Sonntag, 18. September 2016

Der philosophischen Ansatz von Aristoteles zur Glückseligkeit

 Oder:

Warum das Prinzip der Glückseligkeit überholt ist


Können wir in der heutigen Zeit überhaupt noch nach Glückseligkeit streben? Ist es Sinnvoll nach dieser zu suchen oder sie als das große Endziel der persönlichen Existenz zu betrachten?
Aristoteles ist einer der bekanntesten Philosophen, der auch in der heutigen Zeit noch immer starken Einfluss auf die philosophische Gedankenwelt hat. Seine Ansichten zum Thema Glückseligkeit, lassen sich noch immer auf die aktuelle Situation des Lebens übertragen. 
Er teilt die Lebensformen in drei unterschiedliche Bereiche auf, die alle samt Punkte auf dem Weg zum Glück sein können. Die erste Form ist das Leben der Lust oder auch der niederen Instinkte. Ein Leben das den Egoismus feiert und kaum eine Chance bietet, sich und die Welt um einen herum weiter zu formen. 
Der Unterschied zwischen Glück und Glückseligkeit spielt hier eine entscheidende Rolle, denn Glück ist nur der Moment - Glückseligkeit ist die Vollkommenheit, dass vollständige mit sich selbst und der Welt im Einklang sein. 
Im Leben der Lust jedoch dominiert der Moment, die Exzesse und der Trieb nach weiteren kleinen Schüssen Glück. Somit kann ich Aristoteles darin zustimmen, dass dieses Leben eher negativ behaftet ist. 
Zum einen ist der Rausch einzelner Glücksmomente, leicht vergänglich und zum anderen wird ein Leben dieser Art schnell ermüdend. Irgendwann sind alle Party gefeiert, alle Exzesse ausgelebt und jeder schmutzige Gedanke wurde Realität. Ist dieser Zustand eingetroffen, verblassen die Glücksmomente und werden kontinuierlich weniger, bis sie sich schließlich vollständig auflösen. Der Songtexte „ZEITSPIEL“ von Jennifer Rostock beschreibt diese Thematik wie folgt:

„… durch die Straßen jeder glüht, weil er seines Glückes Schmied ist.
Macheten in der Hand wir betreten neues Land wir erkunden in Sekunden den Planeten bis zum Rand.
Mithalten, schritthalten, Geist und Körper fit halten immer deine Waage und den Spritpreis im Blick halten. Schöne Autos, schöne Frauen, schönes Land, mal dir ein schönes Leben und fall nicht über den Rand. Sag mir was bleibt, was davon bist du? Und was bist du schon Leid?*“

Hier erkennt man deutlich, dass dieses lustvolle Leben noch immer ein großer Punkt auf der Suche nach der Glückseligkeit ist - jedoch von Beginn an zum Scheitern verurteilt ist. Der Überkonsum von Lust und lustvollen Dingen, führt zur Abstumpfung aller Sinne sowohl körperlich als auch geistig und bremst somit eher den Weg zu einer angestrebten Vollkommenheit. 
Der durchdringende Egoismus unserer Zeit und der Druck sich selbst und sein Glück vor den Augen aller finden zu müssen, kann schnell dafür Sorgen, dass man in ein Loch fällt aus dem man selbst nicht mehr heraus kommt. Glücklich sein um jeden Preis, wird oft versucht und gelangt doch nie zum Ziel. 

Das bürgerliche Leben ist nach dem Philosophen die zweite Lebensform und gleichzeitig die, die am weitesten verbreitet ist. Familie, Staat und Politik stehen hier in Verbindung. Der Mensch als soziales Wesen, dass sich in die Gesellschaft durch Sprache und Vernunft eingliedert und ein Teil davon wird. Ein Moralkodex der von der Gesellschaft vorgeschlagen wird, wird übernommen und weiter gegeben. Nicht mehr der Egoismus steht im Mittelpunkt, sondern die Gruppe der Menschen um einen herum, wie die Familie oder weiter greifend auch der Staat. 
Der Mensch ist im Besitz seiner reflektierenden Vernunft, er weiß was sein Handeln auslöst und welche Konsequenzen sich ziehen lassen. Sein Verantwortungsgefühl ist ausgeprägter und arbeitet aktiv. 
Auch dies kann man gut in die heutige Zeit übertragen, zumindest oberflächlich gesehen. Menschen sind Rudeltiere, die auf das Wohl der Gesamtheit angewiesen sind. Das Streben nach dem eigenen kleinen Glück ist noch immer vorhanden, doch das höhere Wohl spielt eine größere Rolle. 
In Anbetracht der Zeit in der Aristoteles lebte, kann man ihm keinen Vorwurf machen. Inzwischen ist die Welt zu komplex um ein bürgerliches Leben zu führen und dabei alle Konsequenzen ausführlich in Betracht zu ziehen um keinen Schaden an Staat, Gesellschaft und Umwelt vorzunehmen. Einfache Bürger sind längst Konsumenten gewichen, die zwar noch immer in einer Wechselwirkung mit dem System stehen, jedoch längst von diesem beherrscht werden - ohne die Chance ihre Entscheidungen vollkommen frei davon zu treffen. Man kann demonstrieren und boykottieren, doch auch das bringt wenig bis keine Veränderung zum Wohle aller mit. Die Zeit der großen Revolutionen scheint vorbei zu sein. Der Wunsch nach „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ der bereits in der Französischen Revolution aufkam, hat sich bis heute nicht vollständig erfüllt und wird  schlicht verdrängt.
Die Glücksmomente sind geprägt von Konsum und Vergütung, die Glückseligkeit wird mit Reichtum und Macht gleichgestellt und hat wenig mit den romantischen Ansichten eines längst verstorbenen Philosophen zu tun. 

Die dritte Lebensform, das Philosophieren ist laut Aristoteles die höchste Tugend und das, was der Glückseligkeit am nächsten kommt. Die spekulative Vernunft und das Vermögen mit dieser Schlüsse zu ziehen, dem Endziel so eine Bedeutung zu verleihen. Ein Knackpunkt in seiner Theorie, denn damals wie heute hat nur eine Handvoll von Menschen die Chance dies zu erreichen. Zwar ist die Bildung, die für dieses Ziel ausschlaggebend ist, nun mehr Menschen zugänglich, doch hat sich das Interesse daran weitgehend verloren. 
Ein weiterer entschiedener Punkt ist der schlichte Fakt, dass die Zeit der Philosophen vorbei ist. Das sich drehen im Kreis von Theorien ist nicht dass, was uns als Menschheit voran treibt. Es bietet eine Hilfestellung, doch das Handeln sollte an erster Stelle stehen. 

Der Eudämonismus, also die Ethik welche die Glückseligkeit zum höchsten Menschlichen Gut und zum Ziel allen menschlichen Lebens erklärte ist im Zeitalter des Konsums und der Leistungsgesellschaft nicht mehr von großer Bedeutung. Statt einem großen Endziel, ist den Menschen das kleine Glück wichtiger geworden. Einzelne Momente haben das entscheidende Ganze abgelöst. Statt Freiheit, fordert man Sicherheit. Ein Haus umringt vom Zaun der gesellschaftlichen Normen, die ein Abweichen nur bedingt zulassen. 
Die Gesellschaft schiebt das Glück in den Konsum der Medien, den erfundenen und realitätsfernen Geschichten die ablenkend und gehirnwaschend den braven Bürger daran hindern, selbst nach der Glückseligkeit zu suchen. Sie wird vorgespielt und gegauckelt, damit die Leistung nicht in Gefahr gerät. 
Ähnlich sieht es auch der Philosoph Byung-Chul Han, der unsere Gesellschaft entschlüsselte und glaubte das wir uns in einer Spirale befinden, die nur noch aus Druck, Tempo, Ausstellung und Ermüdung besteht. 
Wenn Glück nur noch durch Konsum befördert wird, Konsum nur noch von Leistung getragen werden kann und die Likes in sozialen Medien über dem Wert von Inhalten und Gedanken stehen, dann ist die Depression der Menschheit vorprogramiert. 
Die Vollkommenheit und die tiefgreifende Zielrichtung sind verloren gegangen, sie haben schlicht keinen Platz mehr. Die großen Bedeutungen sind fort gespült worden von der Überschwemmung der Globalisierung und dem Konsumwahn. 
Nun könnte man meinen, man kann es einfach lassen. Die Glückseligkeit als ausgeträumten Traum sehen und ihn verabschieden, mit dem letzten bisschen Würde, dass der Menschheit zwischen all ihrem Leid und den selbst auferlegten Zwängen noch bleibt. 

Doch es gibt Hoffnung.
Einzeln gestreut und selten, doch vorhanden. Das Streben nach Glück ist noch nicht gestorben, nur im Hintergrund. Wie leise Musik die nur in stillen Momenten an die Ohren der Menschen dringt. Keine neue Handtasche oder das neuste iPhone, sondern das Glück anderen zu helfen. Aufzustehen, gegen all das Unrecht dass in dieser angeblich so gesitteten Zeit noch existiert. Den Kampf gegen die Konsumgiganten zu kämpfen, auch wenn die Chance auf einen Sieg so gut wie unmöglich sind. 
Es gibt sie diese Kämpfer, diese Menschen die daran glauben, dass unser aller Glückseligkeit noch immer eine Chance hat. Das wir leben können und sterben, zusammen gänzlich ohne Hass und blutverschmierten Konsumwahn. 
„Ganz gleich in welchem Abteil du reist, wir sind alle gleich wenn der Zug entgleist*“, heißt es in dem Lied „DER BLINDE PASSAGIER“ und zeigt deutlich, dass wir noch immer alle gemeinsam in der Verantwortung für diese Welt und unser Miteinander stehen - und im Zweifelsfall auch gemeinsam untergehen. 

Für mich ist die Glückseligkeit ein Traum, eine Ideologie. Der Wunsch nicht einzuknicken, nicht den leichten Weg zu gehen und mehr Momente des Glücks dafür zu ergaunern, dass andere sie verlieren. 
Nicht das große Endziel vor Augen, sondern den Wunsch, dass die Menschheit aus den Fehlern lernt die sie begangen hat und noch begeht. Die kleinen Schritte, die man in einem Leben nur gehen kann einfach zu gehen und dabei so wenig Schaden wie möglich anzurichten, damit man am Ende zurückblicken und sagen kann: Ich habe es versucht. 

Vielleicht bin ich gescheitert, doch mein Wille war da. Und mit mir gibt es noch mehr Menschen, die darauf hoffen am Ende doch die ideale Welt für alle zu erschaffen. Nicht heute, nicht morgen und nicht im nächsten Jahrhundert. Vielleicht brennt sich die Menschheit erneut selbst nieder doch, eventuell muss das nicht das schlimmste Szenario sein. Vielleicht braucht die Welt einen Neuanfang, der nicht verstaubt ist, ohne Instagram Filter auskommt und dabei wieder ein großes Endziel vor Augen hat. 


*alle Songtexte wurden von Johannes „Joe“ Walter für die Band „Jennifer Rostock“ geschrieben. 

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