Freitag, 4. November 2016

Und das Schwein sagt: "Ich denke, also bin ich!"



Ich verdrehe genervt die Augen. 
Heute ist wieder so ein Tag: Du bist vegan, geh in die Ecke heulen! 
Kaum hatte ich die Augen geöffnet ging die Diskussion gefühlt auch schon an zwei Fronten los. 
Auf der einen Seite die Fraktion: Tiere haben kein Bewusstsein, darum ist es nicht so tragisch das sie leiden. 
Puh, mal davon abgesehen, dass wir genau das so nicht wissen können, streiten sich auch Wissenschaftler noch immer gerne über diese eher philosophische Frage. 
Zugegeben Tiere kommunizieren nicht auf die gleiche Art wie wir, sie können dem Bauern nicht verklagen, wenn er ihnen die Kinder wegnimmt und sich auch nicht beschweren, wenn sie befruchtet werden. Trotzdem können sie uns zeigen was sie mögen: Liebe zum Beispiel. Streicheln, Kraueln, Essen, Spielen - alle diese Dinge tun Tiere und schaffen es auch Verknüpfungen zu schaffen. Ihnen ein Bewusstsein ganz abzusprechen ist also falsch. Sie auf das Level eines Menschen zu setzten auch. 
Wissenschaftler lieben auch den „Spiegeltest“ einige Arten von Tieren haben ihn bereits bestanden, Affen sind das liebste Beispiel. Mit Elektronen im Schädel wurden sie vor einen Spiegel gesetzt: Und siehe da, sie betrachteten sich selbst und die Wunden die ihnen zugefügt haben. Vor kurzen berichtete auch die Welt darüber, dass Hunde und Schweine ein Ich-Bewusstsein haben. Ist die Antwort auf diese Frage also: Nicht alle Tiere, aber einige? Und wäre der Umkehrschluss dann folglich, alle die keines haben dürfen weiter leiden? 
Das würde den Speiseplan der meisten dennoch ziemlich durcheinander bringen, darum folgt an diesem Punkt meist schlicht der Satz: Es ist nicht vergleichbar mit dem Menschen. 
Radikalere Veganer werfen an dieser Stelle dann gerne ein, dass auch nicht alle Menschen ein Bewusstsein in dieser Form haben. Von Babys einmal abgesehen auch Behinderte Menschen nicht. Wäre es also richtig, diese einem derartigen Gewaltpensum auszusetzen? 
Ähnliche Argumente gibt es übrigens auch in Sachen Abtreibung: Solange der Fötus noch kein Bewusstsein hat, gilt es gesetzlich als okay ihn zu töten. Da er seine Bedürfnisse nicht äußern kann, eine Frau aber schon, gewinnt sie. 
Nun kann ein Baby genau dies allerdings auch nicht - womit man sich wieder im Kreis dreht. Die Frage des Bewusstseins wird in der heutigen Zeit gerne als hochwissenschaftlich hingestellt, hat sich aber in Wirklichkeit seit der Antike nicht all zu viel gewandelt: „Ich denke also bin ich“, sagte Sokrates und stufte damit nicht ab, wie komplex der Gedankengang sein muss, um Anerkennung zu finden.  
Fakt ist, dass wir Bewusstsein nicht mit Sicherheit messen können, denn es ist schlicht mehr als ein paar Elektronen in unseren Hirnen. Was man jedoch messen kann ist die Leidensfähigkeit. Hier haben Forscher sogar herausgefunden, dass Hummer und Krebse die ja gerne als „nicht fähig“ betrachtet werden, durchaus Schmerzen und Stress empfinden können. Ist also okay, andere Lebewesen leiden zu lassen, weil wir nicht wissen ob sie sich dieses Leidens bewusst sind?
Auf der anderen Seite, darf ich gerade wieder hören: Ich bin ja gegen Massentierhaltung, aber Fleisch braucht der Mensch nun mal. 
Auch das ist so nicht richtig, der Mensch braucht Nahrung. Fleisch ist ein schneller Lieferant und ohne war es zu Zeiten der Jäger und Sammler durchaus schwer. Die Pyramiden hätten sich auch nicht ohne Sklaven erbauen lassen. Trotzdem stellt sich niemand mehr hin und verlangt Sklaven (von Großkonzernen einmal abgesehen). 
Ich würde mich selbst nicht als sehr radikal bezeichnen, was mein Veganer-Leben angeht. Die meisten meiner Freunde und Bekannten essen Fleisch, damit komme ich klar solange ich es nicht in meinem Kühlschrank lagern muss. Niemals würde ich abstreiten, dass es schmeckt. Das tut es und es befriedigt eine animalische Seite des Gehirns, das ist einfach so. Aber etwas anderes Überwiegt in mir eben: Das Bewusstsein das ich nicht mitschuldig sein kann und will. 
Natürlich klingt das hart, aber eigentlich ist es ganz simpel. Wie jeder andere Mensch auch, wiegen Veganer eben Nutzen und Wirkung ab: 

Bratwurst essen = satt, fettig, Tier ist dafür gestorben, ungesund -> kein Nutzen 

Pommes essen = satt, fettig, ungesund -> Kartoffeln sind dafür gestorben, mehr Nutzen

Eine einfache und logische Rechnung. Also wo ist das Problem? 
Ich will nicht wissen wieviel Zeit meines kostbaren Lebens ich schon verschwendet habe mich zu rechtfertigen - und die wenigsten Diskussionen gingen dabei von mir aus. Im Gegenteil, meist drücke ich mich sogar davor, denn ich weiß zu 95% der Fälle wo wir damit landen: 

Ihr Veganer betrachtet mir das alles zu emotional. 


Damit wären wir wieder an einem Punkt an dieser Welt, den ich nicht mag: Mitleid wird als etwas schlechtes gewertet, dabei wird doch so gerne behauptet der Mensch sei dank seiner Moral überlegen. Aber beim Thema Schnitzel hat dies offenbar keine Wirkung. 

Kommentare:

  1. Hi Justine :)
    "Ich denke, also bin ich" ist so weit ich weiß ein Zitat von Decartes (und der Zusammenhang mit Sokrates eher ein Gerücht), das vor allem besagen soll, dass das "Ich" existiert, auch wenn die Existenz der Welt und die körperliche Existenz des Ichs anzweifelbar sind (ganz grob).

    back on topic: gute Ausführungen. Ich selbst esse zwar Fleisch, muss dir aber zustimmen dass so manche Argumentation, die Fleischessern das Gewissen erleichtern soll fragwürdig ist. Ich habe auch erst vor kurzem gelesen, dass Delfine wohl so intelligent sein sollen wie wir Menschen. Wir verstehen aber nicht wirklich was das bedeutet.

    Liebe Grüße,
    Tina

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    1. Hallo Tina - und dickes Danke für die Berichtigung. Das war mir so gar nicht klar. Ich erinnere mich, dass in unserem alten Philo Raum ein Bild von Sokrates hing, unter dem dieser Satz stand. Spannend :D Wieder etwas gelernt!
      Und natürlich danke für deine Meinung!

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