Donnerstag, 12. Januar 2017

Der Fall des Jürgen Bartsch - Haben Mörder eine freie Wahl?



Der Fall des „Kirmesmörder“ war einer der aufsehensergenendsten Kriminalfälle der deutschen Geschichte. 
Jürgen Bartsch war ein pädosexueller Serienmörder - das bedeutet er hatte eine Vorliebe für Kinder. Geboren wurde der Junge, als Karl-Heinz Sadrozinski 1946, als ein nichteheliches Kind,  in Essen. Seine Mutter verstarb kurz nach der Geburt. Er wurde von der Familie Bartsch aufgenommen und umgetauft. Dies könnte ein Indiz für einen späteren Identität Konflikt sein. Sein „neues“ Elternhaus war geprägt von Disziplin, Ordnung und hohen Erwartungshaltungen. Diesen enormen Druck spürte der junge Jürgen bereits im frühen Kindesalter überdeutlich. Fehlende Liebe und Zuneigung durch die Eltern, konnte durch die Großmutter und die wechselnden Dienstmädchen nicht kompensiert werden. Der ständige Wechsel, verhinderte das der Junge eine feste Bezugsperson hatte. 
Bartschs Adoptivmutter war eine neurotische Sauberkeitsfanatikerin - vielleicht einer der Gründe für seine späteren, psychischen Auffälligkeiten. Wenn er etwas dreckig machte oder mit anderen Kindern spielte, wusch die Mutter ihn eigenhändig in der Badewanne. Dies sogar bis zu einem Alter von 19 Jahren! Später sagte Bartsch: "Sie wollte lieber eine Puppe, als ein Kind!" (Zitat aus: „Das große Buch der Serienmörder“)

Auch hier sieht man deutlich, dass der Grundstein für sein späteres Handeln bereits gelegt wurde. Nachdem er einige Zeit in einem Kinderheim verbracht hatte, wurde er auf ein katholisches Internat geschickt. Hier erlebte er seine ersten homosexuellen Erfahrungen mit denen er schwer zu kämpfen hatte. Er empfand seine Sehnsüchte als abartig, die Vorstellung anders zu sein, machte ihm Angst. Dazu kam der strenge Vater, der keinerlei Ausprägungen von Homosexualität duldete. 
Jürgen Bartsch wurde nach einer Kindheit voller Kälte und Missbrauch zu einem sadistischen Soziopathen und lockt Kinder von Kirmesplätzen, um sie zu quälen, zu missbrauchen und zu ermorden. Um die Frage nach seiner moralischen Schuld stellen zu können, muss man sich auch mit den Taten als solches Auseinandersetzen.  Am 8. Mai 1966 sprach Bartsch den 11jährigen Manfred, unter dem Vorwand, an, einen Schatz zu suchen. Er lockte ihn in einen alten Luftschutzbunker und zwang ihn sich auszuziehen. Er nahm sexuelle Handlungen an seinem Opfer vor und erschlug ihn danach. Später nahm er ein Schlachtermesser und zerstückelt die Leiche in mehrere Teile. 
Dieses grausame Verbrechen zeigt zwei Dinge. Erstens war Bartsch vollkommen klar, dass er etwas tat das nicht richtig war. Darum wählte er einen Ort, an dem er möglichst ungestört war und fasste einen Plan zur Entsorgung der Leiche. Zweitens wird ebenfalls der Vorsatz deutlich, dass Kind nicht nur zu missbrauchen, sondern im gleichen Zuge zu töten um seine Handlungen zu verschleiern. 
Die Brutalität dieses Verbrechens zeigt deutlich was Bartsch in all den Jahren unterdrück hat. Angestaute Agressionen, unterentwickelte Fähigkeiten sich in das Leid anderer Menschen hineinzuversetzen und das methodische Anwenden seiner Schlachter Fähigkeiten beim zerstückeln der Leiche zeigen auf wie groß die psychische Störung bereits war.  Ähnlich wie bei vielen anderen Serientätern konnte auch er sich danach kaum beherrschen, sodass es rasch zur nächsten Tat am 18. Juni 1966 kam. Kriminalpolizist Stephan Harbort bezeichnet dieses Phänomen als einen brechenden Damm. Sobald die Grenze zum Mord überschritten wurde, gibt es kein Zurück mehr. Der Täter befindet sich in einer Spirale, aus der er zumeist erst wieder herauskommt, wenn er gefasst wird. 
Die Frage ob Serienmörder sich frei entschieden haben oder durch eine Kette von Umständen, dazu getrieben wurde beschäftigt immer noch eine Reihe von Psychologen und Philosophen. Es gibt keine Pauschale Antwort auf dieses Hochkomplexe Thema. 
Im Falle Bartsch hatte dieser nicht die Option, sich seine sexuelle Neigung auszusuchen. 
Ebenso wenig konnte er sich dem Einfluss seiner Eltern entziehen. Schon in frühen Kindesalter lernte er von seinem Vater, das fachgerechte Töten von Tieren. Er half sowohl bei dem Ausweiden, als auch beim Akt selbst. Seine frühe Faszination von Blut und dem Akt des Tötens, war eines der wenigen Dinge für die er von seinen Eltern Anerkennung erhielt. 
Die Grundsteinlegung seiner psychischen Erkrankung und seiner späteren Taten lag also außerhalb seiner Verantwortung. 
Dennoch war das Umsetzen der Tat sehr wohl in seinem Verantwortungsbereich. Den inneren Drang verspürte Bartsch schon lange, hatte aber nicht das Gefühl, dies jemanden mitteilen zu können. Die Folgen seiner Taten waren ihm bewusst. Ihm war klar, dass er den Kindern weh tat und ihr Leben beenden würde. Obwohl ihm dies bewusst war, kam es für ihn nicht in Frage, sich selbst einweisen zu lassen oder sich nach dem ersten Mord selbst zu stellen. Seine moralische Schuld, ist also weder in seinen Neigungen zu suchen, noch in seinem inneren Drang. Einzig die Ausführung der Morde und der Fakt das er sich nach diesen nicht selbst stellte, obwohl er wusste, dass er nicht aufhören konnte machen ihn schuldig. In dem alten Luftschutzbunker fand man die Überreste von vier Kinderleichen, unklar ist bis heute ob diese wirklich die einzigen Opfer waren und wieviele Versuche der Täter im Vorfeld durchgeführt hat. 
Als ethische Grundlage für verantwortliches Handeln stellen die meisten Philosophen wie auch Kant, die Vernunft in den Vordergrund. Bei psychischen Erkrankungen wie im Falle Bartsch kann dies so jedoch nicht greifen. Vom Landgericht Düsseldorf wurde das erste Urteil - lebenslänglich - gegen ihn in 10 Jahre Jugendstrafe umgewandelt. Auch das Gericht sah seine Schuldfähigkeit als begrenzt an. Nach dem Konzept der bedingten Willensfreiheit ist ein Wille dann frei, wenn man seinen Willen nach persönlichen Motiven bildet und tun kann, was man möchte. Der Wille selbst bildet sich aus den Wünschen hängt mit der Vorstellung , Persönlichkeit und von den Umwelteinflüssen ab, mit der denen man in Kontakt kommt. Natürlich wird der Mensch von allen Einflüssen um ihn herum geleitet, und auch seine Handlungen sind Folge vorangegangener Ereignisse. Jedoch obliegt es der Vernunft am Ende wirklich das zu tun, wozu man von seiner außen Welt möglicherweise getrieben wurde.  Thomas Hobbes definierte Willensfreiheit so, dass eine Person dann frei handelt, wenn sie eine Handlung will und auch anders handeln könnte, wenn sie anders handeln wollte. Dies trifft auf den Täter Bartsch teilweise zu. 
 Jürgen Bartsch war ein Opfer von verschiedenen Umständen, und sich seiner Andersartigkeit völlig bewusst. Darum beantragte er eine Kastration, in der Hoffnung so seinen verhassten Neigungen zu entkommen.  Er starb 1976 auf dem Operationstisch an den Folgen eines Narkosezwischenfalls.
Ein gesunder Mensch, der sowohl fähig ist sich seiner Vernunft zu bedienen, als auch sozial voll entwickelt ist, hat sehr wohl die Entscheidungsfreiheit. Problematisch wird diese Beurteilung wenn psychische Erkrankungen dazu kommen. Soziopathen die es schwerhaben Mitgefühl zu empfinden und die Folgen ihres Handelns nicht abwägen können, können wir diese nur bedingt zu sprechen. Sie haben sich nicht für ihre pathologische Psyche entschieden, sehr wohl aber ihren Gedanken auch Handlungen folgen zu lassen. Aus diesem Grund ist es umso wichtiger, dass es Hilfestellen gibt, die verhindern das Menschen wie Jürgen Bartsch zum Täter werden. So bietet das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ aktive Hilfe gerade für Menschen an, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen. 
Zu Zeiten von Bartsch gab es diese Möglichkeiten noch nicht. Vielleicht hätten sie das Leben der Kinder oder des Täters retten können.

Gelesene Literatur zum Thema:
Jürgen Bartsch: Selbstbildnis eines Kindermörders– 1. März 2003
von Paul Moor
Das Hannibal-Syndrom: Phänomen Serienmord Taschenbuch – 1. Februar 2003
von Stephan Harbort 
Die große Enzyklopädie der Serienmörder – 15. September 2009
Lexikon der Serienmörder. 450 Fallstudien einer pathologischen Tötungsart.– 1. März 2000 von Peter Murakami
Serienmörder: Die Faszination des Bösen – 1. April 2012 von Charlotte Greig 
Historische Serienmörder – 1. August 2007 von Michael Kirchschlager 

Der Kirmesmörder - Jürgen Bartsch: Biografischer Kriminalroman (Wahre Verbrechen im GMEINER-Verlag) – 3. August 2016 von Regina Schleheck 

Kommentare:

  1. Sehr sehr interessant. Vorallem dein "Urteil", wann ein Mensch eine freie Wahl hat und wann nicht ist unglaublich interessant geschrieben. Hobbes Meinung zu dem Thema kannte ich schon, aber das Konzept der bedingten Willensfreiheit war mir neu. Echt, super Artikel!

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    1. Oh lieben Dank! Ich war erst etwas unsicher, ob dieser Artikel zu meinem Blog passt - aber mit diesem Thema haben wir ja doch alle den ein oder anderen Berührungspunkt. Ich danke dir sehr für dein Kommentar!

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