Sonntag, 8. März 2015

Springen - Kurzgeschichte

Die Nacht ist hell erleuchtet von den vielen Fenstern, hinter denen sich viele Leben abspielen. Vom Dach des Hochhauses wirken die Plattenbauten wie große Gefängnisse, die nur dazu dienen, die vielen Sorgen der Menschen auf einen Punkt zu konzentrieren. Sie legt den Kopf schief und lässt die Beine baumeln, während sie am Rand des Daches sitzt.
So viele Menschen, und keiner von ihnen scheint glücklich zu sein. Alle denken nur daran, den nächsten Tag, die nächste Woche und den nächsten Monat zu überleben. Oder vielleicht trügt der Schein auch und hinter der schmuddeligen Fassade verbergen sich jene, die glücklich darüber sind, dass sie sich nichts anderes leisten können. Glücklich sein ist ohnehin etwas, das sie sich nicht vorstellen kann.
Wann kann man denn glücklich sein?
Wenn man alles besitzt was man braucht? Was man will? Was man sich erhofft hat?
Sie hat das Hoffen satt, das Träumen und den ewigen Kampf, mehr zu erreichen als das hier.  Die ständige Mühe, aus der Mindestlohnfalle heraus zu kommen, lässt sie sich fühlen wie ein Hamster im Rad, der rennt und rennt und doch nicht aus dem Käfig heraus kommt. Am Ende landet sie doch immer wieder hier, auf dem Dach des Hauses, in das sie nur für den Übergang eingezogen ist und es nach all den Jahren noch immer nicht heraus geschafft hat.  Ein Job kam nach dem nächsten, einer schlecht bezahlt, der nächste der reinste Horror. Gebracht hat es nichts.
Alles ist wie immer, schlimm und vielleicht sogar schlimmer. Sie ist müde, doch schlafen kann sie nicht. Der Monat endet und ein neuer beginnt, ohne dass die Miete gezahlt werden kann, trotz Job, trotz Bemühungen, trotz allem. Das Konto ist rot, die Augen auch. Das ständige Weinen macht sie alt. Dabei liegt doch alles noch vor ihr, sagen viele. Sie ist doch noch so jung.


Aber sie fühlt sich nur noch verloren in diesem Sumpf aus Leben die anders werden sollten. Jeder Kampf hat eine Narbe hinterlassen, kaum eine Schlacht wurde gewonnen und zu viele Träume musste sie verwerfen. Das Mädchen, das sie mal war ist sie schon lange nicht mehr, nur die Hülle blieb übrig und wartet auf die nächste Schlacht, die hoffentlich die letzte sein wird. Das Warten darauf, dass es noch schlimmer wird als es ist, macht sie wahnsinnig.
Sie blickt nach unten  auf die Straßenlaternen, deren Licht so unwirklich scheint. Frei sein – frei von den Gedanken, den überzogenen Konten, den Jobs, den Menschen und all den Sorgen. Einfach fallen, ein letztes Mal aufschlagen und in Frieden ruhen.
Sie steht auf und blickt in die Fenster.
Ein Mann sitzt auf dem Sofa, das Dosenbier in der Hand. Er schreit herum. Seine Frau steht in der Küche und weint, während sie ihm ein neues Bier aus dem Kühlschrank holt. So Stereotypisch, so traurig und so schaurig normal. Unter ihnen ist eine Wohnung erleuchtet in blau – der Geruch des Kiffs steigt in kleinen Wölkchen aus dem Fenster. Weiter links sitzt ein Paar beim Essen, doch sie sehen sich nicht einmal mehr an.

Sie spreizt die Arme und schließt die Augen. Dunkelheit wünscht sie sich. Einfach Dunkelheit, um all das nicht mehr sehen zu müssen. 

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