Sonntag, 5. April 2015

Blogbattle: Blut













Das klingt doch mal nach einem Thema ganz nach meinem Geschmack – vor lauter Stress habe ich erst überlegt zu tricksen und eine meiner alten Kurzgeschichten zu nehmen, aber das kam mir dann doch zu unfair vor. 


Allerdings wollte ich auch nicht eine typische Metzelgeschichte bringen, die kennt Ihr schließlich schon von mir …


Also was dann?








Sturmzeit

Die Wolken ziehen so schnell am Mond vorbei, dass ich meinen Blick abwenden muss, damit mir nicht schlecht wird. Der Wind lässt meine schweißnassen Haarsträhnen immer wieder hin und her schlagen und macht jeden Schritt beschwerlich.
Meine Arme können das Gewicht des Bündels kaum noch tragen, überhaupt fühle ich mich so schwach wie noch nie in meinem Leben. Schade, dass die Talkshow Ära vorbei ist, denn jemand wie ich hätte gut in das Schema einer abgefuckten Jugend und eines verschissenen Lebens danach gepasst. Ich bin der Inbegriff einer Versagerin.
Egal, was ich in meinem Leben bisher angefasst habe, es ist eingegangen wie eine Blume, die nie gegossen wird.  Ich könnte jetzt die große, böse Welt dafür verantwortlich machen, doch im Grunde ist mir klar, dass ich das eigentliche Problem bin. Zu verkorkst, zu schwach und zu feige um sich zu ändern.
Der Regen setzt wieder ein und trommelt auf mich nieder, als wollte er meine Gedankengänge bekräftigen. Ich fange wieder an zu zittern, bin mir jedoch nicht sicher, ob es an der Kälte oder meinem Gemütszustand liegt. Wieder blicke ich zum Mond hinauf und frage mich, ob es absurd ist, dass ich diesen Augenblick auf verdrehte Art und Weise sogar schön finde.



Mir kommt jemand entgegen und ich biege fluchtartig in eine Seitenstraße ein. Niemand soll mich in dem Moment meiner größten Schande sehen, ich würde es schlicht nicht ertragen. Das verlassene Gebäude vor mir scheint die perfekte Lösung zu sein. Ohne lange darüber nachzudenken, drücke ich die morsche, von zerfletterten Plakaten behaftete Tür auf und schiebe mich in das Innere.
Es ist dunkel, kalt und der Staub liegt dick in der Luft. Der Wind pfeift lautstark, aber immerhin ist es trocken. Erschöpft drücke ich das Bündel dichter an mich und rutsche auf dem Boden zusammen. In meinem Kopf kreisen die Gedanken wie ein Kinderkarusell – doch mir fällt einfach keine andere Lösung ein. Ich schließe die Augen und schüttle den Kopf, als müsste ich mich selbst daran erinnern, dass es so am besten ist.
Ich lege das Bündel auf dem Boden und wickle es aus meinem alten Sweatshirt aus. Die kleinen blauen Augen sind halb geschlossen und der Atem geht erstaunlich ruhig. In dem Gesicht des kleinen Mädchens klebt noch immer etwas Blut und ich versuche es mit etwas Spucke wegzuwischen, doch meine Hände sehen auch nicht besser aus. Ihr kleiner Körper ist ganz kalt.
Ich seufze tief und greife nach dem Rucksack auf meinem Rücken. Die Decken darin blieben von der erbarmungslosen Nässe verschont. Behutsam wickle ich die Kleine aus und versuche sie so gut es geht mit der Decke vor der Kälte zu schützen. Es wird sicher nicht lange dauern, bis jemand sie entdeckt.  Eine Stimme in meinem Kopf schreit mich wütend an, dass es auch schief gehen kann, doch mir fehlt die Kraft, ihr Beachtung zu schenken.
Ich lege das kleine Mädchen vorsichtig hinter die Tür und bleibe einen Moment lang über ihr hockend, bevor ich mich herunter beuge und ihr einen sachten Kuss auf die Stirn gebe. „Glaub mir, es ist besser so“, flüstere ich heiser und erhebe mich. Sie sieht verloren aus, zwischen all dem Staub und Dreck.

Mein Herz verkrampft sich schmerzhaft und ich wische mir eine Träne aus dem Auge, ehe ich die morsche Tür wieder aufstoße und mein eigen Fleisch und Blut in dem verlassenen Haus zurücklasse. Sobald sich die Tür wieder geschlossen hat, beginnt sie zu schreien, doch der Wind sorgt dafür, dass ich es kaum höre. 

Ende


Hier kommt ihr zu den Beiträgen meiner Mitstreiter:

Schakals Gedankenwelten

Ichigo Komori
Das Wetterschaf
PAL
Chelsea
und der Lord selbst natürlich

So und damit mich nun alle hassen können, dass neue Thema:

Vergissmeinnicht 


Kommentare:

  1. Puh, schwere Kost. Ich geb dir ne 2 dafür. :)

    AntwortenLöschen
  2. Mein erster Kommentar wurde wohl verschluckt?

    Also noch ein Versuch: Mich erinnert diese Kurzgeschichte an ein Buch, dass wir in der Schule lesen mussten ...
    Daher gibts von mir nur eine 3

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das passiert in der letzten Zeit wohl öfter - anscheinend mag Blogger im Moment nicht so recht.

      Löschen
  3. Wie bisher immer: Unerwartet und gut geschrieben. Erstaunlich wenig Blut für die Themenvorgabe, aber irgendwie trotzdem gut. Zwei plus.

    AntwortenLöschen
  4. Mh... In dem Moment als ich das Wort "Bündel" sah ahnte ich worum es geht, war mir aber über das Schicksal des Bündels nicht ganz sicher. Ich finde es nur etwas verwunderlich dass jemand der anscheinen etwas für das Kind empfindet es an einem scheinbar sehr abgelegenen Ort ablegt aber davon ausgeht dass es bald gefunden wird.
    Die Geschichte hat mir gefallen, von der Umsetzung her fan ich die vorherigen aber besser. Deshalb von mir eine 2 und sonnige Ostergrüße :-)

    AntwortenLöschen
  5. Hui, ich bin ehrlich überrascht. Sowas kennt man ja gar nicht von dir.
    Ich mags, trotz dessen die Story recht kurz ist, 2+

    AntwortenLöschen
  6. Blogger böse. Den Text schreibe ich nicht noch mal *seufz* Ich wurde nicht warm, von daher nur eine 2 - mir fehlte der Kick.

    AntwortenLöschen
  7. Ich frage mich gerade, wieviel von dir in dieser Geschichte "drin ist"? Finde die Geschichte sehr berührend und aussagekräftig, eine glatte 1!
    LG Elke

    AntwortenLöschen