Samstag, 6. Februar 2016

Justine privat - Eine Zugfahrt die ist lustig, nicht

Ich mag es nicht sonderlich, mit dem Zug zu fahren, mir ist es lieber, in einem Auto auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen. Allerdings liegt das nur an einer Sache: Menschen. 

Während in einem Auto die Sitzzahl doch eher begrenzt ist und man sich mit Mitfahrer auch noch aussuchen kann, ist man in einem Zug der Willkür des Schicksals und der Bahnangestellten ausgeliefert. Da ich jedoch kein Auto besitze (Wozu auch mitten in der Stadt?) bleibt es doch meist bei der Bahn. 

Meine Ziele sind dabei meist wenig kreativ: Hamburg oder Berlin. Viel dazwischen gibt es meist nicht für mich. Heute soll es Berlin sein. Nach dem Zahn-Horror der letzten Woche habe ich mir eine kleine Auszeit verdient um gute Freunde zu treffen und mich in meiner heimlichen Heimat etwas umzusehen. 

Berlin ist immer im Wandel. Jedes Mal, wenn ich wieder dort ankomme, entdecke ich etwas Neues und habe eine neue Geschichte zu erzählen. Dafür nehme ich es dann auch gerne in Kauf an einem Samstag früh aufzustehen und mich in den Zug zu setzten. Von nichts, kommt nichts. Während die Landschaft an mir vorbei zieht und ich in Gedanken schon in Friedrichshain beim Pizzaessen bin, setzt sich jemand neben mich. 
Er betrachtet kritisch, wie ich auf meinem Mac tippe und ich erwarte schon fast, dass er mir eine Predigt darüber hält, wie „überteuer und veraltet“ doch die Technik ist, die ich nutze und dass dieses „Hipster“ Gehabe einem auf die Nerven geht. Geräuschvoll auf seinem Kaugummi kauend sieht er mich an, als erwartet er dass ich das Gespräch beginne. Allerdings ziehe ich es vor, weiter rumzutippen und ihm nur aus dem Augenwinkel zu beobachten. Mir steht nicht der Sinn ist nicht nach sinnfreien Smaltalk. Wirklich nicht. „Am Arbeiten?“ 



Innerlich stöhne ich etwas auf, was finden Menschen nur immer so spannend an diesen sozialen Interaktionen? Ich sehe schon auf den ersten Blick, dass wir keine Gesprächsthemen haben werden, die auch nur halbwegs produktiv sind. 

„Was muss, dass muss“, gebe ich zurück und zwinge mich, wenigstens halbwegs nett zu sein. Schließlich will ich mir mein Karma für Berlin nicht gleich versauen. 
„Sie benutzten einen Mac?“ 
Ich beiße mir auf die Zunge. Diese Art der rhetorischen Fragen habe ich noch nie verstanden. Es ist doch offensichtlich, das ich ihn benutzte. 
„Meine Verlobte hat sich auch einen gekauft, ich verstehe das mein besten Willen nicht“, meint er und ignoriert dabei die Tatsache, dass ich versuche, ihn zu ignorieren. 
„Die einen lieben es, die anderen hassen es“, gebe ich diplomatisch von mir und notiere mir im Kopf, dass ich vielleicht doch in die Politik gehen sollte. Ich habe es echt drauf mit diesen nichtssagenden Antworten. 
„Macht Ihnen das keine Probleme?“ 
Jetzt blicke ich ihm das erste Mal ins Gesicht und ziehe die Augenbrauen zusammen. „Was jetzt? Die Technik? Nein, ich finde es wesentlich einfacher und eindeutiger als Windows.“ 
„Nein, nein. Ich meinte die ganzen Tättoowierungen auf Ihren Händen …“, als wüsste ich nicht, wo meine Hände sind, zeigt er noch einmal darauf. Damit hat er auch die letzten Sympathiepunkte bei mir verloren. Ich kann schon an der Art zu reden hören, was er sich für ein Bild von mir in seinem Kopf zusammengebaut hat. 
„Nein, auch da keine Probleme.“ 
Ich schaue wieder auf meinem Bildschirm, allerdings besitzt der junge Mann nicht die Freundlichkeit sich ebenfalls auf seine Sachen zu konzentrieren. 
„Als was arbeiten Sie denn, dass Sie keine Probleme damit haben?“ 
Innerlich koche ich bereits, aber die Yoga Atemübungen machen sich auch hier wieder bezahlt. 
„Ich führe ein Online-Magazin und arbeite im Bildungsbereich“, sage ich mit einem Zahnpastalächeln und spare es mir, nach seiner Aktivität zu fragen. Er sieht beeindruckt aus. Allerdings nur, weil ich es schöner formuliert habe als „bloggen und Nachhilfe geben“. 
„Also die Lehrer meiner Kinder dürften nicht tätowiert sein“, meint er und schnäuzt dabei auf eine seltsame Art die Nase, so dass ich unwillkürlich das Gesicht verziehe. Mein Bauchgefühl hat mich mal wieder nicht getäuscht. Neben mir sitzt ein unschönes Exemplar der Spezies Mensch. 
„Warum? Haben Sie Angst, ihre Kinder könnten etwas aufgeschlossener werden als Sie?“ 
„Das gehört sich einfach nicht.“ 
„So wie Sex vor der Ehe?“ 
„Jetzt sind Sie aber frech!“ 
„Setzen Sie sich doch woanders hin, wenn es Sie nervt, dass ich an meinem MacBook mit meinen tätowierten Fingern schreibe“, sage ich zuckersüß und fummle meine Kopfhörer aus meinem Rucksack. Ich drehe die Musik laut genug auf, damit ich sein empörtes Gemurmel nicht mehr hören muss, während er sich seine Sachen schnappt und sich tatsächlich umsetzt. Ach Berlin, was tut man nicht alles um zu dir zu kommen …

Kommentare:

  1. Sehr toll geschrieben, musste echt lachen :D
    Bei uns auf dem Dorf wird man nicht in solche Gespräche verwickelt, aber letztens in Braunschweig hat mir eine Dame von ihren Töpfen und Küchengeräten erzählt, die Dame neben mir fand vegane Ernährung ganz toll. Ich weiß bis heute nicht wie wir darauf gekommen sind, meine Freundin hat mich nur gefragt ob ich nach einem Dounat Laden googeln kann :D

    Liebe Grüße :)

    AntwortenLöschen
  2. Ach herrje :D solche Konversationen kenne ich auch nur zu gut , zwar nicht mit Tattoos aber mit meinem Job - Fotografie. "wie kann man denn von ein bisschen herumgeknipse leben" oder "das bisschen knipsen ist doch nicht anstrengend". Ja und das bloggen ist ja auch bei sehr vielen Menschen noch ein absolutes tabu Thema , was ich aber gar nicht verstehe. Aber manche Menschen werden wir wohl nie verstehen :D auf jeden fall absolut unnötig , so blöde Kommentare.
    Liebste grüße , Lisa

    AntwortenLöschen
  3. Haha richtig cooler Blogpost und ich weiß genau, wie du dich fühlst :D
    Jetzt nicht auf tattoos bezogen aber ich fahre regelmäßig nach Heidelberg, meinen Freund besuchen und jedes Mal bin ich total genervt, da es immer wieder Begegnungen gibt, wo man sich wirklich nur an den Kopf fassen kann:D!

    Leider werde ich, wie du, noch ganz oft Bahn fahren. Die Kopfhörer sind ein absolutes Muss!

    AntwortenLöschen
  4. Haha... ich habe gut vor meinem Laptop gelacht. Ich kenne das nur zu gut, als ich noch viel Bus und U-Bahn in Hamburg gefahren bin. Das Leben schreibt doch die lustigsten Geschichten. Ich wünsche dir ein schönes Wochenende
    http://www.instylequeen.de/

    AntwortenLöschen
  5. Hey liebe Justine :),
    danke für deine Bewertung auf dem Blog-Zug, echt voll nett von dir :)
    Wie findest du denn mein Blog ?
    LG Sabrina :) *

    AntwortenLöschen
  6. Faszinierend, was für engstirnige Menschen es gibt :D Ich verstehe nicht, was Tätowierungen und Lehrbeauftragung miteinander zu tun haben sollen. Manche Leute spinnen einfach. Gute Reaktion von Deiner Seite!
    Liebe Grüße,
    Missi von Himmelsblau

    AntwortenLöschen
  7. Herrlich geschrieben, ich konnte die Szenerie bildlich vor mir sehen. Ich bin auch gar kein Fan sinnlosem Smalltalk. Erst recht nicht, wenn ich dabei auch noch anmaßend behandelt werde. Aber deinen Konter finde ich gut: „Warum? Haben Sie Angst, ihre Kinder könnten etwas aufgeschlossener werden als Sie?“ Du bist mit dieser Situation wirklich gut umgegangen. Ich wundere mich auch immer wieder, wie manche Menschen so unaufgeschlossen sein können. Damit macht man nicht nur sich, sondern auch anderen Menschen das Leben schwer.
    Liebe Grüße

    AntwortenLöschen
  8. Hahaha das hast du wirklich toll beschrieben, ich kenne solche Situation zu gut.
    Liebe Grüße
    Lamia
    http://lamiasfashiondiary.blogspot.de/

    AntwortenLöschen
  9. Sehr schön geschrieben und genau wie du, mag ich aus solchen Gründen keine Zug fahrt. Ich habe zwar ein Auto bin aber in letzter Zeit mit dem Zug in die Stadt gefahren. Ich setze mir immer gleich meine Kopfhörer auf und hoffe, dass mich niemand anspricht.
    Kann dich also vollkommen verstehen.
    Liebe Grüße Michelle von beautifulfairy

    AntwortenLöschen
  10. Hahahaha! Ich weiß genau, was du meinst. Ich habe auch kein Auto (ebenfalls Innenstadt) und fahre mit dem Zug täglich von der Arbeit nach Hause (morgens hab ich eine Fahrgemeinschaft).
    Seit letzter Woche weiß ich alles über Kim. Allem voran, dass Kim ein Mann und keine Frau ist. Das weiß ich, weil der Typ mit dem sabbernden Hund, der 6 Sitze weiter saß telefonierte... laut... sehr laut.
    Und Kim sollte aufpassen. Kim kriegt nämlich aufs Maul, wenn der Telefonmann ihn mal privat zu packen kriegt! Er hat es nämlich satt, der Telefonmann, dass Kim dauernd lästert. Das versaut das Klima in der Firma. Aber in der Firma kann er ihm ja keine reinhauen, dann ist der Telefonmann nämlich seinen job los.

    Dinge, die ich nicht wissen will.. du kennst das :D

    LG
    Nina

    AntwortenLöschen
  11. Ich könnte auf meinen alten Kommentar verweisen, solchen Menschen einfach einen Haufen auf das Kissen zu setzen.

    Oder den Sitzplatz.

    Eventuell würden auch eine Menge Haufen im Abteil die Menschen fernhalten.

    Ich jedenfalls verstehe ich dich blendend. Aber was soll man machen? Als wären Tättowierungen bereits ein Stigma, dass man sozial zu nichts fähig wäre. Vllt hättest du ihn auch einfach eine aufs Maul geben sollen.

    Japp.

    Hättest du tun sollen.
    Im Namen uns aller Tättowierter.

    Übrigens mag NAchhilfe nur NAchhilfe sein, den Bildungssektor trifft es trotzdem. Und ob er weiß dass er nun in deinem Blog vorkommt?

    Jedenfalls.

    Ich bin mehr für Haufen. Eine Menge Haufen.

    Wie siehst du das?

    Cheerio.
    Ein Reiseblogger.
    Der übrigens nie bis sehr nie Zug fährt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Haufen klingen gut! Vielleicht sollte ich die meiner Hundedame sammeln?
      Danke (mal wieder) für deinen Kommentar!

      Löschen
    2. Kommt darauf an: Auf die Konsistenz. Immerhin sind Hundehaufen doch irgendwie spezielle Haufen.

      Und ich bin erschrocken, wie oft ich nun in den zwei KOmmentaren Haufen geschrieben habe. Und wie viel wir darüber bereits sprechen, über sowas intimes, dabei kennen wir uns gar nicht!

      Ich werder rot.

      Cheerio.

      Löschen
  12. Hey!
    Ich bin 3 Jahre lang fast jedes Wochenende zwischen Kiel und Essen gefahren und habe solche Erfahrungen zum Glück nicht gemacht. Ich war schon immer neugierig, wer neben mir sitzt und worüber wir uns hoffentlich unterhalten. Da ich selbst eher schüchtern bin und denjenigen nicht vollquatschen würde, habe ich immer gehofft, dass mein Sitznachbar/in das Gespräch eröffnet. Manchmal hat es geklappt, manchmal nicht. Aber, immer sind eigentlich nette Gespräche entstanden. Am Schönsten war mal ein Araber, wohl Ende 50. Ich wusste am Ende alles über seine Familie, seine Kinder und sein Umfeld und mit Baklava hatte er mich auch noch abgefüttert, bis ich das Gefühl hatte, gleich zu platzen. Das war eine der schönsten Zugfahrten. Produktiv war es sicher nicht, tiefgründig auch nicht. Aber es war einfach wunderbar. Eine der kurzweiligsten Zugfahrten, die ich hatte.
    Viele liebe Grüße
    Yvonne

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke Liebe Yvonne! Natürlich hat man auch mal nette Bekanntschaften, aber leider sind die bei mir ziemlich selten ...
      Dir wünsche dir viele weitere tolle Erfahrungen!

      Löschen