Mittwoch, 24. August 2016

Justine privat - Der Druck zu bleiben

„Wer an der Küste bleibt,
kann keine neuen Ozeane entdecken“
Ferdinand Magellan

„Wäre es denn wirklich so schlimm hier zu bleiben?“, fragt sie mich und sieht mir dabei fest in die Augen. Ich seufzte tief und blicke auf das trübe Wasser der Warnow, auf dem sich die Sonnenstrahlen des Nachmittags spiegeln. Ich liebe den Hafen. Manchmal sitze ich stundenlang einfach nur hier und starre auf das Wasser. 
„Ich gehöre hier einfach nicht her.“
„Aber hier hast du deine Freunde, dein Leben - was kann dir eine andere Stadt bieten was du nicht auch hier haben kannst?“
„Du meinst außer gut bezahlte Jobs?“
Sie lächelt schief. Ich liebe es, wenn sie das tut. Für ein so zartes Persönchen hat sie ein unglaublich dreckiges Lächeln. Genau dafür mag ich sie so gerne - und für ihre unberechenbare Ehrlichkeit. 
„Findest du nicht, dass du etwas zu verbissen bist? Was wäre so schrecklich daran zu bleiben, wenn du auch hier studieren kannst?“, fragt sie ernst und ich gebe mir mühe nicht höhnisch zu lachen. 
Es ist absurd. 
Ich bin in meinem Zuhause, meiner Heimat, an meinem Hafen - und doch fühle ich mich ein Fremdkörper. Auf den ersten Blick scheint es fast so, als wäre ich das typische Küstenmädchen. Jemand, der genauso zu Rostock gehört wie Dritte Wahl und Anker Tattoos, doch wagt man einen zweiten Blick sieht man es. Ich gehöre hier nicht her. 
Das war schon immer so und wenn ich etwas bereue, dann das ich wieder gekommen bin. Heimat ist etwas seltsames, manchmal verführt sie uns dazu wieder zurück in ihren wohl bekannten Schoß zu kommen und einfach zu bleiben, weil es gemütlicher ist, weil man ja ohnehin, hier alles hat was man zum leben braucht. 
„Da wäre zum einen, dass ich hier nur meinen Notfallplan studieren kann und zum anderen dass ich mich hier gefangen fühle.“
„Warum gefangen?“
„Ich habe schon überall gearbeitet, schon mit jedem an der Bar gesprochen und jede Diskussion über Hansa gefühlt - ich langweile mich“, antworte ich langsam und weiche ihrem Blick aus. 
„Das wäre in einer anderen Stadt in ein paar Jahren genauso“, meint sie und ich kann es ihr nicht verübeln. Unrecht hat sie damit nicht. 
„Ich mag es anonym, unpersönlicher - in Rostock kennt jeder jeden. Egal, was man tut und was geschieht. Die halbe Stadt weiß es bereits, bevor man auch nur eine Nacht darüber geschlafen hat. Es ist schon fast Szene-Inzest.“
Sie kichert leise und nickt zustimmend. 
Rostock ist zu klein für Anonymität und zu groß um nicht nach mehr, als dem typischen Hausfrauen leben zu streben. 

„Ich will einfach hier raus, meine Flügel ausbreiten und fliegen.“
„Das kannst du auch von hier aus, flieg wohin du willst und dann kommst wieder nach Hause“, merkt sie an und ich spüre das vertraute ziehen in meinem Herzen und die Angst, die sich Tief in mir fest gesetzt hat. „Das würde meinem Crza gefallen, er liebt es hier …“
„Warum auch nicht?“, sagt sie ernst. „Der Hafen, die Ostsee - alle paar Monate sogar eine halbwegs gute Band und nicht zu vergessen all die Menschen die euch lieben.“
„Bin ich ein schlechter Mensch, weil mir das nicht reicht?“
„Nein“, meint sie ehrlich und zwinkert in die Sonne. „Aber vielleicht solltest du dir darüber bewusst werden, dass auch die Option hier zu bleiben nicht das schlechteste wäre. Du kannst auch von hier aus fliegen …“
„Ich will hier nicht versauern, die immer gleichen Gesichter und immer gleichen Geschichten“, murmle ich. 
„Das würdest du nicht. Du bist hier genauso frei wie überall anders auch - die einzige Person die dich einsperrt bist du selbst.“

Ich unterdrücken ein fluchen und blicke wieder auf das Wasser. Der Hafen ist meine Heimat. In meinem Leben habe ich mich selten an einem anderen Ort so wohl gefühlt wie hier - und doch würde ich ihn jeder Zeit wieder aufgeben. 

Kommentare:

  1. Ich kenne das. Ich bin ja vor 10 Jahren auch Freudestrahlend weg. dann ging es wieder nach hause. und ich mag es nicht. klar hab ich hier freunde und familie. das ist super. aber diese stadt und ich... wir werden uns nie verstehen.

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  2. Ich bin auch "ausgewandert" und ja von einem Dörfchen bei Hannover nach Berlin ist schon fast auswandern für mich xD
    Ich denke mir oft "Jetzt gehst du wieder zurück" aber aus Berlin weg, auch wenn ich die Stadt nicht wirklich mag? Das funktioniert nicht wenn man Eventgeil is xD und in Hannover ist nichts los.
    Dennoch suche ich immer noch das richtige zu Hause, ich liebe mein Dörfchen und fühle mich da wohl, aber auch falsch, abgesehen das da auch nur noch mein Bruder wohnt, der Rest ist weg und mit meinen Freunden hab ich nicht mehr wirklich kontakt

    Aber dennoch kann ich es nachvollziehen was du schreibst =)
    Und es ist schön geschrieben und irgendwie hab ich grad den drang zu wissen wie es weiter geht =)

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    1. Lach danke dir! Ich denke du wirst noch früh genug erfahren wie er in meinem seltsamen Leben noch weiter geht :D

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  3. Lass dich bloß nicht dazu überreden zu bleiben, wenn du dich nach gehen fühlst. Ich habe es nicht bereut meine Heimat zu verlassen und ich kann mir auch nicht vorstellen dahin zurück zugehen. Natürlich hatte ich dort Freunde und Familie aber manchmal will man raus, die Flügel ausbreiten und die Welt sehen. Hamburg ist sicherlich auch nicht meine letzte Station.

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  4. Der Wunsch nach Anonymität - in weiterem Sinne - war es, neben anderem, der mich bewog, nicht nach Hamburg zu gehen, was sehr nah an meiner alten Heimat war. Gerade auf dem Dorf waren viele verwundert, wieso Menschen Weit weg gehen zum studieren. "Geht das nicht in Kiel?" (Nein, geht es nicht) war meist die erste Frage meines - primär physischen - Umfeldes. Es ist nicht ganz vergleichbar, da mein Elternhaus regelmäßig seine Adresse geändert hat (insgesamt 4 Städte habe ich als Kind zeitweise meine Heimat genannt), doch mich lockte seit jeher die Freiheit und das unbekannte, so kann ich deinen Wunsch, loszufliegen gut nachvollziehen. Die Anonymität erwähnte ich zu ANfang: Bei mir ist es nicht eine Stadt alleine, sondern das Netzwerk der Landeskirche in Schleswig-Holstein und Hamburg, mit dem meine Familie - mit einem unverwechselbaren Familiennamen - seit Generationen eng verwoben ist. Auch ich habe inzwischen meinen Teil zu dieser Verflechtung beigetragen. So sehr ich meine Umgebung in diesem Netzwerk auch mag, wollte ich einen Studienort außerhalb dieses Netzwerkes finden. So kam ich dann - neben den fachlichen Vorzügen nach Leipzig, eine Entscheidung, die ich nach bald 2 Semestern nicht bereue.

    In diesem Sinne flieg los!

    LG
    Jakob

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    1. Leipzig steht auch auf meinem Plan :)
      Ist aber leider nur einer der *Notfälle*. Mein Wunschstudienfach ist leider nicht überall zu finden :D
      Danke für dein liebes Kommentar <3
      Ich kann dir sehr gut nachfühlen.

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