Mittwoch, 29. März 2017

Meckermittwoch: Selbstmord vs. Selbstsucht

"Das einzige entscheidende Argument, welches zu allen Zeiten die Menschen abgehalten hat, ein Gift zu trinken, ist nicht, daß es tötete, sondern, daß es schlecht schmeckte."
Friedrich Wilhelm Nietzsche

Menschen sind selbstsüchtige Wesen. Das sage ich nicht, weil ich eine eher pessimistische Person bin, sondern als überzeugte Realistin. Menschen haben die Selbstsucht erfunden. Es interessiert die meisten wenig bis gar nicht, was mit der Welt, anderen Lebewesen oder Menschen außerhalb ihres Umkreises passiert. Solange man selbst nichts zu klagen hat, ist alles gut - und wenn man eben dennoch klagt geht der Spießrutenlauf los.
 

Menschen mit Depressionen sind nicht normal, nicht okay. Sie werden als anstrengend empfunden und mehr als oft missverstanden. Was uns nicht in dem Glauben hält, wir würden in einer feinen heilen Welt leben, stört nur. 

Während einer Unterhaltung unter Bloggern, kam das Thema Suizid auf und es brach eine gigantische Diskussion los.

Selbstmord wird oft als der einfachste Ausweg betrachtet, doch in Wirklichkeit ist es sehr schwer sich mit dem Gedanken abzufinden, dass das eigene Leben nicht mehr besser werden kann. 
Es kostet viel Kraft, und ja! auch Mut!, sich selbst zu töten. Jemand der nicht in dieser Situation war oder ist, wird dies wohl kaum nach vollziehen können. Eine endgültige Entscheidung zu treffen ist niemals leicht, nicht im Leben und nicht im Tod. Es geht nicht darum, es zu glorifizieren. Aber es sollte auch nicht darum gehen, das Ganze zu verurteilen. Überhaupt wird das Thema nur angesprochen, wenn man es zeitgleich verurteilen kann. 

Immerhin triggert das Thema Selbstmorde weitere Selbstmorde - also sollte man es lieber weiterhin verurteilen und totschweigen? 

Das es so auch nicht funktioniert zeigen die Statistiken genauso, wie die den Sprunghaften Anstieg nach den Selbstmorden von mehr oder minder bekannten Persönlichkeiten. Ungefähr 10.000 Menschen nehmen sich jedes Jahr das Leben in Deutschland, weltweit sind es mehr als 800.000. Das Thema „Trigger“ ist im Netz immer eine große Sache, dabei wird jedoch oft vergessen, dass Betroffene teilweise danach suchen. Sich ein Video über jemanden anzusehen, der genauso über den frei Tod denkt, wie man selbst kann helfen. Entweder dabei den Weg einer Therapie (nochmal) zu versuchen oder eine endgültige Entscheidung zu treffen. Natürlich hat auch das eine negative Seite, Unbeteiligte können sich diese Videos ansehen und sich davon beeinflussen lassen. 
Ein vollkommen gesunder Mensch, mit einem guten Leben wird aber wohl kaum zum Nachahmer werden. Es gibt unbestreitbar Trigger, das zu leugnen ist nicht meine Absicht. Dennoch liegt dem Ganzen eine Krankheit zu Grunde. Eine kaputte Seele. 

Das Grundproblem sind also nicht die vermeintlichen Trigger, sondern die Tatsache, das es Menschen gibt die nicht leben wollen. 

Die Gründe für Selbstmord sind genauso verschieden, wie die Menschen die ihn begehen und doch müssen alle „Selbstmordüberlebenden“ sich mit dem gleichen Urteil herumschlagen: „Du bist selbstsüchtig.“

Bei diesem Satz muss ich immer lachen. 
Es ist immer spannend, wenn Menschen anderen Menschen vorwerfen sie handeln aus Selbstsucht, ob wohl sie selbst diesen Vorwurf nur wegen ihrer eigenen Selbstsucht kundtun. Selbstmordgefährdete würden ja schließlich alle anderen im Stich lassen, dass alle anderen aber nicht einmal versuchen, den Wunsch nach dem Tod zu verstehen, sondern gleich die Mistgabeln rausholen ist dabei völlig okay. 
Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Langsam bewegt sich etwas in den Köpfen der Menschen und es gibt Möglichkeiten sich Hilfe zu holen, bevor man den bloßen Gedanken in eine vermeintliche Tat umsetzt. Ich kann aus eigener Erfahrung nur jedem raten, sich Hilfe in Form einer Therapie zu holen. 
Mir selbst konnte genau das helfen, aus den immer wieder auftauchenden Löchern, heraus zu kommen. Nicht alle Menschen werden verstehen, warum man solche Gedanken hat. Aber ich bin sicher, jeder hat ein oder zwei Personen in seinem Leben, die einem auch in so finsteren Zeiten zur Seite stehen. Ganz ohne Verurteilungen - und vielleicht ändert sich in den Köpfen der Masse wirklich noch etwas. 

Selbstmord ist der letzte Ausweg aus dem Leben - und auch ich bin kein Fan davon. Aber ich kann es verstehen, da ich selbst schon allzu oft solche Gedanken hatte. Selbstmord und Selbstsucht gleichzusetzen ist nicht nur falsch, sondern sorgt nur dafür dass sich Betroffene gleich noch schlechter fühlen. Verurteilungen Triggern also noch mehr, als offen über das für und wieder zu sprechen. 

Wenn Du selbst unter solchen Gedanken leidest, bitte ich Dich darum Dir Hilfe zu suchen. Denn vielleicht gibt es in Deinem Fall doch eine Möglichkeit, die Du noch gar nicht gesehen hast. Das Leben kann einem viel Leid zu fügen, doch es kann einem auch etwas schenken. 


Kommentare:

  1. Da ist der Post ja endlich. Schön, dass du ihn veröffentlicht hast. :)

    Ich selber war auch schon in so einer Situation, konnte aber diesen Schritt "Weg zu sein" nicht durchziehen. Fehlender Mut? Oder doch Kampfgeist? Ich weiß es nicht. Ich bin noch da.

    Fakt ist aber, dass jeder der diesen Weg geht, einen Grund hat diesen Weg zu gehen. Sie haben keinen anderen Ausweg! Keiner beendet sein Leben, da gerade alles gut läuft. Die Hinterbliebenden bleiben mit einem großen Fragezeichen und verdammt viel Schmerz und sogar Wut zurück, ja.
    Ebenfalls stimmt es, jemand der diesen Weg gehen will, findet auch Wege sich darüber zu informieren.

    Es zu verschweigen und bloß nicht drüber zu sprechen, bringt nichts! Wenn jemand sich einem anvertraut, dass er oder sie diese Gedanken hat, dann sollte man vielleicht zuhören und helfen. Und nicht mit dem Spruch kommen "Du bist doch bescheuert" und es abwinken.

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    1. Ich bin sehr froh, dass du noch da bist ;)
      Ich konnte es auch nie "durchziehen" und bin inzwischen auch froh darüber.

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  2. Es ist natürlich richtig, dass Suizid (das Wort würde ich übrigens bevorzugen statt "Selbstmord") nicht mit Selbstsucht gleichzusetzen ist - eigentlich eher ganz im Gegenteil! Und das Thema ist genauso wie andere psychische Probleme noch sehr mit Tabus und Stigma besetzt. Aber als jemand, die beide Seiten kennt, muss ich auch sagen: Es ist unfassbar schwer für Außenstehende/Angehörige/Freund*innen, Suizid zu verstehen. Es macht einen irgendwann auch einfach fast wütend, wenn die betroffene Person ständig sagt, niemand ist für sie da, niemand hört ihr zu, niemand liebt sie - während Du vor ihr stehst, zuhörst, liebst und Dich fragst, ob Du Dich vielleicht in "Niemand" umbenennen solltest. Dabei ist der Blick auf die Dinge bei der Person in so einer Situation einfach sehr eingeschränkt und sie ist so festgefahren, dass sie die ganzen anderen Auswege (und es gibt meistens einen anderen als den Tod) nicht sieht. Das kann man ihr nicht zum Vorwurf machen und doch ist es schwer auszuhalten, weil man sich so hilflos fühlt. Und es lässt sich auch nicht bestreiten, dass ein "gelungener" Suizid viel Leid bei anderen Menschen auslöst, die auf diese Weise einen ihnen wichtigen Menschen verloren haben. Das ist nicht die "Schuld" der Betroffenen, aber erklärt vielleicht, warum es so schwer ist, damit umzugehen. Es ist einfach für beide Seiten eine Extremsituation und als Betroffene merkt man das erst hinterher, weil, tatsächlich, die eigenen Probleme alles andere überschatten. Das ist aber keine Selbstsucht, sondern zeigt nur, wie groß die Probleme sind. Aber mehr Aufklärung und vor allem eine Enttabuisierung der Hilfsmöglichkeiten, die viele ja nicht annehmen, aus Angst dann ein Psycho zu sein, würde vielleicht ein bisschen Erleichterung schaffen. Für beide Seiten, denn es ist schwer, wenn es einem so schlecht geht, dass man sich umbringen will - aber auch jemanden durch Suizid zu verlieren, fühlt sich ziemlich scheiße an.

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    1. Damit hast Du unbestreitbar recht.
      Extremsituation trifft das Ganze ziemlich gut. Enttabuisierung wäre der erste Schritt für beide Seiten. Ich sehe schon jetzt wie mir vorgeworfen wird, ich würde den Menschen zum Selbstmord raten. Obwohl dies nun wirklich nicht der Fall ist. Ich kenne auch beide Seiten: Sowohl Selbstmordgefährdet zu sein, als auch jemanden so zu verlieren. Das Gefühl selbst als "niemand" dargestellt zu werden, obwohl man so gerne helfen würde ist mir auch nicht fremd ... Sehr schwere vertrackte Sache. Darüber zu reden hilft schon mal, gerade wenn man in so einem Loch steckt tut es einfach gut auch mal jemanden zu finden, der einen nicht verurteilt ...

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  3. Ein wundervoller Beitrag zu einem absoluten Tabuthema. Ich finde es scheußlich, wie über Suizidler gesprochen wird. Will man ihnen helfen oder sie noch mehr in den Tod treiben? An einer Fußgängerbrücke vor unserem Büro hat sich vor Jahren eine Frau umgebracht. Sie stürzte sich auf die Straße darunter. Noch heute stehen eine Kerze und die längst verdorrten Rosen dort. Ich war schockiert, tief berührt. Ich wollte die Frau verstehen. Was immer sie gequält hatte, nun war sie immerhin frei. Nicht der beste Weg für alle Beteiligten, aber ich wollte es nicht verurteilen. Denn keinen Sinn im Leben zu sehen, das kenne ich gut. Mich retteten eine Therapie, eine Freundin mit denselben Gedanken und die Angst vor Schmerz. Mit meiner Freundin plante ich oft im Scherz einen gemeinsamen Tod. Aber auf diese Weise haben wir auch in unserer kleinen Welt verstanden, dass Leben noch Freude sein kann, wenn man nicht alleine ist. Nicht jeder hat dieses Glück, einen Gleichgesinnten zu haben, mit dem man sich aus diesem Loch zieht. Nicht jeder hat das Glück, auf die richtige Weise verstanden zu werden.Die Frau auf der Brücke wurde beschimpft, warum sie sich nicht dort umbrachte, wo sie keinen Menschen schadete. Ein Glück, dass sie sich das nicht mehr anhören musste/konnte. Ich hatte eine solche Wut im Bauch, wie man sich nur erlauben kann, einen Menschen derart in den Dreck zu ziehen.Selbstmord verdient mehr Beachtung. Auch andere Menschen in meiner Umgebung, denen man das Leid nie ansah, die immer lachten und fröhlich schienen, nahmen sich plötzlich das Leben. Wenn diese Menschen keine Angst mehr vor Verurteilung haben müssten, das wäre schon viel Wert. Vielleicht würden sie sich dann auch eher öffnen, als ihr Heil sofort im Tod zu suchen.

    Also danke für den Beitrag und Liebe Grüße!

    Tanja H. :)

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    1. Hallo liebe Tanja und danke für deinen schönen Kommentar <3
      Es tut gut zusehen, dass noch mehr Menschen so denken wie ich :)

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