Sonntag, 12. April 2015

Blogbattle: Vergissmeinicht


Dieses Thema habe ich nicht ohne Grund gewählt, denn für mich bedeuten die kleinen blauen Blumen, etwas ganz besonderes. Da mir der Sinn auch gerade nicht nach Blut und Tod steht - zumindest nicht direkt - gibt es dieses Mal eine Kurzgeschichte aus meinem Leben.


Justine privat - Der nackte Grabstein


Der Frühling ist da – die Blumen sprießen aus der Erde und die Luft hat sich verändert. Man kann es riechen, dass Leben das wieder vom Neuen erwacht. Ich sitze im Schneidersitz auf dem leicht feuchten Boden, während die Sonne in mein Gesicht scheint.
Ich seufze tief und blicke auf das Grab vor mir. Der Grabstein auf dem der Name meiner Großmutter stehen sollte, ist auch nach den vergangenen Jahren noch leer. Das schmerzt mich, denn ich bin sicher, dass kaum jemand weiß, dass sie hier begraben liegt. Woher auch? Ein namenloses Grab erregt wenig Aufmerksamkeit. Aber ich weiß, dass sie hier ist.
Dem Grab an und für sich, wurde in der letzten Zeit allgemein wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Auch ich bin nicht allzu oft hier. Die Blumen die ich im letzten Jahr gepflanzt habe, wurden herausgerissen. Offenbar möchte irgendjemand nicht, dass ich meiner Oma Blumen mitbringe. Den Grund dafür kann ich nicht sehen, und selbst wenn würde ich ihn wohl kaum verstehen.
Dennoch sitze ich hier und blicke den nackten Stein an, als hätte er Antworten auf all meine Fragen. Die Vögel zwitschern in den Bäumen und ein sachter Wind lässt meinen Pony wehen. Es ist so wundervoll friedlich hier, dass mir fast die Tränen kommen. Nicht viele Menschen haben mich beeinflusst, doch meine Großmutter gehörte definitiv dazu. Sie ist die einzige Person aus meiner Familie, die wirklich eine gute Seele zu haben schien. Immer wenn ich nicht weiter weiß, frage ich mich was sie in meiner Situation wohl tun würde – auch wenn ich weiß, dass ich bei weitem nicht so gut bin, wie sie es war.


Eher im Gegenteil. Was ich auch tue, es scheint ein Fehler zu sein. Bei jedem Schritt den ich wage, scheine ich etwas kaputt zu machen, ob ich nun möchte oder nicht. Sie war da anders. Bei ihr schien alles immer gut zu werden, egal wie schlimm es aussah.
Ich habe mir schon mehr als einmal gewünscht sie wäre noch da, doch so einfach ist die Welt nicht. Sie ist fort und alles was ich noch von ihr habe, ist ein nackter Grabstein und meine Erinnerungen. Nun ist es soweit und ich muss mir die Tränen aus dem Augenwinkel streichen – nach all den Jahren schmerzt der Verlust mich immer noch.
Ich sehe sie manchmal immer noch in ihrem Sessel sitzen, mit den silbernen Locken, die genau über ihre Ohren reichen mussten. Sie hasste ihre Ohren. „Sie sind viel zu groß“, hat sie oft gesagt. Unwillkürlich muss ich lächeln, denn ich habe die Ohren von ihr geerbt und auch meine Haare müssen immer darüber hängen, damit es niemanden auffällt. Mir wird oft gesagt, dass ich viel von ihr geerbt habe – doch ich selbst kann nichts davon sehen.
Sie war ein Engel im Menschengestalt – ich bin nichts anderes als ein fehlgeleitetes Mädchen mit unbekannter Zukunft. Ich versuche zwar oft mein bestes, doch das kommt am Ende nie dabei heraus. Sie war immer jemand der für Frieden in der Familie sorgte, doch seit sie nicht mehr ist, versinkt alles im Chaos.
Ich genauso.
Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne und es wird augenblicklich kühler. Es wird Zeit zu gehen. Langsam erhebe ich mich und klopfe den Dreck von meiner Hose. Ich gehe auf den nackten Grabstein zu und lege die kleine blaue Blüte auf die Oberfläche.

„Ich vergesse dich nicht“, verspreche ich und kämpfe wieder mit den Tränen, ehe ich mich auf dem Weg nach Hause mache, in Gedanken noch immer bei ihr. 

Hier kommt ihr zu den Beiträgen meiner Mitstreiter:

Schakals Gedankenwelten

Ichigo Komori
Das Wetterschaf
PAL
Chelsea
und der Lord selbst natürlich

Kommentare:

  1. Die großmütter sind das, was wir als Stütze im Leben sehen könne, den meisten wird es so gehen. Sehr rührend. 1-

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  2. Ach man, noch so ein trauriger Post..
    1

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  3. Eine sehr schöne Geschichte. Du bist weit mehr als das, was Du selbst von Dir siehst und wer weiß, vielleicht wird Deine Enkeltochter Dich irgendwann genau so sehen, wie Du Deine Oma.
    Achja: 1-

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  4. Ein sehr persönlicher Beitrag der mir sehr gefällt und ach ich finde dass du dich zu wenig wertschätzt. Du schreibst selber dass du oft dein Bestes gibst und nur das ist es was zählt, unabhängig vom Ausgang. Dazu fallen mir irgendwie grad wieder die (abgedroschenen) Zitat "Der Weg ist das Ziel" und "Gibt das Leben dir Zitronen, mach Limonade draus" ein. Nicht selten laufen die Dinge anders als wir sie uns gedacht haben. Wichtig ist dass du dich davon nicht unterkriegen lässt, aufstehst und eine neue Richtung einschlägst. Ich weiß aus eigener Erfahrung dass das leichter gesagt als getan ist, aber du bist eine starke Persönlichkeit und wird schon allen zeigen wo es lang geht.
    Von mir gibt's eine 1+ und sonnige Grüße :-)

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  5. Traurig, aber ein sehr schöner - wenn nicht sogar der beste - Beitrag für diese Woche. Note 1

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  6. Sehr schöne Worte hast du gefunden.

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  7. Hmmm... so richtig kann ich mich heute nicht entscheiden, darum gibt es eine unübliche 1,3 von mir.

    Gruß Schafi

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