Mittwoch, 23. November 2016

Justine privat - Bahnbekanntschaften

Bild von: http://indubioproreo-anon.blogspot.de/
Es ist Montag, ich bin wie immer zu spät dran und hetzte gerade noch rechtzeitig in die S-Bahn. Meine Raucherlunge pfeift aus allen Löchern und ich brauche einen Moment um mich wieder in den Griff zu bekommen, dabei realisiere ich zu spät, dass die Bahn losfährt und ich schwungvoll, halb auf jemanden direkt neben mir lande. 
Eingeklemmt zwischen dem mir fremden Mann, seinem Rad und einer weiteren Person, der ich leider Kaffee auf die teuer aussehende Jacke geschüttet habe, wage ich einen entschuldigenden Blick nach oben. Er grinst mich belustigt an und leckt sich leicht über die Lippen. 
„Sorry?“
„Schon okay, ist ne Weile her das ich so von einer Frau berührt wurde“, meint er grinsend und ich werde augenblicklich rot. Bis eben war mir gar nicht klar, dass ich mich an ihm festgehalten hatte. Unwillkürlich weiche ich zurück und entschuldige mich noch einmal, auch bei seinem Rad. 
Er lacht noch immer, besonders nachdem ich mich bei der Person mit dem Kaffeefleck auch noch einmal entschuldigt habe nur um mich dann darüber zu beschweren, dass sie ruhig etwas netter sein könnte. Dabei fährt die Bahn wieder an, ich fluche und stoße abermals gegen ihn, dieses Mal hält er mich jedoch automatisch fest, damit ich ihn nicht schon wieder unsittlich berühre. 
„Langsam wird es wohl zur Gewohnheit, was?“
Ich versuche meine nicht vorhandene Haltung zu bewahren und sage sarkastisch: „Das nennt sich dann wohl Anziehungskraft.“
Er grinst weiter und steckt sein Buch weg, während er mich mustert. Wahrscheinlich sind wir die einzigen beiden Personen in der Bahn die noch richtige Bücher dabei haben. „Zum Glück hast du nur Unbeteiligte mit deinem Kaffee beschüttet und keine wehrlosen Bücher!“
„Ja, das hätte ich mir nie verziehen“, stimme ich zu und gebe mir eine Minute um ihn mir näher anzusehen. Groß, Blond, Dreitagebart und aus mir unerfindlichen Gründen stecke ich ihn sofort in die Studenten Schublade. Vielleicht ist sein rostiges Rad daran Schuld oder die Tatsache das er lesen kann. Trotzdem ist er niedlich. Die grünen Augen mich aufmerksam, als würde er in diesem Moment das gleiche denken. 
„Liest du nur blutige Thriller?“, will er wissen und deutet auf das Buch in meiner Hand. 
„Nein, ich steh auch auf Horror“, meine ich ironisch und verdrehe etwas die Augen. „Wenn man´s genau nimmt, lese ich eigentlich alles was ich in die Finger bekomme.“
„Das Problem kenne ich.“
„Du gehörst also auch zu den anonymen Lesesüchtigen?“
„Wenn ich dir das verrate sind wir nicht mehr anonym.“
„Die erste Regel des Fight Clubs …“
„… sprech nie über den Fight Club“, ergänzt er und lacht. Ich spüre seinen Blick auf mir und kann nicht aufhören dümmlich vor mich hin zu grinsen. Zum Glück nähert sich meine Haltestelle, diese Situation ist auf einen Montag eindeutig zu viel für mich. Ich nippe an meinem halbierten Kaffee und weiche seinem Blick aus. 
„Also eigentlich …“, meint er und scheint kurz zu zögern. „Müsstest du mich als Entschuldigung für deine sexuelle Belästigung auf einen Kaffee einladen.“ 
Nun werde ich endgültig rot. Oder doch schon wieder?
„Wäre ich Single würde ich das wahrscheinlich sogar tun“, meine ich ehrlich. Er verzieht das Gesicht etwas, nickt aber wissend. 
„Die bösen Mädchen sind immer vergeben.“
Ich würde gerne empört meinen Mund aufreißen und ihn tadeln, doch die Bahn hält.
„Tut mir wirklich leid.“
„Tut es nicht“, sagt er und zwinkert. „Ich hoffe einfach das du mich nächsten Montag auch wieder umrempelst …“
Ich winke zum Abschied und grinse etwas in mich hinein. Manchmal ist es gar nicht so ätzend mit der Bahn zu fahren. 



Kommentare:

  1. könnte aus nem Film stammen :D

    gruß vons schaf

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    1. Ich bin gespannt ob ich ihn mal wieder sehe - oder umrempel.

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  2. Wunderschön geschriebener Text. Ich hab den Typen ja schon ein bisschen lieb gewonnen, hoffentlich findet er noch seine Rory Gilmore!

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    1. Stimmt! Jetzt wo du es sagst könnte ich mir so ein Mädchen wirklich gut für ihn vorstellen - so vom ersten Eindruck her.

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  3. Du lernst ja lustige und amüsante Menschen kennen :D

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    1. Nicht immer - aber wenn dann freut es mich umso mehr.

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  4. Oje was für ein Tag. Aber sehr amüsant zu lesen. Gern mehr davon

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    1. Danke, unter dem Label "Justine privat" findest du viele solcher Geschichten aus meinem Leben.

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  5. Oh nein, was eine süße Geschichte, und wie schade, dass du einen Freund hast. Das wäre so eine tolle Geschichte geworden, die du deinen Enkeln noch erzählen könntest... :D

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    1. Lach :D Ach naja, die Geschichte von meinem Freund und mir ist auch sehr niedlich ;)

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  6. haha so ein toller post, du lernst wirklich amüsante menschen kennen
    und btw. ich liebe die blauen haare.
    überlege auch, meine haare blau zu färben :D

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  7. Danke dir - ich liebe bunte Haare auch einfach und kann nur empfehlen es einfach zu wagen :)

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  8. So ist Reisen spannend. Reisebekanntschaften, z.T. stundenlange Gespräche, die in der Befürchtung, sie am nächsten Bahnhof beenden zu müssen geführt werden, aber von genau dieser Unverbindlichkeit leben, sind immer wieder toll. Wenn die meisten Bahn-Gespräche nicht über ein paar gehässige Bemerkungen über die Qualität des Transportunternehmens hinausgehen, bleiben andere Begegnungen lange im Gedächtnis. Letztens eine Konstellation im Fernzug: Krankenschwester und Rettungsdienstlerin aus Berlin, zwei Informatikstudenten, ich , mir gegenüber eine Auszubildende aus Berlin, die wie ich versuchte ein Buch zu lesen, bis laute Gespräche dies verhinderten und ebenfalls begeisterte Wassersportlerin ist, und dann ein alter Mann, bei dem ich mich immer noch schäme, ihn für die Belästigung der zuvor genannten nicht zur Ordnung gerufen zu haben - was ich bei einem Jugendlichen garantiert getan hätte - der eine Riesenwut auf Computer hatte, was uns NaWi-Studenten heimlichen Spaß bereitete: Berlin hbf steig ich nicht aus, das wurde von Computern gebaut, dass kann nicht halten."


    LG und weiter spannende Begegnungen im zug!
    Jakob

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    1. Danke - ich hoffe ich lerne noch mehr so interessante Persönlichkeiten kennen.

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  9. Sehr gut beschrieben. :)
    Ein Supereintrag! :):):)

    Liebe Grüße, Tamaro

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  10. Das hat ja ganz schön geknistert :D Das tut mir ja ein bisschen Leid für ihn, dass du schon vergeben bist. ^_^

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    1. Lach - ich habe das Gefühl so etwas passiert einem grundsätzlich nur dann wenn man bereits vergeben ist.

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  11. oh wie süß ist das denn bitte?????

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