen Mädchen auftritt als bei Jungen oder Männern. Allerdings leiden nicht nur Teenager darunter, auch junge Erwachsene haben oftmals den Drang sich zu verletzten. Wie viele Menschen sich in Deutschland selbst verletzen ist nicht bekannt, Schätzungen liegen aber bei ca. 620. 000 Menschen.

Warum man sich selbst verletzt


Die meisten Leser werden wohl kaum verstehen können wie man überhaupt auf die Idee kommt sich selbst zu verletzten. Die Ursachen hierfür sind allerdings sehr unterschiedlich und dürfen nicht leichtfertig über einen Kamm geschert werden.
Oftmals ist es ein Schrei nach Hilfe. Man weiß nicht wie man um Hilfe bitten soll oder wie man seine Gefühle zeigen kann. Der innere Druck wird irgendwann so groß das man nicht mehr weiß wie man damit umgehen soll, ein Schnitt kann kurzzeitige Erleichterung verschaffen diesen inneren Druck abzubauen. Während einer Verletzung schüttet der Körper „Glückshormone“ aus und verschafft so Erleichterung.
Oftmals ist es jedoch nicht nur ein Abbau von Druck, sondern auch eine Methode um sich selbst wieder zu spüren. Innere Leere kann den Wunsch wecken wieder IRGENDETWAS zu spüren.
Auch der Wunsch sich selbst zu bestrafen kann zu einer SV führen. Schmerz kann eine Zeitweise „heilende“ Wirkung haben. Man fühlt sich wieder als hätte man die Kontrolle über sich und seinen Körper.

Die Unterschiede zwischen SSV
Es gibt grob gesagt zwei Gruppen von Menschen die sich selbst verletzten.

Die Öffentlichen

Wer sich massiv selbst verletzt und dies nicht vor dem Umfeld versteckt schreit auf eine stille Art nach Hilfe und Aufmerksamkeit. Allerdings kann die SV auch ausgenutzt werden um z.B. Klausuren und anderen Stressquellen aus dem Weg zu gehen. So gibt es Fälle in denen die SV nur auftritt wenn große Stresssituationen auftreten. Etwa gab eine 13 Jährige bei ihrer Hausärztin an sich geritzt zu haben um nicht den Mathetest zu schreiben.
Auch „Gruppenritzen“ ist keine Seltenheit. Einige Jugendliche machen einen Wettkampf darum wer sich am besten verstümmelt oder setzen Klingen etc. gegenseitig an. Auch hier ist der Schrei nach Aufmerksamkeit mehr als deutlich. Das Bedürfnis wahrgenommen zu werden steht über dem Körperlichen Wohl.

 Die Heimlichen

Auf der anderen Seite stehen die Betroffenen denen es peinlich ist, dass sie sich nicht anders zu helfen wissen. Sie nutzen meist lange Kleidung um die blutigen Striemen zu verdecken oder ritzen sich an Stellen die weniger leicht zu sehen sind z.B. Füße, Bein, Bauch …
Meistens gelingt es diesen Menschen ihre Krankheit länger vor Familie und Freunden geheim zu halten, allerdings lässt sich eine SV nicht ewig verbergen. Es bleiben Narben die einen früher oder später verraten. Während bei den „öffentlichen Schlitzern“ nach der Pubertät oftmals Schluss mit der SV ist, kämpfen die Heimlichen meist ein Leben lang damit. Einen Rückfall bemerkt man bei dieser Gruppe eher selten, da sie über die Zeit schnell lernen wie sie es vor ihrem Umfeld geheim halten können.

Ohne eine Therapie ist es im Allgemeinen schwer von einem SVV Abstand zu nehmen. Die Ursachen sind unterschiedlich und müssen aufgeschlüsselt werden, damit der innere Druck nicht mehr zur Dauerbelastung wird.

Meine Erfahrung mit SVV

Bei mir fing es wie bei den meisten anderen auch während der Pubertät an. Ich ritze mich immer dann, wenn ich das Gefühl hatte das mir die Welt zu viel wurde. Der innere Druck nach Perfektion war so groß das ich zeitweise mehrere Male am Tag „schlitzen“ musste. Dabei ging es mir persönlich weniger um den Schmerz, den ich in solchen Momenten ohnehin nicht fühlte, als vielmehr um das Bluten.
Ich bestrafte mich selbst dafür, dass ich in meinen Augen zu schwach war. Natürlich konnte ich das irgendwann nicht mehr vor meiner Familie und in der Schule geheim halten. Obwohl ich so oft es ging den Sportunterricht und das damit verbundene Umziehen in der Gruppe schwänzte, kam es doch irgendwann raus. Ehe ich mich versah musste ich mit dem Schulpsychologen sprechen und die ständigen Fragen ertragen: „Warum tust du dir das an?“
Das hat den Druck auf mich jedoch noch vervielfältigt.
Mit 16 war ich dann offiziell geheilt von dem ritzen – aufgehört habe ich damit jedoch nicht. Ich habe es nur anders gemacht. Nicht mehr den ganzen Arm genommen, sondern nur noch ein oder zwei Schnitte auf meinen Schenkeln gemacht. Später dann die Füße usw.
Nach dem Ende der Schule ging es dann eine ganze Weile ohne. Mit 18 Jahren dachte ich, ich hätte es von ganz alleine geschafft damit aufzuhören, doch dann hatte ich wieder einen Rückfall und noch einen. Noch immer war es nicht so schlimm wie in früheren Jahren. Einzelne Schnitte die man gut als Unfall tarnen konnte, eine kleine Verbrennung hier und da. Ich redete mir ein dass ich es im Griff hatte, doch irgendwann musste ich mir eingestehen dass es nicht so war. Ich suchte mir sogenannte „Skills“ die mir dabei helfen sollten etwas anderes zu tun als mich zu verletzten. Ich kaute auf Chilischoten, schnipste mit einem Gummiband gegen meine Haut oder hielt so lange die Luft an wie ich konnte. Doch all das brachte nicht den gewünschten Druck Abbau – es half mir nicht so sehr wie das bluten.
Dennoch war ich inzwischen älter und mir war klar, dass es nicht richtig ist sich selbst zu schneiden oder zu verbrennen. Ich versuchte eine lange Zeit es mir abzugewöhnen und schaffte es schließlich auch – dachte ich zumindest. Wieder einmal.
Inzwischen bin ich 24 Jahre alt.
Meine letzte Selbstverletzung ist ca. 8 Monate her.
Das letzte Mal als ich mich schnitt wusste ich dass mein Freund mich belügt und betrügt. Das war der Auslöser an dem ich doch wieder zur Klinge griff, weil ich nicht wusste wie ich es sonst schaffen sollte damit zu Recht zu kommen. Es waren nur zwei kleine Schnitte. Nicht besonders tief und nicht auffällig, aber sie waren da.
Inzwischen habe ich wieder eine Therapie angefangen. Das kann ich nur jedem raten der ebenfalls mit SVV kämpft.
Wir sind mehr wert, als uns selbst weh zu tun.


1 Kommentar:

  1. Ich wünsche Dir sehr, dass Du es irgendwann hinter Dir lassen kannst. Im Internet habe ich mehrere Menschen kennengelernt, die davon betroffen sind, und habe sie eine Weile begleitet bzw. begleiten dürfen.

    Liebe Grüße, Tamaro

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