Sonntag, 15. Februar 2015

Little bloody Sunshine - Kapitel 11. 2.



„Scheiße, Jackson!“
Noch immer reagierte Frank nicht. Er kam sich vor wie in einer großen Seifenblase. Er nahm seine Umgebung wahr, aber irgendwie schien sie dennoch nicht zu existieren.

„Jackson, jetzt beweg deinen Arsch oder lass es!“

Wie von selbst bewegten sich Franks Füße.

Besuch? Das muss ein Fehler sein. Oder ein wirklich übler Scherz. Besuch? Wer soll das sein? Es gibt nur eine Person auf der Welt, die mich besuchen würde und das ist ganz sicher nicht meine Mutter. Dass mein Geburtstag ist weiß sonst nur Hage … Sie muss es einfach sein.

Dein Herz begann wild zu hämmern und seine Füße schienen von alleine die Geschwindigkeit zu erhöhen. Vielleicht war Sunshine es einfach leid gewesen ihr Leben mit jemanden wie Kevin zu führen.

Es gibt keine andere Erklärung. Sie muss es sein, vielleicht hat sie eingesehen, dass Kevin nicht der Richtige für sie ist und, dass wir noch eine Chance haben. Vielleicht weiß sie jetzt dass ich mich wie ein Idiot aufgeführt habe, aber niemals wieder zulassen würde, dass sich etwas zwischen uns drängt. Vielleicht hat sie mein Kind dabei … Sunshine, sie muss es sein.


Sein Kopf spielte alle möglichen ersten Worte durch, die er ihr sagen konnte. Doch nichts schien gut genug zu sein um all das zu erklären was während der letzten Wochen geschehen war. Er wollte sie einfach nur sehen und ihre Stimme hören. Kurz vor dem Besucherzimmer blieb er stehen, als hätte sein Verstand erst jetzt realisiert das er sie wiedersehen würde.

Aber wenn sie es ist kann ich sie nur durch das Glas anstarren, ich kann sie nicht berühren oder den Duft ihrer Haut in mich aufsaugen. Für sie muss ich wie ein Affe im Käfig aussehen. Vielleicht ist es nur ein Höfflichkeitsbesuch und sie wird mir sagen das sie aus Chicago wegzieht …

„Jackson! Nun komm schon …“

Er wurde in das Besucherzimmer geführt. Der Geruch von Schweiß und alten Plastik schlug ihm entgegen. Er war das erste Mal hier und erinnerte sich sofort an all die schlechten Knastfilme, anscheinend waren die meisten Sachen doch nicht so weit hergeholt. Die winzigen Kabinen trennten die einzelnen Häftlinge voneinander, als wären sie Mitarbeiter in einem Callcenter – nur das ihre Trennwände so dünn wie Pappe waren. Hinter der Glasscheibe sah man die traurigen Geschichten hinter den Mauern. Ihm war als könne er die bitteren Tränen der Angehörigen schmecken.
Schluckend richtete er sich auf und suchte unter den traurigen Gesichtern nach ihrem. Doch sie war nicht da. Einige Sekunden verbrachte er damit, sich verwirrt umzusehen, fast schon glaubte er es wäre wirklich ein Scherz gewesen, als seine Augen Kevin entdeckten. Augenblicklich blieb ihm der Atem weg.

Scheiße, das ist noch schlimmer als jeder Scherz.

Einen Moment lang dachte er darüber nach einfach wieder zu gehen, doch dann biss er die Zähne zusammen und ließ sich auf den freien Stuhl vor der Glasscheibe nieder, eher er nach dem Hörer griff. „Was willst du?“
Kevin legte den Kopf schief. Jetzt da er durch das dicke Glas in Sicherheit war, konnte er es sich erlauben mit ihm zu spielen und das machte Frank jetzt schon rasend.

Eine schöne Bescherung sieht mir Sicherheit anders aus … Aber dieser Dreckskerl wird nicht ohne Grund hier sein. Entweder schickt Sunshine ihn oder die Beiden stecken in noch größeren Schwierigkeiten.

Kevin hatte sich kaum verändert, war vielleicht etwas fetter geworden und seine Haare schienen noch ungepflegter als vorher. Man sah ihm den dauerhaften Drogenkonsum mehr als deutlich an. „Happy Birthday“, sagte er hämisch.
Der Häftling unterdrückte den Drang durch die Scheibe zu springen und ballte die Hände zu Fäusten. Sein Puls hämmerte schmerzhaft gegen seine Schläfen.

Wäre ich doch nur in meiner Zelle geblieben! Vielleicht hätte ich Goethe nicht beleidigen sollen, dass hat wahrscheinlich den Zorn der Götter auf mich gelenkt und nun tritt das Karma mir wieder mal in den Arsch.

„Was willst du?“ fragte er nochmals, nur das er sich jetzt anhörte wie ein angriffslistiger Hund.

„Marie schickt mich“, antwortete er lahm und Frank wurde sofort hellhörig. „Sie hat darauf bestanden das ich her komme und dir etwas gebe“, erklärte Kevin weiter und zog einen dicken braunen Briefumschlag aus seinem Rucksack.

Ich ertrage den Gedanken nicht das dieser Dreckkerl neben der Frau liegen darf, die ich …

„Tage lang hat sie gebettelt das ich dir den hier bringen soll …“, unterbrach Kevin seinen Gedankengang. „Ich hab ihr verboten auch nur in die deine Nähe zu kommen.“

Das erklärt warum sie nicht persönlich gekommen ist. Mir ist nur schleierhaft warum sie ausgerechnet ihn hierher schickt … Aber immerhin hat sie an mich gedacht, auch wenn er bei ihr ist.

 „Wie geht es ihr?“ fragte er leiser als vorher. Ein widerliches Grinsen erschien auf Kevins Gesicht. „Verdammt gut“, antwortete er. „Wir wollen heiraten.“
Frank blinzelte kurz, bevor ihn ein Blitz durchzog. Es war als hätte ihn jemand in die Eier getreten, nur tausendmal schlimmer. Etwas in seinem Inneren verkrampfte sich so stark das er Mühe hatte sein Frühstück nicht gegen die Glasscheibe zu schleudern.
„Was?“
„Du hast mich schon verstanden, ich mache Marie zu einer richtigen Frau.“
„Ich glaube kaum, dass sie dazu deine Hilfe brauchte …“, zischte Frank bitter. „Was ist das?“, versuchte er abzulenken gequält und deutete auf den Umschlag, den Kevin immer noch in der Hand hielt. Dieser zuckte mit den Schultern
„Ich hab nicht rein gesehen, Marie meinte, sie würde mir den Kopf abreißen, wenn ich es tue …“, meinte er und grinste noch immer. „ … würde sie mir den Rücken zerfetzen. Du kennst sie ja … eine kleine Wildkatze unsere Marie …“
Frank versuchte die letzten Reste seiner Selbstbeherrschung zusammen zu kratzen und wartete darauf, dass Kevin in den Umschlag durch den kleinen Schlitz steckte. Aber das tat er nicht. Er saß da und starrte ihn mit seinen gehässigen Augen an.
„Jetzt gib schon her!“ A
ber anstatt zu reagieren, sah Kevin ihn auf eine beunruhigende Art an. Niemand konnte ihn zwingen den Umschlag herzugeben.
„Ich werde nicht zulassen, dass du meine Familie zerstörst wenn du raus kommst“, zischte Kevin nun etwas leiser. Einige Häftlinge sahen inzwischen zu ihnen, und auch den zwei Wärtern war aufgefallen, dass die Beiden nicht gerade freundlich mit einander umgingen.
„Das habe ich nicht vor“, entgegnete Frank so ruhig wie er konnte.

Wer hier wohl wem, was zerstört hat. Wer hat hier wem die Frau gestohlen? Wer ist wegen dem anderen im Knast? Wessen Leben ist im Arsch? Familie, dieser Wichser wagte es von einer Familie zu reden? Es ist ja nicht mal sein Kind, nicht mal seine Frau. Familie, ob er das Wort überhaupt schreiben kann?

„Ich meine es ernst“, fuhr Kevin fort. „Du wirst dich ihr nicht nähern.“
„Wenn du Sunshine nicht vertraust, ist das nicht mein Problem“, gab Frank zurück.
„Nenn sie nicht Sunshine, sie heißt Marie und wenn du es jemals wagst in ihre Nähe zu kommen, dann werde ich dich umbringen.“
Die Drohung stand in der Luft. Frank wusste, dass er Kevin ohne Probleme in der Luft zerreißen konnte, aber die Art wie er die Worte gesagt hatte, war ihm unheimlich. Er war ein Irrer, keine Frage.

Sunshine hat einen wirklich seltsamen Männergeschmack.

„Du denkst, nur weil du mehr Muskeln hast, brauchst du keine Angst vor mir zu haben. Aber ich schwöre es dir, wenn es drauf ankommt, bin ich der erste der schießt.“
„Und warum warst es dann nicht du, der geschossen hat?“, knurrte Frank zurück. Der Häftling neben ihn warf ihm einen ungnädigen Blick zu. Anscheinend war Kevin etwas zu laut geworden.
„Jetzt gib mir den Brief damit wir dieses Gespräch beenden können …“
Kevin knirschte mit den Zähnen. Seine Augen huschten von einem Häftling zum anderen. „Na, wie viele Schwänze musstest du hier drinnen schon lutschen?“
Frank lehnte sich zurück. „Nicht mal halb so viele, wie du da draußen.“
Kevins Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.
„Entschuldigen Sie mal!“, fauchte die schwarze Lady neben ihn und schob drohend die dicke Brille höher auf ihre Nase. „Es sind Kinder anwesend also zügeln Sie ihre ausdrucksweiße und geben sie diesen Mann den verdammten Umschlag!“
Kevin zuckte zusammen, als hätte er Angst die Dame würde ausholen und ihm eine verpassen. Etwas ungläubig sah er sie an. Sie schnaubte und stemmte eine Hand in die Hüfte als würde das ihrer Autrorität noch mehr Inhalt verleihen.

Ich hätte nicht gedacht das Kevin Angst vor einer Lady hat die Gänseblümchen Muster trägt …

Kevin schob ihm den Briefumschlag zu. Er presste die Zähne wütend gegen einander. „Du wirst dich ihr nicht nähern, ansonsten kommt dir der Knast wie ein Urlaub vor, das schwöre ich …“

Frank zweifelte keineswegs daran, dass Kevin es ernst meinte – auch wenn er bestimmt keine Vorstellung hatte, wie es im Knast tatsächlich war - aber es war ihm egal. Seine Haut hatte das Papier des Umschlags berührt und erst jetzt realisierte er wirklich, dass Sunshine ihm geschrieben hatte. Alles woran er jetzt noch denken konnte, waren die Worte in diesem unscheinbaren braunen Umschlag.
„Sag Sunshine, danke“ meinte er und stand auf.

„Ihr Name ist Marie! Denk daran Frank!“ schrie Kevin ihm hinter her. Inzwischen starrten ihn alle an. Frank konnte Hage sehen. Er war von seinem Platz aufgestanden und sah ihn an. Auch Elise sah er zum ersten Mal, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Sie sah genauso aus wie auf den Fotos, ihr Blick war neugierig und gleichzeitig irgendwie besorgt. Ihre ganze Haltung strahlte etwas unerwartet mütterliches aus.
„Du wirst mir meine Familie nicht wegnehmen. Hast du verstanden, du verdammter Bastard?“
Doch Frank ging einfach weiter während Kevin ihn weiterhin lautstark beschimpfte.



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