Mittwoch, 22. Juni 2016

Interview mit Nora Bendzko

Foto von: https://www.instagram.com/nachtfrostphotography/
Nora Bendzko rüttelt aktuell die Indie Szene ordentlich auf. Mit ihrem düsteren Märchen "Wolfssucht" schaffte sie es bereits viele Leser von sich zu überzeugen. Nachdem meine Rezension zu ihrem ersten Werk hier online ging, darf Nora heute selbst zu Wort kommen ...

1. Dein Erstling-Roman „Wolfssucht“ ist gerade erst erschienen, wie hat es sich angefühlt, das erste Mal das gedrucktes Buch in den Händen zu halten?

Gigantisch! Schon beim Probedruck-Exemplar haben meine Hände gezittert. Das Gefühl ist umso schöner, wenn man für so viel mehr als den Schreibprozess – wie das Layout – verantwortlich ist. Früchte harter Arbeit eben. Ein bisschen Muttergefühle sind auch dabei, haha.

2. Du hast deine „Rotkäppchen“-Adaption selbst verlegt – warum?

Ja, schöne Frage, Justine! Ich habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, selbst zu veröffentlichen. Das liegt daran, dass ich mit einigen Leuten befreundet bin, die in der Indie-Szene sehr aktiv sind, wenn nicht sogar selbst mit Selfpublishing großen Erfolg haben. Mich hat vor Allem die künstlerische Freiheit gereizt, meine eigene Herrin sein zu können.
Andere Autoren finden es furchtbar schrecklich, sich um die Dinge jenseits des Schreibprozesses zu kümmern. Mir gibt es ein Gefühl von Unabhängigkeit. Und ich brauche das. Ich war schon immer jemand, der es gehasst hat, unflexibel zu sein, weil auf die Arbeit Dritter gewartet werden muss, die nicht so bei der Sache sind.
Ja, und mit „Wolfssucht“ kam dann die Gelegenheit: Ursprünglich habe ich die Novelle für einen Wettbewerb geschrieben: Der Waldhardt-Verlag suchte Texte für einen Reihenwettbewerb zum Thema „Märchenadaptionen“. Da wurde die Verlegerin von Waldhardt unerwartet krank, der Wettbewerb verlief im Sande, die Geschichte wurde nie gesichtet. Ich habe „Wolfssucht“ aber mit so viel Leidenschaft geschrieben, dass ich mir sagte: Du springst jetzt ins kalte Wasser des Selfpublishings! Siehe da, ich bin tatsächlich gesprungen.

3. Wie viele andere Indie-Autoren hast auch du eine Zeit lang eine Gratisaktion zum Buch gemacht. In Autorenkreisen wird so etwas stark diskutiert. Worin siehst du die Vorteile und glaubst du, dass es die Bücher „abwertet“?

Ich denke, dass gerade für Neulinge eine Gratisaktion nicht das schlechteste Werbemittel ist. Genauso muss man es sehen: Als Werbemittel. Eine Gratisaktion erhöht die eigene Reichweite des Buches enorm (ich habe mit meiner eigenen Aktion über 4.000 Leute erreicht). Auf einmal wird man auf zig Seiten angezeigt. Und das ist das A und O: Bevor die Leute einen kaufen, müssen sie einen erst finden. So kenne ich es auch aus der Musik: Viele junge Musiker machen ihre ersten Songs auf Youtube und anderen Kanälen öffentlich zugänglich, um erst einmal sichtbar werden zu können. Man muss sich auch vor Augen halten, dass so ziemlich alle großen Selfpublisher-Namen mit einer Gratisaktion erst nach oben gekommen sind. Poppy J. Anderson (die einzige deutsche Selfpublisherin, die über eine Millionen Bücher verkauft hat) nennt das als einen der Hauptgründe dafür, warum sie es „schaffen“ konnte.
Daher würde ich eine Gratisaktion nicht wirklich als „abwertend“ bezeichnen. Kritischer sehe ich den Trend, E-Books so billig wie möglich anzubieten – wozu man auch die Masse gesammelter Gratisaktionen sehen kann. Ich denke, dass das bei den Viellesern von Amazon eine gewisse Hemmschwelle aufbaut: Warum sollte ich ein E-Book von 800 Seiten für 2,99 kaufen, wenn ich 400 Seiten für 0,99 haben kann? Ich kann mir vorstellen, dass einige auch nur die Gratisaktionen von Indies abgreifen und sonst nur Verlagsveröffentlichungen kaufen. Das macht es für Selfpublisher noch schwerer, mit ihren ohnehin viel zu kleinen Preisen zu überleben … aber dafür hat man sich mehr oder weniger bewusst entschieden, weil man eine Alternative zu den Verlagen bieten musste. Ich versuche, mich da so gut wie möglich zurecht zu finden, wobei ich es nicht mit mir vereinbaren kann, ein E-Book zum Dauerpreis von 0,99 anzubieten. Dann lieber im Rahmen einer kurzen Aktion.


4. Statt einer üblichen Liebesgeschichte sehnt sich deine Hauptfigur Irina nicht nach dem strahlenden Ritter, sondern nach dem bösen Wolf – wie kam es dazu?

Erst einmal bin ich keine Freundin von vielen Klischees. Das betrifft ganz besonders die klassische Männer- und Frauenrolle. Und natürlich die Rolle des Prinzen, alias der strahlende Ritter. Ich glaube durchaus an das Gute im Menschen und dass es etwas wie „Helden“ gibt, doch meiner Meinung nach treten diese niemals in guter Kleidung und mit einem hübschen Gesicht auf. Märchen stellen diesbezüglich ein traditionelles Schwarz-Weiß-Schema auf, das ich nicht für real halte. Und genau da setzen meine Adaptionen an: Es macht mir Spaß, die Klischees, die für das Genre so natürlich sind, zu verqueren und in Frage zu stellen. Ein schöner Mann, der von der Gesellschaft als heldenhaft verehrt wird, taucht deswegen in „Wolfssucht“ auf, aber er ist in Wirklichkeit eben kein Held. Das Wesen, das alle von Anfang an als ein „Monster“ betiteln, entpuppt sich als nicht durchweg böse. Wenn Irina sich also nach dem bösen Wolf sehnt, schaut sie mit dem Leser hinter die Fassade und entdeckt dabei, dass alles anders ist, als es scheint.


5. Neben dem Einfluss des Volksmärchen hast du auch geschichtliche Ereignisse mit einbezogen, warum?

Das kam mir bei meinen Recherchen zu „Rotkäppchen“ in den Sinn: „Wolfssucht“ ist nicht nur eine Grimm-Adaption, sondern lässt auch die französische Version von Charles Perrault einfließen, die sexuell sehr aufgeladen ist, sowie die Urmärchen und Sagenarchetypen, auf denen die Grimm’schen Märchen basieren. Mich hat es fasziniert, wie unterschiedlich die jeweiligen Versionen sind – und wie unerwartet düster. Ich fand es reizvoll, das alles in einer Geschichte zu verbinden. Was eignet sich da mehr, als eine längst vergangene Zeit, noch vor den Grimm-Brüdern? Ein Was-wäre-wenn-Rotkäppchen, bei dem man sich vielleicht vorstellen könnte, dass es die wahre Geschichte hinter dem später verzerrten Märchen ist? Das fand ich so spannend, dass ich eine entsprechend spannende Kulisse brauchte. Die deutsche Verfilmung von Ottfried Preußlers „Krabat“ brachte mich dann auf den 30-jährigen Krieg. Er wurde so grau und bildgewaltig in dem Film dargestellt, dass ich wusste: DAS ist die Kulisse, die ich brauche!

6. Wieviel steckt von dir selbst in deiner Hauptfigur?

Foto von: https://www.facebook.com/nachtfrostphotography
Ich würde sagen, dass Irina vor allem meine emanzipative und feministische Seite abdeckt. Das klingt jetzt hochtrabender, als es ist: „Wolfssucht“ ist einfach die Geschichte einer Frau, die von gesellschaftlichen Erwartungen unterdrückt wird. Etwas, was noch heute in unserer Gesellschaft passiert, und zwar oft auf der Argumentationsbasis einer „natürlichen“ Geschlechterordnung, wie sie in Grimm’schen Märchen eine große Rolle spielen. Jede Frau muss heiraten, devot sein und dem Prinzen „Ja“ sagen, einfach, weil er ein Prinz ist. Meine Hauptfigur Irina unterwirft sich dem nicht sang- und klanglos – so, wie ich es auch nie im eigenen Leben tun würde. Persönlich musste ich eine solche Unterdrückung nicht in einer Beziehung erleben, habe allenfalls verächtliche Bemerkungen wegen meinem Geschlecht von Dritten erfahren, aber solche Frauen gibt es überall, wenn man nur die Augen weit genug aufmacht. Irina ist eine repräsentative Figur dafür, die auch den Wunsch darstellt, dagegen anzukämpfen.

7. Woher kommt die Faszination für Märchen?

Vor der Faszination war die Nostalgie: Mein Vater hat mir als kleines Kind immer Märchen vorgelesen. Und Märchen waren die ersten Geschichten, die ich selbst las. Sie waren mein erster Berührungspunkt mit der Fantastik. Schwer zu sagen, warum ich mich so in sie verliebt hatte. Es hat einfach etwas in mir berührt und mich nie mehr losgelassen. Als Jugendliche kam ich dann zum ersten Mal mit den Urmärchen in Berührung und begann mich für die geschichtliche Entwicklung von Märchen zu interessieren. Dem folgte die Faszination: Auf einmal verstand ich, dass da ziemlich dunkle und schwerwiegende Themen in diesen Märchen verarbeitet wurden, die ich als Kind so nicht hatte sehen können.

8. Auf deiner FB-Seite hast du bereits über andere deiner Werke berichtet. Worauf können sich deine Leser freuen und wirst du wieder selbst verlegen?

Ja, ich werde definitiv wieder selbst verlegen! Derzeit plane ich einen neuen Grimm-Thriller in Romanlänge, den ich gern Ende 2016, Anfang 2017 selbst herausbringen möchte. Dieser Roman und „Wolfssucht“ sollen die Startbücher für eine ganze Reihe werden, deren Konzept ich gerade ausarbeite. Aber ich möchte auch mit mehreren Projekten an die Verlage gehen: Da wäre die „Schwarze Galerie“, ein dunkelfantastischer Roman, der in einer verfluchten Kunstausstellung spielt. „Die Schönheit des Biests“, eine Märchenadaption (von welchem Märchen, kann sich jeder denken) und Verschriftlichung des Albums „Century Child“ von Nightwish, das ein mehrteiliges Fantasy-Epos werden soll. Und ein Science-Fiction-Roman, „Roboter Engel“, dessen maschinelle Protagonisten in einem dystopischen Regime um ihre Existenz kämpfen müssen. Daneben werde ich noch die eine oder andere Kurzgeschichte veröffentlichen. Außerdem möchte ich mich für die „Zombie Zone Germany“ vom Amrûn Verlag mit einem Romanprojekt bewerben, das bis jetzt noch ganz geheim ist. Allein einen Titel gibt es: „Wir Todgeweihten grüßen Dich“. Für Neugierige habe ich meine derzeitige Arbeitsliste auf norabendzko.com veröffentlicht, wobei diese nur die Projekte beinhaltet, die ich garantiert in der nächsten Zeit verwirkliche. Es gibt noch viel mehr Kurzgeschichten, begonnene Manuskripte und Fragmente auf meinem Schreibtisch.

9. Gerade Indie-Autoren wird oft nachgesagt, den Büchern würde es an einem straffen Lektorat fehlen. Wenn du dein Werk selbstkritisch betrachtest - stimmst du dem zu?

Ich bin unglaublich selbstkritisch, würde deine Frage aber mit einem klaren „Nein“ beantworten.
Ich hatte einen großen Haufen Testleser, ein Korrektorat und habe auch einem befreundeten Lektor das Manuskript in die Hand gegeben. Mehr war für die Novelle so nicht nötig, da ich schon einige Erfahrung in Sachen Kurzgeschichten habe. Auch in der Verlagswelt ist es nicht ungewöhnlich, bei kürzeren Texte nur ein Korrektorat wahrzunehmen. Ein schlechtes Gewissen habe ich entsprechend nicht, besonders, wenn ich mir die bisherigen Rezensionen zu „Wolfssucht“ betrachte. Obwohl eine einzige ein „unstraffes Lektorat“ am Anfang des Buches bemängelte – allerdings ohne konkrete Punkte zu nennen, weswegen ich die Schwere der Kritik nicht einschätzen kann.
Den einen Profi-Lektor, den ich vollumfänglich für das ganze Buch bezahle, hatte ich nicht, und würde ihn definitiv beim nächsten Band ins Boot holen wollen. Einfach, um so viel Professionalität wie möglich für die Leser zu garantieren – und ein selbstverlegter Roman ist wirkliches Neuland für mich. Gerade da braucht man den Profi an der Seite.

10. Was kannst du anderen jungen Autoren und denen, die es werden wollen, raten?

Schreibt, als gäbe es kein Morgen! Und bringt zu Ende, was ihr einmal angefangen habt. Ist das geschafft, findet Leute, die euch unterstützen: Sucht euch Testleser eures Vertrauens, schließt euch mit anderen Autoren zusammen, lasst euch von Profis coachen. Nichts ist wichtiger, als kein Einzelkämpfer zu bleiben: Nur durch die wohlgewollte Unterstützung und Kritik anderer kann man sich erst wirklich als Autor entfalten. Ich selbst musste fast drei Jahre im Rindlerwahn-Autorenforum schreiben, bevor meine Texte veröffentlichungsreif werden konnten. Nehmt euch die Zeit, die ihr braucht; bereut nicht im Nachhinein, dass ihr zu ungeduldig wart mit Veröffentlichen und deshalb schlechte Bewerbungen an die Verlage geschickt habt. Und ganz wichtig: Schreibt nicht wie andere. Entdeckt euren ganz persönlichen Stil und bewahrt ihn. Tut, was ihr liebt, und werdet großartig darin.

Danke liebe Nora! Ich habe dein Buch sehr genossen und freue mich schon auf deine nächsten Werke ...

Wer jetzt neugierig geworden ist kann sich "Wolffsucht" hier genauer anschauen:




Kommentare:

  1. Huhu.

    Ein wirklich tolles Interview und ein sehr interessantes Buch. Das Buch spricht mich sehr an und vielleicht werde ich mir dieses mal näher anschauen ;). Ich mag die Interviews auf deinen Blog, davon darfst du gerne mehr bringen.

    liebe Grüße

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  2. Sehr interessantes Interview :-) Die Gründe fürs Selfpublishing kann ich gut verstehen. Ich selbst bin momentan noch im Schaffensprozess und überlege dann, ob ich es bei Verlagen versuche oder selbst publiziere.

    Ich finde es auch super, dass sie Märchenklischees in Frage stellt, nun interessiert mich das Buch noch mehr :-).

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  3. Das Interview ist echt interessant. Habs mir gerne durchgelesen! :)

    www.sophias-fashion.de

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  4. Ein spannendes Interview. Ich liebe ebenfalls Märchen und finde es sehr spannend, wenn Bücher daran angelehnt sind. Danke, für die gute Fragestellung, sonst wäre das Interview sicherlich nur halb so spannend. ;-)
    Liebe Grüße
    http://www.instylequeen.de/

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  5. Ein richtig tolles Interview :)!
    Du hast immer super spannende Beiträge auf deiner Seite.

    Alles Liebe,
    Lara

    www.lara-ira.de

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  6. Das hört sich super interessant an und tolles Interview! Sie ist nicht zufällig mit Tim Bendzko verwandt? :D

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  7. Ein mega interessantes und spannendes Interview. Ganz toll <3

    Liebst,
    Janine //www.traummelodiie.de

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  8. Das mit der Unabhängigkeit kann ich gut verstehen, mit ein Grund, warum ich auch mehr in Richtung Selfpublishing tendiere, habe ich aber noch nicht entschieden.

    Das Buch hab ich schon auf dem Wunschzettel, ich wünsche Nora Bendzko viel Erfolg damit.

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