Mittwoch, 27. Januar 2016

Justine privat - „Wo siehst du dich in 10 Jahren?“


Ich verstehe wirklich nicht, warum mir Menschen immer wieder diese Frage stellen. Mit verbissenem Gesicht blicke ich sie an und versuche mir im Kopf eine Antwort zusammen zu reimen, die nicht nach totaler Planlosigkeit klingt. Immer wenn das Thema in Gesprächen auf die Zukunft zu geht, weiche ich gekonnt aus - oder mache eine Bruchlandung, so wie jetzt. 

„Ich … äh …“

„Na du wirst doch zumindest eine Richtung wissen!“, meint sie mit einem dezent selbstgefälligen Unterton in der Stimme. 

Noch vor ein paar Jahren hätte ich sofort eine Antwort gehabt. Psychologie studieren, ab nach Berlin und später ins Ausland. Vielleicht in die Schweiz, vielleicht in die USA. Ja - früher hätte ich eine Antwort gehabt. Doch in der Zwischenzeit geschah die Realität und holte mich auf den sumpfigen Boden der Tatsachen zurück. Inzwischen denke ich eigentlich eher in Monaten, als in Jahren. Das klappt auch wesentlich besser - zumindest für mich - scheint aber nicht so gut bei den Menschen im meinem Umfeld anzukommen. 

„Was willst du denn nach dem Abitur machen? Du bist ja nun auch nicht mehr die Jüngste …“

„Ewig 19 …“, meine ich scherzend, doch das klappt auch nicht und hilft mir nicht aus diesem Kreuzverhör raus. 

„Jetzt sag schon, wie sieht dein Plan aus?“

Okay, es ist wohl soweit. Ich muss es aussprechen: „Ich habe keinen. Also keinen festen …“

Zähneknirschend muss ich betrachten wie sich eine ihrer Augenbrauen abfällig nach oben verzieht. Ich kann förmlich hören wie sich der lautlose Vorwurf in ihren Augen spiegelt. 
„Du weißt noch nicht was du studieren willst? Wozu machst du das Abitur denn überhaupt nach?“ 
„Ich weiß es schon, nur ist es recht unrealistisch. Psychologie hat einen mörderischen NC und Soziale Arbeit ist auch total überfüllt. Ich werde einfach sehen für was ich angenommen werde und wo …“, meine Erklärung scheint sie nicht zufrieden zu stellen. Eher im Gegenteil. Sie gibt ein genervtes Stöhnen von sich und wischt sich eine Strähne aus dem Gesicht. 

„Du kannst doch nicht einfach abwarten was passiert!“
„Habe ich eine andere Wahl?“
„Ja, mach doch mal aus deinem Leben.“
„Und was mache ich gerade?“
Sie schüttelt den Kopf als würde ich den Abgrund nicht sehen auf den ich zusteuere. „Gut, nächstes Thema. Was ist mit deiner Beziehung?“

Ich runzle etwas die Stirn und zucke mit den Achseln. „Es ist alles gut“, sage ich weil ich nicht sicher bin welche Antwort hier die „richtige“ wäre. Sie wirft die Hände in die Luft. 
„Jetzt, lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen! Ihr müsst doch wissen wohin euch das ganze führt!“, meint sie ernst und sieht irgendwie mitleidig aus. 
„Wir sind glücklich und haben vor es auch zu bleiben“, sage ich diplomatisch. Doch das scheint weniger das gewesen zu sein, als dass was sie hören wollte. 

„Fassen wir zusammen: Du hast keine Ahnung was du nach dem Abitur, das du Mühe voll nachholst, machen willst und eine Beziehung von der du nicht weißt wohin sie führt?“ 

„Ähm, ja?“
„Das kann doch so nicht weiter gehen …“
„Weißt du denn wo du in 10 Jahren bist?“, gebe ich zurück und verliere langsam aber sicher meine Geduld. 
„Ja, natürlich weiß ich das! Bis dahin habe ich mein Studium fertig, arbeite und wir sind verheiratet. Vielleicht ist sogar schon ein Kind unterwegs - wer weiß.“ 

Jetzt bin ich es die den Kopf schüttelt. „Ja, eben: wer weiß?“, knurre ich. „Vielleicht ist dein Geliebter bis dahin auch mit einer anderen durchgebrannt, du hast das Studium geschmissen und hast einen Job im Call Center …“ 
Ich sehe wie eine Ader auf ihrer Stirn hervor tritt und habe einen Moment lang Angst, dass sie mit gleich die Nase bricht. Aus ihren Augen sprüht wütende Glut und ihre Lippen verziehen sich so sehr, dass sie kleine Falten bekommt. 
Beschwichtigend hebe ich die Hände und bereue es etwas, dass ich keine Handtasche besitze in der ich eine weiße Fahne verstauen könnte. 

„Ich will damit nur sagen, man weiß nicht was passiert. Pläne sind das eine, was wirklich passiert ist etwas ganz anders.“
„Das sehe ich anders, man hat sein Leben immer selbst in der Hand.“
„Nein, hat man nicht. Du kannst morgen vom Bus überfahren werden oder die Zombieapokalyse bricht aus oder …“

„Hör auf damit!“ 

Ich zucke etwas zusammen. Das wir eine hitzige Diskussion führten war mir bewusst, dass wir jetzt anfangen uns anzuschreien jedoch nicht. 

„Du lebst in deiner Traumwelt und verstehst nicht wich wichtig es ist, endlich da raus zu kommen. Du bist Mitte Zwanzig, meine Güte. Du kannst nicht ewig so tun als würde dir die Welt offen stehen, denn das tut sie nicht! Deine Zeit läuft immer weiter ab und du stehst nur da und tust nichts dagegen …“ 


Ich bin etwas perplex und weiß nicht so recht was ich dazu sagen soll. Wie ein kleines Kind, dass nicht versteht warum die Mutter gerade einen Wutanfall hatte, sehe ich sie an und warte darauf das sie noch etwas sagt. Doch das tut sie nicht. Sie erwidert nicht einmal mehr meinen Blick sondern starrt in ihre Hände, während mir bewusst wird, dass sie vielleicht gar nicht so unglücklich darüber ist, dass ich nicht weiß wo ich in 10 Jahren bin, sondern das sie es bereits weiß. 

Kommentare:

  1. Ich will noch nicht mal einen 2 jährigen Mietvertrag unterschreiben, weil man nie wissen kann was in 2 Jahren ist.. Wie soll man wissen was in 10 ist? Mein Gott immer dieses geplane, die mindestens Hälfte der Pläne die ich je gemacht hat ist nicht eingetreten. Dafür habe ich eine Menge toller Dinge erlebt, die nie geplant waren.
    Manche Leute sind so festgefahren in diesem Denken dass die Gesellschaft versucht einem einzubläuen. Mit 30 muss man ein Haus mit Garten, einen Job, einen Hund und mindestens ein Kind haben. Das mag ja für manche gut und schön sein vielleicht auch für mich, wer weiß. Aber muss ich das jetzt schon wissen?!
    Da hast du ja öfter mal Probleme mit ziemlich verquer denkenden Menschen..
    Darf man fragen wie alt die Dame ist?

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  2. Es ist eher traurig zu betrachten, dass es ein größtenteils gesellschaftlich nicht akzeptiertes Luxusgut ist, wenn man sich keine Gedanken in eine Zukunft macht, wobei es hier einerlei ist, wie lange die Spanne ist. So sehe ich es als allergrößtes Geschenk an, wenn man sich in dieser Lage befindet.

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  3. Ich werde auch sehr oft gefragt, was ich denn nach dem Abitur machen will. Ob ich denn schon eine Idee hätte. Ob ich studieren will und wenn ja was denn?
    Jedes mal aufs neue, weiche ich genau wie du dieser Antwort aus. Ich weiß es einfach nicht, schließlich habe ich noch 1 1/2 Jahre Zeit. Ja natürlich ist das nicht viel, aber ich plane auch wie du lieber für ein paar Monate und nicht für ein paar Jahre. :)
    Bei mir gibt es gerade etwas zu gewinnen, vielleicht schaust du auch mal vorbei. Das Duschgel und auch die Gummibärchen sind sogar vegan. :)

    Lg Pierre

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  4. Hi:-)

    Ich folge dir jetzt auch mal, dein Blog ist voll schön und wir scheinen uns ähnlich zu sein! :-)

    Ich plane auch lieber nur einige Wochen im vorraus,man weiss ja nie was kommt!

    Übrigens tolle Haarfarbe! :-)

    LG
    Jessi

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  5. Unsere Tochter wusste auch nicht genau, was sie nach dem Abitur machen sollte. Dabei kann helfen, über die eigenen Talente nachzudenken. Was mache ich sehr gern und was kann ich sehr gut? Geholfen hat auch die Berufsberatung, denn häufig weiß man nicht, welche verschiedenen Möglichkeiten und Berufsfelder ist gibt. Meine Tochter wollte erst etwas mit Mediendesign, weil sie davon gehört hatte. Heute ist sie Ergotherapeutin mit Staatsexamen und ist sehr zufrieden, weil das ein sehr abwechslungsreicher Beruf ist. Planen kann man das ganze Leben nicht, aber man kann für sich selbst etwas tun und anpacken.
    LG Elke

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  6. 10 Jahresplan? Ich bin froh, wenn ich eine Woche geplant kriege...
    Der "Langzeitplan" wäre wohl: Mit dem Blog selbstständig machen und Geld verdienen... Denn die Realität hat in den letzten 5 Jahren gezeigt, was Deutschland von arbeitenden Müttern hält. Nämlich nichts. Darauf hab ich keine Lust, also lass ich das mit dem Bewerben am besten ganz bleiben, denn es ist nur deprimierend. Und sonst? Sonst weiß ich es doch nicht o.O Zurück nach Amerika? Nach England? Hier bleiben? Keine Ahnung... Frag mich in 10 Jahren, was ich mache, dann hast du deine Antwort ;)

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  7. Oh je, solche Gespräche kenne ich zu gut... Vor einem Jahr hatte ich auch noch keine Ahnung, was ich nach dem Abi machen sollte. Mittlerweile studiere ich und bin super glücklich damit :)

    Liebe Grüße, Anna
    von http://whereanna.com/

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  8. Ich kann sowas auch nicht leiden.
    Ich scherze manchmal darüber mit welchem Alter ich was mache und welches Kind ich wann bekomme. das schlimme ist, die Leute sehen es nicht als Scherz.
    Völligeplanlosigkeit kann ich persönlich aber auch nicht. Ich brauch immer ein Ziel vor Augen um Motivation zu haben. Beispielsweise ist mein Ziel momentan nach dem Abi einfach wegzufahren und die Welt zu bereisen. Australien und Südamerika sind meine momentanen favorieten.

    Liebe Grüße :)

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  9. das sind diese gespräche, die einen zuerst in den wahnsinn und dann in den nächsten emotionalen abgrund treiben. weil man eigentlich gerade seinen frieden geschlossen hatte mit der tatsache, dass man eben nicht weiß, wie das eigene leben in 2, 5 oder 10 jahren aussieht - überhaupt, was ist so verkehrt an diesem zustand? natürlich ist es auf der einen seite aus meiner sicht super beneidenswert, wenn jemand so einen klaren plan hat, damit verknüpfe ich immer automatisch, dass derjenige seine bestimmung irgendwie gefunden hat und sich gut fühlt mit seinem plan (was jedoch gar nicht der fall sein muss) und das ist genau das, was mir fehlt. aber durch das "nicht auf ein optimales ergebnis festlegen" lässt man doch auch viel mehr raum für wunderbare überraschungen und positive wendungen? ja und dann kommt eben wieder jemand mit dieser 10 jahres-frage und gibt einem das gefühlt, man ist ahnungs-, nutz- und verantwortungslos und treibt in einem nicht gesellschaftstauglichen nebel herum... manchmal möchte man diesen fragestellern ein buch über achtsamkeit und das leben im moment schenken :D
    alles alles liebe, und lass dich nicht beirren!
    melanie // miss ninja cookie

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  10. Ich finde es ebenfalls schwer, zu sagen, wo ich in 10 Jahren sein werde. Ich habe mein Studium nun hinter mir und bin genauso planlos wie zu Beginn :D Also mach Dir nichts draus, ich glaube, es ist einfach unsere Generation mit den vielen Möglichkeiten, die eine solche Planlosigkeit begünstigt :)
    Liebe Grüße,
    Missi von Himmelsblau

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  11. Darüber habe ich mir schon ziemlich oft Gedanken gemacht, aber ich bin momentan noch nicht auf dem 'richtigen' Weg. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mal welcher das sein soll, aber ich denke man kann das auch nie wissen, denn das Leben kann sich so schnell ändern und vielleicht haben wir irgendwann ein ganz anderes als gedacht. Wenn wir uns jetzt schon ziele für in 10 Jahren setzten und diese unbedingt erreichen wollen, sind wir blind für andere Wege und vielleicht ist ein anderer einfach besser.

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  12. Ich glaube manchen Leuten gibt es hält sich einen Plan zurechtzulegen wie es die nächsten 10 Jahre weiter gehen soll. Egal ob es dann auch so eintritt oder nicht. Für die anderen ist nichts erschreckender als genau das :) lass dich nicht beirren. Eine grobe Richtung mag hilfreich sein aber man darf auch nicht zum Sklaven auferlegter Zukunftspläne- und Ansprüche werden.
    Liebe Grüße!

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  13. Ich kenne diese Frage zu gut und kann deine Meinung dazu total gut nachvollziehen. Meistens lasse ich alles auf mich zukommen und freue mich auf all das was vor mir liegt. Natürlich gibt es Ziele in meinem Leben die ich gerne erreichen würde & natürlich habe ich auch bestimmte Wünsche die ich mir erfüllen möchte, aber 10 Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Ich denke das beste ist immer das zu machen was einem besonders viel Spaß macht & sich von niemandem von seinem Weg abbringen zu lassen :)

    Liebe Grüße :)
    http://www.measlychocolate.de

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  14. Oh jaaa....DAS Gespräch kennen wir alle!

    Aber lass dir eins gesagt sein: Das sind diese angepassten Arbeitsbienen, die ihr ganzes Leben auf Basis von irgendwelchen gesellschaftlichen Konventionen verplant haben. Wie du schon sagtest: sie weiss was sie die nächsten 10 Jahre machen will. Was bleibt da noch für Spannung? Sie fühlen sich angegriffen von Menschen, die anders leben. Passt irgendwie zu meinem letzten Beitrag über Karrieren.

    Ich sehe so viele unglückliche Pärchen und Menschen, die ihren Job für 40Jahre ausüben und dann depressiv in die Rente gehen. Und das alles nur, weil sie so zeitig wie möglich alles verplant und somit "sicher" haben wollten.

    Lass dich treiben Herzi und mache Leidenschaften zu deinem Beruf, was auch immer das dann sein wird. Du wirst deinen Weg finden. <3

    Melinda
    www.mylifemychoice.de

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  15. Ich würde einen Knall kriegen, wenn feststünde, was in den nächsten 10 Jahren passieren soll, sofort meine Sachen packen und verschwinden. :D

    Vor ziemlich genau 10 Jahren hab ich mein Abi gemacht (OHGOTT!!) und hatte mir das auch alles anders überlegt bzw gar nicht so genau überlegt, sondern wild drauf los studiert, weil mir nichts besseres einfiel. Wenn ich bedenke, welch tolle Erfahrungen ich in der Zeit aufgrund von unerwarteten Dingen und radikalen Entscheidungen gemacht habe, würde ich es immer wieder genauso machen. Außerdem bin ich gerade recht zufrieden mit meinem jetzigen Stand der Dinge. Was will ich denn mehr?

    Man setzt sich mit solchen Plänen viel zu sehr unter Druck und hat gar keine Zeit, sich auch mal die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen.
    Madame da oben wird in 10 Jahren in ihrem hübschen Eigenheim sitzen, ihre Kinder und den Golden Retriever anbrüllen, weil ihr Mann fremdgeht und ihr Job frustrierend ist. Wette ich.

    Sonnige Grüße,
    Tiefseetaucherin

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  16. Das hört sich jetzt sicher spießig an von der Mitt-Dreißigerin aber ich hab eigentlich nur einen Wunsch für in 10 Jahren: Gesundheit für mich und meine Lieben. Der Rest is Wurscht und kommt von alleine. Ich muss allerdings zugeben dass mich die Vorstellung, in 10 Jahren immer noch jeden Tag nach Absurdistan (in die Schule) zu müssen - sagen wir- beunruhigt. Hab aber noch keinen Ausbruchsplan 😋
    Geerdete Grüße aus der MüllerMansion

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    1. Ich bin sehr gespannt was sich bei dir in den nächsten 10 Jahren noch alles verändert ;)

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