Sonntag, 26. Februar 2017

Justine privat - #Hengstin on Tour



Ich ziehe den Lippenstift nach und betrachte mein Spiegelbild einen Moment. So richtig Lust habe ich heute eigentlich nicht auf ein Konzert. „Kein Bock, aber Gästeliste“ trifft meinen Gemütszustand recht gut. Aber wir müssen mal wieder raus aus der Wohnung. Es ist heilsam sich auch mal wo anders zu betrinken. Also lasse ich mein Genick noch einmal kreisen und verschwende keinen Gedanken daran, dass ich den Sonntag verkatert auf der Arbeit zubringen werde. 
Mein Crza ist auch noch nicht fertig, sieht aber schon zurecht gemachter aus als ich. Er ist eben der Styler von uns. Wenn ich mal keine Klamotten trage, die unter Hundehaaren ersticke fühle ich mich schon fäschön genug. 
Es ist ein kleines Ritual von uns, dass wir auf das Jennifer Rostock Konzert in Rostock gehen. Also lassen wir unsere M&O´s aneinander klirren und machen uns auf den Weg. Natürlich zeigt sich Rostock wieder von seiner besten Seite und es regnet so sehr, dass ich fürchte mein Pony wird trotz einem Kilo Haarspray nicht sonderlich lange halten. Wir sind wie immer zu spät dran, aber da wir nicht einmal genau wissen, wer die Vorband ist, macht uns das nichts aus. 


Es dauert nicht lange bis wir uns ein Grinsen verkneifen müssen, während wie die Gruppen aus 14 Jährigem Mädchen betrachten, die aufgeregt tuscheln und Songtexte zitieren. Ich kann es ihnen nicht verdenken, denn ganz sicher wäre ich in ihrem Alter auch so gewesen. Händchen haltend schieben wir uns an die Bar und ordern neues Bier nach. Wenn wir schon den Altersschnitt deutlich anheben, können wir uns auch anständig betrinken!
„Schade, dass dieses Jahr nicht Weltraumpower spielt“, meine ich und nippe an meinem Whiskey Cola. 
„Jupiter Jones ist jawohl viel besser!“, brummt das Mädchen neben mir. Anhand ihrer Tattoos schätze ich, dass sie schon über 18 ist. 
„Sind nicht meine Welt“, antworte ich ihr und versuche zu lächeln. 
„Die sind voll geil!“
„Sagt man das noch so? Geil?“
Sie zieht eine der dunkel nachgezogenen Augenbrauen hoch und sieht mich mit einem „Was will die denn?“ - Blick an. 
„Ist wohl dein erstes Konzert von Jenny, wa?“
Ich muss grinsen. „Nein, ich war schon öfter …“
„Ick mein von dieser Tour!“
Nun bin ich doch etwas überrascht. „Ähm, ja das schon.“

Ich lass sie stehen und hoffe das die Jungs vom Jupiter bald aufhören zu spielen. Die Bierpreise sind eindeutig zu hoch, damit ich zu einer mir fremden Band abgehen könnte. Wir treffen auf zwei Freunde die ganz hinten stehen und etwas deplatziert wirken. Zwei harte Jungs mitten in Bauchfreier Tops, Glitzernagellack und wasserfesten Lidstrichen. 
Wir stellen uns da zu und plaudern. Während das neue Bühnenlicht für Frau Rostock und Co. aufgebaut wird trashige Musik gespielt, die irgendwie nicht wirklich passend ist. 
Aber dann geht´s los und ich kann endlich wieder wie wild rumhüpfen. Zugegeben das neue Album konnte mich nicht mehr so abholen, auch wenn ich eine Hass-Liebe zu Hengstin entwickelt habe. Doch die Klassiker gehen eben immer! 
Also brülle ich aus voller Seele das er „sein Streichholz wieder“ einpacken soll und das ich mich auch in 100 Jahren noch „ohne Zukunft und ohne Plan“ sehe. Während der neueren Lieder schieben wir uns durch die Menschenmassen (wer verdammt ist dafür verantwortlich, dass der Raucherbereich kurz vor der Bühne liegt?!). Mein Freund lacht mich dafür aus, dass ich mich radikal durchquetsche und dabei mein Getränk so hoch halte wie einen Pokal. Als ich eine wie wild zappelnde junge Frau beherzt mit einer Hand zur Seite drücke, übertönt er sogar die jute Jenny. „Keine Rücksicht auf Verluste, wa?“
„Bin halt ´ne Hengstin“ gebe ich zurück und grinse. 
Spätestens beim Herzschmerzlied Nr. 1 „Irgendwo anders“ bin ich wieder voll dabei und schreie jede gescheiterte Liebesbeziehung aus mir heraus. Dabei achte ich betont darauf, keinen der Jungs in die Augen zu sehen. Könnte schließlich peinlich werden, wenn sie mitbekommen das ich doch nicht ganz so hart bin, wie ich immer tue. Doch aus dem Augenwinkel muss ich feststellen, dass nicht nur ich mitsinge. Blondschopf scheint die gleiche Methode anzuwenden wie ich.  Grinsend drehe ich mich wieder um, denke an mein 15 Jähriges Ich und frage mich, wie sie diese Situation finden würde. 
„Gibt zu wenig gute Konzerte in der letzten Zeit“, meint einer. 
„Ist ja auch Rostock“, sage ich. „Bis auf Hardcore und Popgedöns läuft aktuell nicht viel.“
„Im Mai sind Kotzreiz im Jaz“, sagt Blondschopf und meine Augen fangen an zu leuchten. 
„Sehr geil, Herr Kotze mal wieder in Aktion sehen klingt gut“, meine ich und sehe meinem Freund an. 

„Sagt man das noch so?“, fragt er zwinkernd. „Geil?“

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