Mittwoch, 17. Dezember 2014

Kurzgeschichte - Fischers Fritze fischt


„Zuerst wird der Wurm auf dem Haken befestigt …“
Er hielt den Angelhaken in die Luft und das kalte Metall leuchtete in der Sonne auf. Eine Gänsehaut breitete sich auf ihrer Haut aus, während sie die scharfe, nach innen gerichtete Spitze betrachtete. Der kleine Widerhaken war kaum zu erkennen, doch der Fisch würde ihn gewiss spüren, wenn er nach dem Wurm schnappte. Sie schüttelte sich angewidert und verzog das Gesicht, als wäre sie es, die diesen Hacken schlucken musste.
„Wir spießen also erst den Wurm auf, damit sich dann der Fisch an dem Haken aufhängt?“
Er sah sie mit grimmigen Gesicht an, ohne auf das Verzweifelte Winden des Wurmes zu achten, der immer wieder versuchte den groben Händen und dem spitzen Angelhaken zu entkommen. Der Wurm hatte weder ein Gesicht, noch konnte er ein hörbares Geräusch von sich geben und doch hatte sie das Gefühl, er würde so laut nach Hilfe rufen, dass es die Vögel in den Bäumen wachrüttelte. Doch alles blieb stumm.
„Einen Fisch fängt man am besten mit einem lebenden Köder.“
Die Grillen zirpten friedlich im Schilf und die frühe Morgensonne ließ das Wasser des Sees golden aufleuchten. Der schwache Nebel des Morgens hatte sich noch nicht komplett verzogen, sondern schien den See und alles um ihn herum einzurahmen wie das Bild eines Malers. Der Ort war so friedlich, dass es kaum zu glauben war, dass hier gleich ein Mord geschehen sollte. Sie zuckte zusammen, als der Wurm in der Mitte aufgespießt wurde. Übelkeit stieg in ihr hoch und sie zwang sich wegzusehen. Der Wurm wand sich noch immer, als würde er seinem längst beschlossenen Schicksal doch noch entkommen können.
Er warf den Haken ins Wasser, ohne auf ihre Blässe zu achten und fuhr sich durch das lichter werdende Haar. „Was passiert jetzt?“, fragte sie kleinlaut, denn sie kannte die Antwort bereits.
„Wir warten, dass ein Fisch anbeißt.“
„Du meinst, dass er sich selbst aufspießt.“
„Wir haben genauso Hunger wie der Fisch“, entgegnete er ernst.
„Aber wir werden nicht geködert und aufgespießt“, hauchte sie mehr zu sich selbst und blickte fast schon ängstlich zu der Angelschnur die wie ein böses Omen im stillen See trieb. Die Angel zerstörte das Bild des Friedens und verwandelte es in einen bizarren Kampf ums Überleben.
„Was passiert, wenn einer angebissen hat?“
„Wir ziehen den Fisch aus dem Wasser, legen ihn auf das feuchte Tuch und schlagen ihn einmal auf den Kopf um ihn zu betäuben“, erklärte er gelassen, als wäre das Leben, über dessen Ende er sprach nichts wert. „Wenn er betäubt ist stechen wir ihm ins Herz damit er ausbluten kann …“


Sie hielt eine Hand vor den Mund und unterdrückte das Bedürfnis sich in das goldene Wasser zu erbrechen. Ihr Magen knurrte laut auf, während sie die Augen schloss und ein Stoßgebet an den Himmel schickte, dass kein Fisch gefangen wird. Doch wie so oft ging das Gebet ins Leere.
„Beim Einstechen müssen wir vorsichtig sein. Wir setzen weit vorne an, damit wir auch wirklich das Herz treffen und nicht die Galle. Ist er erst tot, nehmen wir ihn aus. Ein langer Schnitt am Bauch. Und dann alles in einem Rutsch heraus nehmen. Das klingt alles brutaler als es ist. Immer noch besser als wenn wir ihn an der Luft ersticken lassen.“
Er tippte mit dem Finger auf das scharfe Fischermesser neben sich. Die Klinge war so scharf, dass sie mühelos durch Fleisch schneiden konnte. Sie sah ihr Spiegelbild in der Klinge und musste sich selbst in die Augen sehen.
„Erst aufgespießt, dann erschlagen und anschließend ausgenommen, dass nennst du nicht brutal?“
„Wir müssen etwas essen.“
Seine Augen waren anders als ihre. Seine Menschlichkeit schien hinter einem grauen Schleier aus Hunger und Verzweiflung verborgen zu sein. Sie schwieg wieder und starrte weiter auf das Wasser. Ihre Gedanken suchten nach einem Ausweg aus dem Dilemma aus Hunger und Mitleid. Dann  plötzlich zuckte es an der Angelschnur und sie sprang mit panisch geweiteten Augen auf. Fast hätte sie geschrien, doch bevor auch nur ein Laut aus ihrem Mund drang, wurde die Schnur eingeholt.
Die Schuppen des Fisches schimmerten in der Sonne als wären es kleine Diamanten, während die kräftigen Flossen voller Panik hin und her schlugen. Aus seinem Maul lief ein Tropfen kaltes Blut und tropfte zurück in den See. Der Haken blitzte bedrohlich auf und der kleine Widerhaken verhinderte, dass die Bemühungen des Tieres ihm in die Freiheit zurück verhelfen konnten. Erbarmungslos wurde er ans Land gezogen und lag zappelnd vor ihren Füßen. Er schnappte nach Luft, versuchte zu schwimmen und bewegte dabei jede Flosse in schierer Todesangst. Er verstand nicht, dass es kein Wasser mehr um ihn herum gab, er verstand nicht, warum er nicht mehr atmen konnte und an einem Haken hing.
Sie wagte es nicht zu atmen. Seine Augen schienen sie direkt anzusehen.
„Gib mir den kleinen Hammer.“
Er drückte den Fisch auf das Tuch und zog den Haken mit einem kräftigen Ruck aus seinem Maul. Das reißende Geräusch, als seine kalte Haut zerfetzt wurde hallte in ihren Ohren wieder und ließ die Grillen verstummen. Für eine Sekunde hätte sie schwören können, einen Schmerzenslaut des Tieres gehört zu haben. Zögernd griff sie nach dem Hammer und starrte von dem Werkzeug zu dem Tier, das noch immer verzweifelt versuchte zu atmen. Sein Maul schnappte immer wieder auf. Aber er wurde langsamer. Die Schläge seiner Flossen verloren ihre Kraft mit jedem Atemzug, der das restliche Wasser aus seinen Kiemen vertrieb. Er starb langsam.
„Nun mach schon, oder willst du das der Fisch unnötig leidet?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Mit einer ausladenden Bewegung holte sie Schwung und schlug mit dem Hammer so fest sie konnte zwischen die Augen des Anglers. Seine Augen weiten sich, nun war er es, der nicht verstand was passiert. Dort, wo der Hammer getroffen hatte erschien eine kleine Wunde, die ganz plötzlich anfing wie ein Sturzbach zu bluten. Benommen fasste er an seine Stirn und sah das Blut auf seinen Fingerspitzen, eher er die Augen verdrehte und nach vorne kippte.
Der Fisch bewegte sich inzwischen kaum noch.
Sie warf den Hammer zu Seite und kniete sich auf den Boden. Vorsichtig nahm sie den kalten Fisch in ihre Hände und strich über die blutige Stelle an seinem Maul. Er zuckte noch, also war er noch am Leben. Sachte machte sie zwei Schritte in den See hinein und legte ihn wieder ins Wasser.
Es schien, als würde er einen kräftigen Atemzug nehmen, ehe er die Kraft fand seine Flossen wieder zu benutzen. Er schwamm davon, noch immer voller Panik und Unglauben, dass er dem Haken entkommen konnte. Sie atmete erleichtert auf, als wäre mit dem Fisch ihre Last davon geschwommen.
Ein lautes Stöhnen ließ sie herumfahren. Der Mann hatte sich auf den Rücken gerollt, er war noch immer benommen, doch es würde nicht lange dauern bis er die Kraft fand, sich wieder zu erheben. Eilig watete sie aus dem Wasser und griff nach dem scharfen Fischermesser, ehe sie sich über ihn hockte. Ihr Herzschlag war das Einzige, was sie hörte. Der vibrierende Bass schien den See in Bewegung zu bringen.
„Es tut mir leid“, hauchte sie ehrlich und eine Träne rollte ihr über das Gesicht.
„Warum hast du das getan? Wir müssen etwas essen!“
Aus der einen Träne wurden zwei und ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ich weiß … Es tut mir Leid …“
Kurz blickte sie über sich. In den blauen Himmel, an dem sich kaum eine Wolke zeigte und der sich doch zu verdunkeln schien. Sie stach das Messer genau in sein Herz, so wie er es gesagt hatte und wich zurück, während er laut aufjaulte.
Er blickte sie an. Die Augen weit aufgerissen, als würden sie ihm jeden Moment aus den Höhlen fallen. Das Messer hatte keine Widerhaken und es gelang ihm, es mit einem schweren Ruck aus seinem Brustkorb zu reißen.  Er warf es in den See, als hätte er Angst, sie könnte ihm damit den Bauch aufschneiden und seine Eingeweide entfernen, wie er es mit dem Fisch getan hätte. In seinen Augen stand der blanke Hass und das Unverständnis eines Mannes der nicht verstand, warum das Leben eines einzelnen Fisches mehr wert war als seines.
„Du bringst lieber mich um als einen wertlosen Fisch?“, brüllte er wütend und versuchte auf sie zuzukriechen. Doch das Blut rann aus seinem Körper als hätte jemand einen Hahn aufgedreht.
„Kein Leben ist wertlos …“, hauchte sie zitternd und rutschte auf die Knie. Er packte einen ihrer Füße, doch ehe er seine Wut in eine Tat wandeln konnte, erlosch das Licht in seinen Augen und er sackte in sich zusammen.
Ein letztes Mal schnappte er nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen.




Kommentare:

  1. wow, einfach nur wow. unglaublich bewegend und berührend geschrieben... mich hat der überlebenskampf des fisches richtig mitgenommen, im gegensatz zum mord am angler.
    die geschichte liest sich richtig spannend und ist super aufgebaut! das ist echt wahnsinn!
    ich bin begeistert!!! themenauswahl, handlung, spannungsaufbau, ortsbeschreibung etc - TOP ♥

    liebste grüße,
    ein neuer fan

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  2. Wow, sehr bewegend geschrieben!

    Liebst, Katja von http://momentaufnahmenblog.blogspot.co.at/

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