Mittwoch, 28. Dezember 2016

Meckermittwoch: Der Mindestlohn - Wieviel ist eine Stunde Deines Lebens wert?




Arbeit ist das halbe Leben - dass ist keine einfache Phrase oder neunmalkluger FB-Post zum teilen, sondern ein schlichter Fakt. Während meines kleinen Arbeitsmarathons während der Feiertage, wurde mir genau das wieder einmal schmerzlich bewusst. Ich bin ein echtes Arbeitstier, ohne einen Job (oder Nebenjob) halte ich es nicht lange aus. Produktiv zu sein gehört zu meinem Leben, still sitzen ist mir zu langweilig. Dennoch, mehr als einmal in meinem Leben saß ich vor einem staubigen PC, trank meinen Kaffee und fragte mich selbst: Ist es das wert?
Die vielen Stunden meines Lebens, die ich mit einem Job verbringe und verbracht habe, den ich wenig bis gar nicht mag, bekomme ich nicht wieder. Es gibt keine Payback Punkte, die ich irgendwann einlösen kann. Die Zeit ist weg. Verschwunden. Ausgelöscht. Klingt ziemlich deprimierend und genau das, ist es auch. 

Der Mindestlohn wird auf 8,84 Euro angehoben. 

Immer wieder verfolge ich die Diskussion über den Mindestlohn. Ich hatte schon immer Nebenjobs, schon vor der Mindestlohngrenze. Teilweise habe ich für gerade einmal 4,50 Euro gearbeitet. Soviel war mir damals also meine Zeit wert. Dafür bekommt man heute nicht einmal mehr einen großen Eisbecher mit veganer Sahne.
Inzwischen soll der Mindestlohn in Deutschland auf 8,84 Euro angehoben werden, ein kleiner Fortschritt und dennoch ein lächerlicher Preis für meine Arbeitskraft und die Lebenszeit, die ich dabei verkaufe. Würde jemand zu mir kommen, und mich fragen ob ich einen Tag meines restlichen Lebens für 212,16 Euro verkaufen käme mir der Preis ziemlich gering vor. Wer kann schon sagen, ob ich nicht vielleicht den vorletzten Tag so eben für einen Spottpreis verschachert habe? 

Kein Weg aus der Mindestlohnfalle.


Viele, viele, zu viele Jahre meines Lebens habe ich mich mit dem mindesten an Einkommen zufriedengegeben. Gerade bei Nebenjobs ist es schwer einen Arbeitgeber zu finden, der bereit ist mehr zu zahlen. Es gibt zahlreiche andere Menschen, die bereit sind für weniger zu arbeiten, nur damit sie überhaupt etwas mehr Geld in den bodenlosen Taschen haben. 
Darum ist es unter Schülern und Studenten so beliebt zu kellnern, der Mindestlohn wird zumindest durch das Trinkgeld etwas angehoben. An einem guten Tag kann man sich so 10 bis 40 Euro die Stunde dazu verdienen, je nachdem wo und wie man arbeitet. Doch auch Trinkgeld ist hinterhältig: Man kann sich nie darauf verlassen, ähnlich wie auf Provision.
Mal bleiben die Kunden aus von denen man abhängig sind, mal sind es Arschlöcher, denen man nicht in den Hintern kriechen will. Vielleicht hat man auch mal einen schlechten Tag oder schlicht das Pech, dass die Kundschaft genauso pleite ist wie man selbst. 


In unserer Welt dreht sich alles um Geld! 

Die bunten Scheine sind ein notwendiges Übel in unserer Gesellschaft, wenn man nicht nur existieren, sondern auch mal leben will. Bedenkt man, dass man in der Pizzeria um die Ecke für Essen und Getränke locker 10 -15 Euro zahlt, also fast zwei Stunden dafür arbeiten muss, wird einem schon komisch.
Menschenwürdige Arbeit soll dafür sorgen, von der eigenen Hände Arbeit leben zu können. Für viel mehr reicht der Mindestlohn ohne Überstunden und Aufstockungen auch nicht aus: Überleben. Dabei gibt es natürlich immer noch Branchen, die vom Mindestlohn ausgenommen sind. Von schwarzer Arbeit, die teilweise noch immer für unter 5 Euro die Stunde praktiziert wird, mal ganz zu schweigen. Jeder tut das, was er tun muss, um zu Überleben. Ich selbst bin da keine Ausnahme, ich arbeite, weil das Schüler-BAföG nicht ausreicht um die Wohnung, das Auto, den Biomarkt und die Zahnarztbesuche zu zahlen. Natürlich kann ich Abstriche machen, doch wenn ich beginne an meiner Gesundheit zu sparen verkürzt sich meine Zeit noch mehr.

Wir sind alle Huren und es macht uns nicht mal Spaß... 

Wir alle verkaufen uns. Verkaufen Zeit unsere Lebens, unsere Arbeitskraft, je nach Job sogar unsere Moral, Prinzipien oder Persönlichkeit. Wir passen uns an. Versuchen uns über Wasser zu halten, betteln um Gehaltserhöhungen und kriechen unseren Chefs so tief in den Arsch, dass wir auch gleich noch die Darmkrebsvorsorge machen könnten - und dass alles für Jobs, die wir nicht einmal mögen. Dass alles für Zahlen die nur auf unserem Bankkonto real werden. 
Ich habe noch nie verstanden, wie Menschen sich über Prostitution aufregen können: Wir sind alle Prostituierte. Nur dass es bei den modernen Huren weniges ehrlich zu geht: Du zahlst, bekommst dafür Sex und hast die Gewissheit, dass Dir jemand nur dass vorgespielt hat, was Du hören wolltest.
In einem Büro läuft die Sache anders, auch hier sind alle auf den Knien, rutschen herum und zeigen ihre Vorzüge - doch sie verkaufen sich nicht nur weit unter wert, sondern geben nicht einmal öffentlich zu, dass sie dafür extra einen Schauspielkurs besucht haben. 
Für den Preis von 8,84 Euro, wurde wohl keine gestandenen Professionelle auch nur den BH öffnen, wir aber setzten uns bereitwillig breitbeinig ins Büro und verkaufen unsere Würde. 
Ich für meinen Teil habe das Ganze ziemlich satt. Wenn ich mich schon verkaufen muss, dann wenigstens für etwas das sich lohnt und vielleicht noch Spaß macht.
Ich bin nicht faul, nicht dumm und nicht bereit mich Prinzipien zu unterwerfen, die ich nicht teile. Das hat mir schon oft ziemlich in den Arsch gefickt, um es hart auszudrücken. Ich bin Dauerpleite, rutsche von einem Job zum nächsten und hasse sie alle - und mich noch mehr dafür. Dennoch komme ich so ganz nicht davon los, denn ich liebe auch meine Wohnung, meinen Hund und vegan Sahne. Das alles muss davon finanziert werden, dass ich anderen in den Arsch krieche, Arbeit mache, die ich hasse und davon träume, es irgendwann aus diesem Kreislauf heraus zu schaffen. Ob mir das gelingt, werden wir sehen.

Das Abi als Ausweg? 

Ich hole das Abitur nach, weil ich mir erhoffe, nach dem Studium einen Job zu machen, der mich nicht ganz so dazu bringt, mir eine Waffe an den Schädel halten zu wollen (metaphorisch gesprochen). Trotzdem ist es ein Kampf gegen Windmühlen. Das Künstlerdasein ist hart, jede Arbeit, die etwas mit sozialen Engagement zu tun hat, ist unterbezahlt und alles, was damit zu tun hat, ordentlich Geld zu scheffeln, bedeutet im Umkehrschluss jemanden auszubeuten. Auf die ein oder andere Art. Die Wahl ist also immer die gleiche: Die oder Ich. Wir oder die. Auf den Knien rutschen oder es hinnehmen. Zugegeben ziemlich düstere Gedanken, aber dennoch versehen mit etwas Glitzerstaub aus meinen Träumen.

Kommentare:

  1. Ich kann dich so verstehen .. ich verkaufte Grußkarten, Standartpreis 4-6 Euro An einer Karte, Unikat, sitze ich ca 30 - 90 Minuten ... das wäre ein Stundenlohn von 1,25 - 0,50 Euro ... ohne Abnutzung der Geräte oder Kauf von Stempeln ... aber wer kann sich mehr leisten, für eine Karte? Ich habe Glück es ist mein Hobby und ich mache das was ich möchte... leben kann niemand davon aber ich freue mich über jedes Lob und Anerkennung...

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    1. Eben! Gerade bei künstlerischen Berufen ist es ziemlich hart.
      Als Hobby noch tragbar, doch Vollzeit fast unmöglich :(

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  2. Ich verstehe deine "Unzufriedenheit" total gut, auch ich habe schon für weniger als den heutigen Mindestlohn gearbeitet. Allerdings muss ich sagen, dass ich finde, dass die Bezahlung auch immer von der Qualifikation und der Arbeit abhängt. Einfache, monotone Arbeit ist natürlich geringer bezahlt, als ein anspruchsvoller und verantwortungsbewusster Job. Trotzdem bin auch ich seit einiger Zeit an einem Punkt, an dem ich sage, dass ich nicht in einem Job arbeiten würde, der mich unter meiner Qualität bezahlt. Leistung sollte schließlich auch gewürdigt werden.
    Eins möchte ich allerdings anmerken: Wir beklagen uns auf hohem Niveau. Derzeit lebe ich in Malta und ich habe hier Leute getroffen, die hier weniger als 5€ die Stunde verdienen (ich kann mich nicht genau an den Mindestlohn erinnern, es muss so um die 4,50€ gewesen sein). Und um ehrlich zu sein, ich glaube, dass würde ich nicht machen - schließlich muss man auch von irgendetwas leben und das Leben hier auf Malta ist in meinen Augen in den meisten Bereichen des Lebens genauso teuer wie in Deutschland....

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    1. Das stimmt natürlich, alles kann man auch irgendwie abwägen - allerdings ist es schon heftig, in wie vielen Berufen Menschen mit einem abgeschlossenen Studium für den Mindestlohn schuften. Natürlich ist es schon nicht übel, wie man in DE davon leben kann, teilweise zumindest. Ich erinnere mich wie du, gut daran wie ich für 5 Euro die Stunde gearbeitet habe, da ist der Mindestlohn ein Fortschritt. Trotzdem müssen wir weiter daran arbeiten, und vielleicht auch mal Abstriche machen: Ist das Geld das wir verdienen wirklich wichtiger, als das was wir beim arbeiten empfinden? Das ist eine Frage die ich mir aktuell wirklich oft stelle ... Danke für deine Gedanken und Worte! Ich drücke dir fest die Daumen, dass dein Leben auf Malta genau so wird, wie du es dir wünscht!

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  3. Ich bin sehr zufrieden. Hab ne gute Einstellung zu meiner Arbeit, meinen Aufgaben. Hab kein Auto, weils ein teurer Luxus ist. Hab “nur“ einen Realschulabschluss. Ich hab 2 Katzen, aber auch nur weil ich sie mir locker leisten kann. Ich hab 1 Jahr im Leben für 6€ brutto gearbeitet mit dem Fazit das es 1000de Jobs gibt die besser bezahlt werden und mehr spaß machen... und das man immer wieder hinterfragen sollte wo man sein Geld lässt und ob man das ernsthaft für sein lebensglück braucht! Denn Geld oder Dinge und Glück haben nichts miteinander zu tun. Gruß Lisa

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    1. Natürlich bedeutet Geld nicht Glück, das wollte ich nun wirklich nicht sagen. Aber gerade wenn man nur den Mindestlohn bekommt, sollte der Job doch zumindest Spaß machen und einem nicht das Gefühl geben seine Zeit zu verschwenden. 8 Stunden am Tag etwas zu tun was man nicht mag und dafür auch noch wenig Geld zu erhalten sorgt in jedem Fall für weniger Glück.

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  4. Ich habe noch nie "ehrliches" Geld verdient. Während Ausbildung und Abitur habe ich Schüler-BaföG bekommen. Dort habe ich mich echt gefragt, wie die das berechnen, denn ich habe jedes Jahr über 1000Euro drauf gezahlt von meinem Erspartem, das meine Eltern für mich angelegt haben, als ich noch ein Baby war... Wäre dieses Sparbuch nicht gewesen, hätte ich einen Nebenjob annehmen müssen, denn meine Eltern haben nicht viel Geld (nur ein liebevoll in jahrelanger Arbeit aufgebautes sehr altes Haus - und das sind für das Amt keine laufenden Kosten wie eine Miete...).

    Das tragissche am Mindestlohn ist, dass viele Arbeitgeber es sich nicht plötzlich leisten konnten. Die Küchenkraft an meiner Schule hat deswegen in der Woche 6 Stunden gestrichen bekommen... ihr Einkommen lag also auf dem gleichen Level wie vorher...

    Ich hoffe, dass dich das Abi und Studium aus dem Mindestlohn-Bereich ziehen können :)
    Liebe Grüße > sara

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  5. Hallo Justine,
    als Bloggerin arbeite ich auch meistens unter dem Mindestlohn. Es macht mir aber meist Spass. Heute bin ich frustriert, da ich krank bin. Ich studiere derzeit und hoffe instaendig, spaeter mehr als Mindestlohn zu verdienen.
    Liebe Gruesse
    Nancy ☺

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    1. Das kenne ich zu gut! Als Blogger kann man selten mehr als einen Zuverdienst erwarten ... Ich drücke dir die Daumen, dass du irgendwann über dem Mindestlohn landest!

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  6. Schon krass, dass einige sich so verscherbeln ...

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