Samstag, 17. Oktober 2015

Justine privat - „Willst du meine Muse werden?“

Es ist Samstagabend. 
Ich bin bereits seit 2 Stunden im Dienst und ziehe meinen roten Lippenstift nach, während ich darauf warte, dass das Essen fertig ist. Der Laden ist voll und ich liebe die Hektik um mich herum und das bunte Getummel. Obwohl der Herbst bereits da ist und die Temperaturen kühler sind, hat es sich ein Gast an den außen Tischen gemütlich gemacht. Die Sonne scheint noch immer ungewöhnlich warm, obwohl sie kurz davor ist unterzugehen.

Die Altstadt scheint komplett vergoldet worden zu sein. Das Licht spiegelt sich auf den Dächern und die Wärme lässt meine Haut prickeln.

Ich lächle ihm entgegen und reiche ihm den vollen, dampfenden Teller.

Er ist zum zweiten Mal innerhalb von 2 Tagen hier. Entweder bekommt man wirklich nirgendwo anders so tolles veganes Essen wie in der Grünen Kombüse, oder sein Hotel liegt um die Ecke. Dass er nicht aus Rostock ist, sehe ich ihm sofort an. Ich tippe auf Berlin. Männer wie er kommen IMMER aus Berlin. 
„Guten Hunger“, sage ich zwinkernd.

„Danke, dass sieht wieder zauberhaft aus. Fast so schön wie die Kellnerin.“
Ich muss lachen, denn solche Sprüche bin ich tatsächlich nicht gewöhnt.

„Dann lass es dir mal schmecken, denn die Kellnerin steht nicht auf der Speisekarte …“

Er verzieht die schmalen Lippen zu einem unverschämt sinnlichen Grinsen: „LEIDER.“
„Möchtest du noch etwas trinken?“, frage ich um das Thema schnell zu wechseln. Ich bin ehrlich, es freut mich von schönen Männern angebaggert zu werden. Dennoch benehme ich mich dann eher wie 15, als wie 25 und das ist mir dann wiederum unangenehm. 
„Ich nehme noch einen grünen Tee. Bist du aus Rostock?“
„Geboren und aufgewachsen.“
„Du scheinst gar nicht hier her zu passen …“
„Ach ja?“


Er sieht mich einen Moment nachdenklich an und ich ignoriere es dass er an der Laufmasche meiner Strumpfhose etwas zu lange hängen bleibt. Dann schüttelt er den Kopf, wobei seine etwas zu langen schwarzen Haare sachte hin und her schwenken. 
„Nein, die Mädels die ich bisher hier getroffen habe waren auch bunt und schrill, aber du bist anders.“
„Bunter und schriller?“, scherze ich mehr schlecht als recht und verziehe mich ins Innere des Ladens um seinen Tee aufzubrühen. Mit der dampfenden Tasse komme ich wieder in die Sonnen durch flutete Seitengasse. Er grinst auf eine Art die mich erröten lässt, was mein Make-up hoffentlich gut verdeckt. 
„Willst du meine Muse werden?“
„Bitte was?!“
Ich stelle den Tee vor ihm ab und ziehe eine Augenbraue nach oben. Wenn es etwas gibt das ich gar nicht mag, dann sind es unverschämt gut aussehenden Männer die mit mir flirten. 
„Ich denke du hast mich schon verstanden, sonst würdest du nicht so skeptisch schauen …“
Einen Augenblick stehe ich verwirrt da und weiß nicht so recht ob ich mich darüber freuen soll, dass er mir wahrscheinlich gutes Trinkgeld gibt oder empört aufschreien sollte … 
„Eine Muse? Ist der Spruch nicht etwas ausgelutscht?“
„Du passt nicht hier her, in Berlin würdest du viel besser rein passen.“
Das klingt nicht wie eine Anmache, sondern wie eine Nüchterne Erklärung. Und ich habe mal wieder 100 Punkte für meine Berlin Theorie verdient. 
„Ich tauge nicht als Muse, aber danke …“
Ich will gerade verwirrt und rot angelaufen wieder in das Restaurant flüchten, als er meine Hand packt und mir so tief in die Augen schaut, dass eine Gänsehaut mich überzieht wie Wachs. Mein Herz fängt an wie wild zu schlagen und ich bin nicht sicher ob ich ihm meine Faust ins Gesicht drücken soll, oder in Ohnmacht fallen. 
„Du wärst eine wundervolle Muse …“
„Danke, ich denke da finden sich andere.“
„Andere sind leider meist furchtbar langweilig und töten meine Kreativität ab.“
„Dann bist du vielleicht nicht kreativ genug?“ 
Er schmunzelt und lässt mich los, so dass ich die Flucht ergreifen kann. Immerhin muss ich arbeiten und andere Gäste bedienen. Ich lasse mir absichtlich Zeit, bis ich das nächste Mal nach draußen schaue, doch alles was ich dann finde ist ein leerer Teller, ein 50 Euro Schein und ein Zettel mit seiner Nummer. 
Unwillkürlich muss ich grinsen. Stecke den Schein in das Portemonnaie, räume den Teller ab und werfe den Zettel in den Müll. 

Kommentare:

  1. Jetzt natürlich die Frage fiktiv oder real? Egal, in beiden Fällen würde ich gerne wissen wollen wie es weiter geht. Ich liebe einfach deinen Schreibstil, er ist so wunderbar echt, menschlich und gefühlvoll. Klingt wie der Anfang eines wunderbaren Romans. Bitte schreib weiter :)

    Liebe Grüße
    Leah

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  2. Eine schöne Geschichte. Hättest ihm gleich ein 237 verkaufen sollen :D

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  3. Tolle Geschichte :) Du schreibst wirklich gut, Ju!

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  4. Hätte ja nur noch der "Klassiker" gefehlt und Du ihm aus reiner Nervosität irgendwas über die Hosen geschüttet hättest *g*

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  5. Na da warst du doch noch ziemlich schlagfertig! Ich hab auch so meine Momente, aber meistens fällt es mir erst hinterher ein... Schöner Text ^_^

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  6. haha. Die Geschichte ist wirklich gut!
    Und sehr gut geschrieben. Du hast einen tollen Stil. Macht Spaß das zu lesen!
    Hab einen wunderschönen Tag :)
    Liebe Grüße Maike von Vergissmeinnicht

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  7. Schöne Story! Egal, ob Fiktion oder nicht. Bisschen schade, dass du keine Muse sein willst, könnte ich mir auch gut vorstellen :D
    Liebe Grüße! :)

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  8. Sehr cool geschrieben, da will man mehr lesen. Ist die Geschichte wahr?
    LG Lamia
    http://lamiasfashiondiary.blogspot.de/

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  9. Ja die Geschichte ist wahr - unter den "Justine privat" Post gebe ich immer kleine Anekdoten aus meinem Leben wieder.
    Schön das sie Euch so sehr gefällt!

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  10. Dein Schreibstil gefällt mir total gut! Ich hoffe auf weitere so tolle Geschichten in nächster Zeit :)

    Liebe Grüße, Anna
    von https://whenanna.wordpress.com/

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  11. Eine schöne Geschichte ;-) Ich wäre so neugierig, was für eine Muse er gesucht hat. Ein Modedesigner oder Musiker, oder einfach ein toller Mann mit einem kleinen Geheimnis. Schade, dass wir es nicht mehr heraus finden werden, da der Zettel nun wohl schon lange weg ist...
    Liebst
    http://www.instylequeen.de/

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