Mittwoch, 19. Oktober 2016

Justine privat - Im schwarzen Loch


Mein Wecker klingelt. 
Es gibt Tage, da ist alles gut. Ich stehe auf, bin wie alle anderen Mädchen in meinem Alter und bewältige die täglichen Aufgaben des Lebens, mit einem Lächeln auf den Lippen und frechen Sprüchen. Doch heute ist nicht so ein Tag. 
Sobald ich die Beine aus dem Bett geschwungen habe, stürzte ich hinein. Mitten in das schwarze Loch. 
Manchmal gelingt es mir, den Sturz zu ignorieren. Ich mache einfach weiter, ohne Lächeln aber dennoch anwesend. Heute klappt auch das nicht. 
Im Badezimmer wage ich es nicht mein Spiegelbild anzusehen, nicht einmal meine Kriegsbemalung kann verdecken, das heute kein guter Tag ist. Viele halten mich für selbstbewusst, arrogant und einige sogar für stark - oft trifft das auch zu. Doch an Tagen wie diesen, bin ich nicht mehr als eine leere Hülle, die wie ein Zombie durch ihr Leben schlurft. 
Ich stecke fest, im modrigen Sumpf der stumpfen Empfindungen. Engel und Teufel haben auf meiner Schulter platz genommen und fechten den ewigen Krieg zwischen gut und Böse aus, während ich teilnahmslos neben stehe. 
Du musst einfach weiter machen.
Nein, vergrab dich im Loch und lass es mit schlechten Wodka volllaufen.
Ich bin nicht in der Lage einem von beiden zu antworten, sondern blicke auf meine To-Do-Liste des Tages. So viele Dinge, so viele Pflichten und sie drücken mich tiefer in das unbarmherzige Schwarz hinein. 

Würde man mich jetzt, während schon das Zähneputzen für mich ein Kraftakt ist, fragen was ich mir wünsche, wäre die Antwort ebenso kalt, wie düster: Nicht existieren. 
Es ist nicht der Wunsch nach dem Tod, der mich in meinen dunkelsten Momenten begleitet, wenn das schwarze Loch jedes Licht aus meinem Leben gesaugt hat - es ist der Wunsch, niemals geboren zu sein. 
Ich kämpfe mich weiter. Setze Kaffee auf, der nach nichts schmeckt und verschmiere Lippenstift, den ich nicht tragen will. Überwinde mich einkaufen zu gehen, um mich später dazu zu zwingen etwas zu essen. 
Morgen ist ein neuer Tag, sagt der Engel. 
Morgen kommt ein neues Loch, kichert der Teufel, 
Ich kann den Gedanken an beides nicht ertragen. Das Loch ist zu groß um es zu ignorieren und die Last auf meinen Schultern zwingt mich in die Knie, ehe ich dazu imstande bin es abzuwenden. 
Du hast es zu lange ignoriert, wispert der Teufel, jetzt wird es dich verschlingen und erst wieder hinaus lassen, bis du nichts mehr bist. 
Ich sacke auf dem Küchenboden zusammen. Nicht weinend, nicht klagend und nicht mit einem Messer bewaffnet um mir etwas anzutun.  Ich sinke einfach nur neben meinen Einkäufen auf den Boden und starre auf den dreckigen Boden meiner Küche. 
Nichts bekommst du auf die Reihe, flötet der Teufel weiter, als ob es ihm Freude macht mich tiefer in das Loch zu stoßen. Nicht einmal deine Küche bekommst du in Ordnung, wie willst du da dein Leben meistern?
Ich habe keine Antwort für ihn und auch nicht für mich. Mein Körper ist wie betäubt. Ich kann nichts anderes mehr fühlen, als den Sog des schwarzen Lochs. 
Du machst das alles wunderbar. Alles ist gut, jeder hat mal einen schlechten Tag, relativiert der Engel. Gönn dir etwas Ruhe, bis du weiter machst!
Ich kann hören wie sie weiter streiten, doch ich kann nichts dazu sagen. Nur mit Mühe und Not schaffe ich es, überhaupt wieder aufzustehen und nicht auf dem Boden zu bleiben, bis ein neuer Tag anbricht. Doch jedes Aufstehen ist umsonst, ich falle weiter ins Loch, während ich auf dem Sofa liege und in die flimmernden Bilder meinen Laptops blicke, ohne etwas zu sehen. 

Eingerollt wie ein kleines Kind liege ich da, versuche zu weinen doch keine Träne will aus meinen Augen kommen. Ich würde gerne etwas fühlen, doch es nichts mehr da. Jede Regung ist im Loch und wird dort bleiben, bis sie in einem gewaltigen Schwall über mich hinein brechen und mich abermals in die Knie sinken. Mit geschlossenen Augen und liege ich da, während Pflicht und Versuchung noch immer kämpfen. Doch heute wird keiner von beiden gewinnen, heute bin ich im Nichts gefangen. Eine lebende Tote. 

Kommentare:

  1. Solche Tage gibt es bei mir zum Glück nur sehr sehr selten noch, wünsche dir immer genügend Kraft um aus den dunklen Löchern in die man fällt wieder heraus zu finden.

    AntwortenLöschen
  2. "Niemals geboren worden zu sein, ist vielleicht der größte Segen von allen."

    Sophokles


    AntwortenLöschen
  3. Und jeder taucht für sich allein ....

    AntwortenLöschen