Sonntag, 28. Dezember 2014

Little bloody Sunshine - 10.


Mit schweren Gliedern erwachte er aus seinem Trip und brauchte einige Minuten um zu verstehen, dass es wieder nur ein Traum gewesen war. Sein Zeitgefühl ließ ihn wieder im Stich, er konnte nicht sagen ob es schon der nächste Tag oder die nächste Woche war. Das Gras linderte zwar die Schmerzen und sorgte für halbwegs schöne Träume, doch es schien seinen Verstand auch immer weiter zu lähmen. Immer wenn er glaubte er hätte einen Moment der Klarheit tauchten die Schmerzen wieder auf und Hage besorgte ihm Nachschub.
Entweder ich habe das Zaubermittel gefunden um die Zeit hier zu überstehen oder ich bringe mich endgültig um. So oder so, besser ich habe Sunshine dabei vor Augen als Hulio.
Blinzelnd stand er auf und betrachtete er sich im Spiegel. „Verdammt …“, stieß er aus und trat dichter an den Spiegel heran. Es dauerte etwas bis er verstand das er tatsächlich sich selbst in die Augen blickte. Anscheinend hatte er seine Körperpflege etwas vernachlässigt.
Seine Haare hingen ihm über die Stirn und der Vollbart hatte ein seltsames Eigenleben entwickelt. Vier Monate ohne sich die Haare zu schneiden zu lassen, oder sich zu rasieren, war eindeutig zu lang. Der Pony hing ihm in die Augen, als ihm wieder aufging warum er das Gemeinschaftsbad so lange gemieden hatte. Leicht unsicher schüttelte er den Kopf. Seine Haare flogen hin und her. Es war seltsam, nahezu beängstigend. Als er sich umdrehte erschrak er etwas.
„Alter!“ stieß er aus. „Du hast mich erschreckt!“
Hage lachte leise. „Bist du immer noch nicht klar im Kopf?“ fragte er neckend. Frank rang sich ein Grinsen ab. „Klarer als sonst würde ich sagen“, antwortete er und legte sich wieder ins Bett. Die blauen Flecken, waren zum größten Teil verschwunden, aber einige Narben würde er noch nach Jahren sehen.
NICHT DRÜBER NACHDENKEN!
Je mehr du darüber nachdenkst umso schlimmer wird es und es wäre schön wenn du mal wieder für einen längeren Zeitraum klar bleibst.


„Heute ist Sonntag“, brummte Hage und starrte aus dem vergitterten Fenster. Frank nickte. Er hatte sich daran gewöhnt niemanden zu sehen und inzwischen machte es ihm nichts mehr aus. Er fand es sogar ganz schön, Hage zuzuhören, wenn er von seiner Familie redete. Es war ähnlich wie mit den Büchern, eine andere Welt in die er abtauchen konnte, wenn er es wollte.
„Kommt Elise heute?“ fragte er. Elise war Hages Ehefrau. Bisher hatte Frank sie nur auf Fotos gesehen, aber sie schien ein ähnliches Wesen zu haben wie ihr Mann. Sie war eine mollige Frau ende Zwanzig, mit dicken schwarzen Locken und großen Augen. Er konnte nur ahnen, was für große Brüste sie hatte. Ähnlich wie ihr Mann neigte sie zu Wutausbrüchen und hatte sich nicht immer im Griff. Er konnte sich sehr gut vorstellen, wie die Beiden als Paar zusammen passten.
„Ja“, sagte Hage nahezu verträumt. Frank wollte gar nicht wissen was genau er dachte. „Sie bringt die Kleine mit.“
Die Kleine war seine 6 Jahre alte Tochter, Giselle, die gerade in die Schule gekommen war, auch sie hatte Frank bisher nur auf den Fotos gesehen, aber Hage schien mit seinem Leben außerhalb der Gitter ziemlich glücklich zu sein.
„Grüß die Beiden von mir“, murmelte Frank leise und unterdrückte die leichte Eifersucht in sich. Hätte er nur etwas anders gehandelt, dann hätte er vielleicht in diesem Augenblick sein Kind zugedeckt und danach Sunshine beim Abspülen geholfen. Er konnte sie fast vor sich sehen, in einer kitschigen Schürzte wie sie die verbrannten Reste des Essens aus dem Topf schrubbte. Dieser Gedanke erschien ihm wie ein kleiner Himmel auf Erden.
„Was ist mit dir?“ wollte Hage wissen. „Kein Besuch heute?“
Er wischte sich über die Nase und musterte Frank mit forschendem Blick. „Nein“, antwortete Frank knapp „Auch diesen Sonntag kein Besuch.“
Er hasste es wenn Hage ihn so an sah. Als ob es eine Überraschung wäre, denn Er hatte die ganze Zeit über noch nicht einen Besucher gehabt, abgesehen von einem kurzen Höflichkeitsbesuch seines Anwalts, warum sollte sich das ausgerechnet heute ändern? „Du bekommst keinen Besuch an deinem Geburtstag?“ stieß der Große verwundert aus. Frank blickte ihn etwas erschrocken an. „Es ist der 14. November, Junge! Jetzt sag nicht du hast deinen eigenen Geburtstag verschlafen!“
„Doch“, knurrte Frank leise.
Wie konnte ich nur die Zeit, so sehr verschlafen? Vielleicht sollte ich meinen Drogenkonsum doch etwas mehr einschränken. November? Tatsächlich, schon? Das erklärte natürlich, warum es in letzter Zeit so kalt geworden ist.
„Woher wusstest du das?“
Er war wütend das Hage ihn daran erinnert hatte jetzt war er nur noch deprimierter als vorher. Ein selbstsicheres Grinsen erschien auf dem Gesicht des Riesen. „Ich hab so meine Quellen“, meinte er schlicht ohne dass sein Grinsen sich verkleinerte.
„Also Junge es wird dich doch jemand an deinen Geburtstag besuchen?“
Frank fluchte lauthals. „Nein, es wird niemand kommen, verstanden?“
Hage runzelte die Stirn. Er war erstaunt über so einen Ausbruch - normalerweise war Frank nicht so. Normalerweise sagte Frank entweder nichts oder wenig, und geschrien hatte er bisher noch nie.
„Schon gut, Junge.“
Er machte ein grimmiges Gesicht und schob sich wie ein bockiges Kind an Frank vorbei. Frank ließ den Kopf hängen. „Hage, so war das nicht gemeint“, murmelte er kleinlaut.
Er wusste nicht wie er es sagen sollte. Hage hatte seine Familie, eine Ehefrau, ein Kind. Er hatte keine Ahnung wie es war, alleine zu sein. Genauso wenig wie er selbst wusste, was es bedeutet, eine Familie zu haben. Obwohl er die Chance gehabt hatte, es rauszufinden.
„Du redest nicht gerne über das Leben draußen, oder?“
Frank schüttelte den Kopf, ohne ihm zu antworten. Er versuchte noch immer sich etwas zu beruhigen. Obwohl er wusste, dass Hage nichts dafür konnte, wollte seine Wut einfach nicht verrauchen. „Aber irgendwann kommst du hier raus, und dann holt es dich ein. Ob du willst oder nicht! Dein Schweigen hilft dir dann auch nichts. Irgendwann holt einen alles ein.“


1 Kommentar:

  1. Sehr gut gelungen. Wortwechsel und Gedanken sind schlüssig und packend. Du ziehst einen über eine gute Seite in deinen Bann, ohne dass man viel neues erfährt, trotzdem bleibt die Lust, weiterzulesen.
    Liebe Grüße
    Jakob

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