Montag, 24. August 2015

Justine privat – Nazis in der Bahn


Ich bin verunsichert was ich tun soll. 
Mein Arbeitstag war extrem lang, ich bin im wahrsten Sinne des Wortes völlig fertig und das letzte an dem ich Interesse habe, ist eine Prügelei mit einem Nazi der mich um 3 Köpfe überragt.  Ich beiße mir auf die Zunge und versuche mir selbst zu sagen, dass es schlicht dumm wäre, jetzt einzuschreiten. Leider bin ich mit dieser Angst nicht alleine. 
„Es ist dich die Wahrheit!“, pöbelt dieses Ding das sich für ein menschliches Wesen hält weiter herum. „Die kommen in mein Land und leben von meinen Steuern. Überall sehe ich ihre Kacke auf der Straße und sobald man seine Meinung sagt ist man ein Nazi. Dann bin ich eben ein Nazi! Ich stehe dazu wir sind in DEUTSCHLAND!“
Das Bier in seiner Hand kippt aus und verteilt sich auf den Boden der Bahn. Neben seiner Sitzreihe sitzt eine alte Dame und atmet scharf ein. Ich bin mir sicher sie steht ebenso auf ihrer Zunge wie ich. Keine von uns beiden würde sich rein körperlich gegen diesen Typen wehren können – und keine von uns zweifelt daran, dass er handgreiflich werden würde.
„Dieses scheiß linke Pack verbreitet seine Lügen in MEINER Stadt. Diese VIECHER sollen aus meinem Land verschwinden, früher haben wir NEGGER angezündet …“
Niemand sagt etwas.


Diese Stille ist so bedrückend das mir schlecht wird. Ich bin hin und her gerissen, was ich tun soll. 
„Du kannst auch leiser reden“, sagt der Begleiter des Nazis so kleinlaut, dass es peinlich ist. „Muss ja nicht die ganze Bahn wissen …“
„DOCH – ich stehe dazu! Diese Viecher, diese Negger und Zigeuner sollen brennen!“
Neben dem Fahrkartenautomaten steht ein Mitbürger der höchstwahrscheinlich türkische Wurzeln hat. Er starrt angestrengt auf sein Smartphone, als würde er es nicht wagen sich zu bewegen. Doch leider klappt diese Taktik nicht. 
„Hey du asozialeres Schnorrer!“ wird er angepöbelt. „Scheiß Braunauge!“
„Jetzt ist aber mal gut“, sagt die alte Dame und erntet einen wütenden Blick vom Nazi. Ich habe größten Respekt vor dieser Dame. Neben uns sind viele andere in der Bahn, aber alle tun als würden sie nicht sehen was hier gerade passiert. 
Ich ziehe den Jungen dichter zu mir und lächle ihn aufmunternd zu.
„Lass dich von so einem Idioten nicht verunsichern“, flüstere ich ihm zu. Er nickt und lächelt, doch ich kann die Angst in seinen Augen sehen. Und er wahrscheinlich auch in meinen. 
„Die kommen her und nehmen sich was uns gehört!“
In meinem Kopf streitet sich die Vernunft mit meiner Geduld. Ich würde ihn so wahnsinnig gerne anschreien – so viel Dummheit ist mir auch in der Bahn bisher selten untergekommen. 
„Brennen sollst! Hier beide! Lass dich doch von dem Negger ficken du Schlampe …“
"Halt deine Klappe", zische ich.
Ich darf nicht ausrasten. Genau das will dieser Typ. 
Dann kann er sagen, die scheiß Zecke hat das Maul aufgemacht. 
„Lass dich nicht provozieren“, flüstere ich dem Jungen zu und irgendwie auch mir selbst. Wieder nickt er. Die Bahn hält. 
Das Nazipack steigt aus, schreit weiter Parolen und in der Bahn atmen alle einmal tief durch. 
„Danke“, sagt der Junge und lächelt dieses Mal wirklich. 
„Ich habe nichts getan.“
„Mehr als andere.“
Die alte Dame steht auf und tätschelt ihm die Schulter. 
„Idioten sind leider weitverbreitet“, sagt sie und zwinkert, bevor sie aussteigt.

Kommentare:

  1. Ja, traurig. Kommt immer wieder vor, denn Mutter Dummheit ist ständig schwanger...

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  2. Hmm, schwer zu sagen ob das jetzt strafbar war, was er da gesagt hat. Falls es in Euren Bahnen Kameras gibt, könntest Du noch das ÖPNV-Unternehmen informieren, dann gibt es ja eindeutige Beweise und der Staat kann von Amts wegen ermitteln.
    Du hast vermutlich genau richtig reagiert.

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  3. Ach ja. Bin ich so froh, dass ich gerade nicht in Deutschland bin. Ich hätte mich wohl nicht beherrschen können, muss ich leider zugeben. Aber ich hätte wohl auch mal die Bahn-Security angefordert. Der Junge tut mir echt leid, aber ich finde es prima, dass er dank dir weiß, dass die meisten Menschen keine (Schimpfwort) sind. Da wird mir ebenfalls schlecht und ich möchte gerne allen erzählen, dass es auch wirklich viele, nämlich viel mehr, nette und gute Menschen gibt.

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  4. Hallo Ju,

    letzens im Zug:
    Telefoniert eine Frau mit ihrem Smartphone, so daß das ganze und wirklich gut gefüllte Abteil mithören kann. Erzählt, daß sie jemanden abgestochen hat und daß er nun tot sei, das sie nun fliehen müsse etc. etc. Erst denkt man sich: Das kann doch nicht wahr sein, wenn es wahr ist, müßte die Frau sehr dumm sein. Ich diskutier die ganze Sache mit meiner Freundin aus. Dann fühlt man sich unwohl, fragt sich: Und wenn doch? Schließlich wollte ich aufstehen, um in einem anderen Abteil mit der Polizei zu telefonieren. Es reicht einfach. Der Beschluß steht und ich will meiner Freundin sagen, daß sie mich mal eben raus lassen soll, da meint sie zu mir: Ich geh mal eben raus. Ich kenne meine Freundin, weiß was nun passieren wird. Ich muß nicht mehr aufstehen, kann sitzen bleiben. Die Frau wird schließlich festgenommen, ob dieses Telefonat nun stimmt muß die Polizei klären, ist nicht mehr unsere Sache. Hier hat es keinen Mut benötigt, nur ein wenig überwindung, aber wenn wir nicht im Abteil gesessen hätten, wäre nichts passiert. (Das ist nun die Kurzfassung der Geschichte, die Langfassung geht um einiges weiter und länger, aber die Quintessenz ist erzählt.)

    Ich weiß, daß ich zu den Leuten gehöre, die in solchen Situationen viel früher reagieren, als andere Leute. Aber ganz ehrlich? In dieser Situation hätte ich auch geschwiegen. So lange ich kann. Nicht sehr heldenhaft von mir oder?

    Aber: Du hast das Richtige getan, du kannst stolz auf dich sein, auch wenn du dich derzeit nicht so fühlst. Du hast in diesem Moment mehr getan, als 90% der Bevölkerung. Und was hätte es gebracht, hättest du anders gehandelt, wenn du dem Nazi wirklich die Stirn geboten hättest? Vielleicht eine gebrochene Nase auf deiner Seite. Aber immerhin hast du was gemacht, du hast einem anvisiertem Opfer Mut gegeben, hast ihm gezeigt, daß er nicht allein dasteht. Du hast dafür gesorgt, das die Situation nicht eskaliert ist und auch das war gut. Du hast das Beste gemacht, was man in dieser Situation machen kann. Und auch wenn ich mich nun ein weing wiederhole: Sei ein wenig stolz auf dich, denn zumindest ich bin stolz auf dich.

    Liebe Grüße von deinem ollen Autorenkollegen. ;)

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  5. Ich weiß so gut, was Du meinst.... Wenn man nicht so ne verfluchte Angst haben müsste, dass man selbst zum Opfer dieser braunen Brut wird und einem dann kein Schwein hilft. Es ist jedes Mal aufs Neue eine Zerreißprobe solche Parolen unkommentiert oder unwidersprochen stehen zu lassen....

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    1. Leider habe ich es auch schon oft erlebt, dass man sich dazu äußert und dann tatsächlich vor all den Zeugen ein Opfer wird. Es ist einfach schwer die Situation immer richtig einzuschätzen und so zu reagieren.
      Aber nach meiner Meinung habe ich schlicht nicht genug reagiert.
      Das macht mich zusätzlich noch auf mich selbst wütend ...

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  6. Bitte erstatte Anzeige gegen unbekannt wegen Volksverhetzung. Dann kümmert sich die Polizei darum, dass die ggf. vorhandenen Videos ausgewertet werden.
    Warte nicht zu lange, das Material wird ja irgendwann gelöscht

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    1. Hallo Nadi :)
      Das habe ich gemacht (der Artikel ist ja vom August diesen Jahres) - leider hat sich bis heute nichts getan!

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  7. Du hast dafür gesorgt, das die situation nicht eskaliert, hast durch Besonnenheit dem jungen ein vorbild geliefert und dabei auf eigensicherung geachtet, sowie im Rückblick strafanzeige wegen volksverhetzung gestellt.
    In meinen Augen hast du vollständig optimal und situationsangepasst agiert, vorbildlich.
    Ich muss dazu sagen, ich habe den umgang mit ferartigen Personen gelernt und in der von dir genannten situation hätte ich auch nur eingegriffen qenn ich eine zweite Person dabei gehabt hätte auf die ich mich verlassen kann.
    Alles andere wäre schlicht zu gefährlich und nutzloses Risiko.
    Bei der Bundeswehr im Wachdirnst sagte unser Leutnant immer: "Niemals ohne absicherung alleine handeln, entweder du kontrollierst die Situation völlig, oder du solltest es garnicht erst versuchen"

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  8. ... schnell kann man vom helfen wollen, in eine Opfer Rolle gedrängt werden.
    Ist schon schwer da etwas zu sagen, geschweige einzuschreiten. Ich hätte wirklich einfach zu viel Angst ... Ohje ...

    ... hatten wir das nicht schon mal ?

    ANGST in der eigenen Gesellschaft, die einem die Seele zerfrisst !!!

    Ist schon schlimm, das es sich wieder zusammen braut.

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