Sonntag, 14. Dezember 2014

Little bloody Sunshine - Kapitel 9

9.

Sie stand im Regen, nass und frierend. Nur mit einem kurzen Rock und einem T-Shirt bekleidet. Ihr rotes Haar wirkte durch den Regen fast schwarz, das Make-Up war verschmiert und lief ihr wie schwarze Tränen die Wangen herunter. Es sah fast so aus als hätten sie geweint. Vielleicht hatte sie das auch. Er konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden. Seit mindestens einer halben Stunde starrte er sie schon an. Er blickte kurz auf seine Uhr, seit genau 35 Minuten.

Seit wann verschwendest du deine Zeit damit kleine Mädchen im Regen anzustarren? Es wird schon seine Gründe haben das sie dort wartet. Vielleicht kommt jeden Moment ihr Freund um die Ecke. Oder ihr Vater. Sie sieht jung genug aus, damit ein Vater sich noch Sorgen um sie macht.

Das Mädchen schlang die Arme eng um ihren Körper, um nicht so stark zu zittern. Wieder musste er auf seine Armbanduhr blicken.

Egal auf wen sie wartet, wenn er in den nächsten zehn Minuten nicht kommt, holt sie sich eine Lungenentzündung. Wer lässt ein Mädchen einfach im Regen stehen?

Ihre Schuhe schienen das Wasser aufzusaugen und um ihre Füße herum hatten sich Pfützen gebildet. Die Wärme der Bar und die Kühle seines Bieres erschienen ihm ironisch zu diesem Gegensatz.

Was soll´s? Entweder ich starre sie weiter an oder ich gehe zu ihr. Sie sollte in dieser Gegend nicht zu lange alleine sein, ich bin sicher nicht der Einzige der sie gesehen hat.


Schnaubend schob er sich von dem Barhocker. Der Regen trommelte lauthals auf ihn ein sobald er die schützende Wärme der hinter sich gelassen hatte. Sie sah ihn nicht einmal an, während er sich ihr näherte. Frank hielt seinen Schirm über sie.
„Wenn du hier weiter im Regen rumstehst holst du dir noch den Tod“, meinte er ernst.

Einen besseren Spruch konnte ich mir also nicht einfallen lassen? Jetzt klinge ich, als würde ich versuchen ihren Vater zu spielen.

„Willst du dich nicht lieber um deinen eigenen Scheiß kümmern?“, zischte sie giftiger zurück, als er es erwartet hatte und er hätte fast gegrinst.

Nettes Mädchen!

Er räusperte und rang sich ein seltenes Grinsen ab.
„Ich würde gerne mein Bier austrinken, aber du stehst hier seit fast einer Stunde. Meinst du nicht es wäre besser im Trockenen zu warten?“, murmelte er gerade laut genug, dass sie es durch den Regen hören konnte. Sie betrachte ihn skeptisch.
„Du starrst mich also seit fast einer Stunde an?“

Verdammt, wäre ich doch bei meinem Bier geblieben.

„Du bist der einzige Mensch auf der Straße, da fällt es schwer sich nicht darüber zu wundern. Wartest du auf jemanden?“
Sie schien nicht so recht zu wissen, wie sie ihn einordnen sollte. Ihre grünen Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und die Regentropfen die sich zwischen ihren Wimpern verfangen hatten schimmerten im matten Licht der Straßenlaterne.
„Auf den Bus.“
„Da kannst du noch lange warten, der fährt frühstens in 4 Stunden.“
„Dann werde ich wohl noch 4 Stunden hier stehen.“
Er schnaubte. „Meinst du nicht es wäre klüger zumindest eine Weile im Trockenen zu verbringen?“ fragte er, nachdem sie nach einigen Sekunden noch immer nichts gesagt hatte. „Du kannst mir ein Bier ausgeben“, zischte sie und schob sich an ihm vorbei in Richtung Bar.

Ich hätte auch einfach sitzen bleiben können, aber nein. Ich musste mich ja wieder einmal in etwas einmischen das mich nicht angeht … Verdammt, die Kleine hat mehr Feuer in ihrem Knochigen Arsch als ein Vulkan. Das kann nicht gut ausgehen.

Sie ließ sich von ihm in eine kleine Kneipe führen. Frank war oft hier und nickte dem Mann hinter der Bar zu. Obwohl es hier wesentlich wärmer war, fror sie noch immer. Frank zog missmutig seine Jacke aus und reichte sie ihr. Sie sah ihn etwas verwirrt an und streifte die Jacke dann über, ohne etwas zu sagen.

Immerhin scheint sie langsam zu verstehen, dass nicht vorhabe sie zu kidnappen und an die Asiaten zu verkaufen.

Er setzte sich an die Bar. Aus dem Augenwinkel betrachtete er die zerrissene Strumpfhose, durch den Stoff konnte er ihre blasse Haut sehen. Und blauen Flecken, sehr viele blauen Flecken. Selbst durch die schwarze Strumpfhose war deutlich zu erkennen, dass es kaum einen Fleck ihres Körpers gab der keine Spuren aufwies. Er fragte sich was passiert war, konnte es aber nicht über sich bringen sie danach zu fragen.
„Ein Bier“ bestellte er.
Marie sah den Mann hinter der Bar an und lächelte seine Skepsis einfach weg. „Ein Sherry wäre mir lieber gewesen“, meinte sie trocken.
„Du kannst schon froh sein wenn du ein Bier bekommst. Wie alt bist du?“
„21.“
„Du bist wohl weder eins der Mädchen die nichts vertragen noch eines das Probleme hat zu lügen?“ fragte er schmunzelnd. Marie schüttelte den Kopf, wobei Wassertropfen aus ihrem Haar durch die Gegend flogen. Sie wischte sich mit den Handrücken über die Augen - ein einsamer Versuch ihr Make-up zu retten.
„Lädst du öfter Minderjährige auf einen Drink ein“, konterte sie bissig. Er lachte leise. So hatte er sich nicht vorgestellt, auch wenn er keine Ahnung hatte was sonst passieren sollte. Es fühlte sich an als würde er nur handeln, ohne wirklich nachzudenken.

Normalerweiße gehe ich Mädchen wie ihr aus dem Weg. Die bedeuten immer Ärger. Aber nun sitze ich hier und trinke ein Bier mit ihr. Warum zu Hölle kann ich nicht mehr klar denken? Will ich sie anbaggern oder ist es nur der Beschützerinstinkt der mich in einen Volltrottel verwandelt?

„Eigentlich nicht“, gestand er. „Aber ich wollte dich nicht alleine im Regen stehen lassen.“
„Das ist ja wirklich herzerwärmend.“
Er nippte an seinem Bier, nur um etwas anderes zu tun als sie wie ein Irrer anzustarren.
„Die Meisten können das, einen stehen lassen“, meinte sie und leerte ihr Glas mit einem Zug. Sie war wirklich alles andere, als eins der üblichen Mädchen, sie verzog nicht einmal die Miene beim Trinken. „Ich bin nicht wie die Meisten“, meinte er ehrlich.
Sie betrachtete ihn und nickte. Seine Glatze hatte er unter einer dicken, schwarzen Wollmütze versteckt und die Regentropfen hatten sich in seinem Bart verfangen.
„Das sehe ich. Ich bin Marie.“
„Frank.“
Einen Moment lang fragte er sich, ob das kleine Lächeln das sie ihm schenkte echt war.  „Du kommst nicht von hier oder?“ wollte er wissen. Marie schüttelte den Kopf. Trotz des ruinierten Make-Ups und der viel zu großen Jacke, sah sie wunderschön aus. Nicht wie die anderen Frauen, nicht so wie die Mädchen in ihrem Alter aussehen sollten. Sie wirkte älter. Etwas an dem Ausdruck in ihren Augen, ließ ihn zittern. Ihre Augen waren von einem seltsamen grün, dass so dunkel und tiefgründig war, wie der Ozean, nur das es eben kein Ozean war. Sie schienen etwas abgrundtief Trauriges auszustrahlen, das kein normaler Mensch verstehen konnte.
„Ich komme aus Atlanta“, erklärte sie ruhig. „Bin vor einem Jahr dort weg.“
Warum sagte sie nicht, aber Frank konnte ahnen, dass sie von zu Hause abgehauen war, wie so viele andere. Aber sie sah nicht aus wie eine Nutte oder als wäre sie Speed-abhängig. Er wusste nicht wie er sie einordnen sollte und nickte nur.
„Und was zieht dich nach Chicago? Für mich wäre es der letzte Ort an den ich gehen würde.“
Sie bestellte noch ein Bier und sah ihn auf eine seltsame Weise an. Das T-Shirt klebte so sehr an ihrer Haut, dass sich alles darunter abzeichnete, obwohl er Gentlemen genug war, um ihr nicht die gesamte Zeit auf die Nippel zu starren. „Ehrlich gesagt war es ein Versehen“, gestand sie, wobei sie leicht lächelte. „Ich hab den falschen Bus genommen.“
Jetzt musste Frank wirklich grinsen.
„Na so ein Glück“, meinte er und nippte noch einmal an seinem Glas. Sie warf ihm einen seltsamen Seitenblick zu und neigte dann den Kopf nach unten, damit er ihr Lachen nicht sah.



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