Dienstag, 30. Mai 2017

Justine privat - Der Abi Blues

Die Bestimmung unseres Lebens ist nicht der Erfolg, sondern heroisches Versagen.
Robert Louis Balfour Stevenson

Ich befinde mich im Vakuum. 
Alle Prüfungen sind geschrieben, die Ergebnisse verkündet und ich habe immer noch nicht realisiert, dass es tatsächlich zu Ende geht. Die mündliche Prüfung ist die letzte Hürde. Danach startet ein neues Leben, auf das ich so lange hingearbeitet habe. Doch irgendwie weigert mein Gehirn sich das zu verstehen. In den letzten 3 Jahren wollte ich nichts anderes, als genau das. Endlich mein Abi in der Tasche habe und studieren gehen. Endlich wieder raus aus meiner Heimatstadt und dem immer gleichen Kreislauf.
Endlich ein richtiger Neuanfang. All die Tränen, der Schweiß, die Angst – sie sollten doch jetzt vorbei sein. Aber das sind sie nicht. Im Gegenteil, ich kann mich weder freuen noch spüre ich eine wirkliche Erleichterung. Meine Prüfungsnoten waren gelinde gesagt beschämend, die verfluchte Prüfungspanik hat mich gelähmt. Mein Schnitt ist also nicht einmal im Ansatz so, wie ich es von mir selbst verlangt habe. Daran kann auch die mündliche Prüfung nichts mehr ändern. Es fühlt sich nicht nach einem Sieg an, sondern nach Versagen. „Denk daran was du alles nebenher machen musstest“, erinnert mich mein Freund gerne. Natürlich kann ich das nicht leugnen, ich arbeite soviel es geht, um die Tierarztkosten der letzten Monate zu decken und irgendwie auch das normale Leben zu organisieren.
Aber auch das klappt nicht. Ich stecke fest. Wieder einmal. Im Treibsand des Lebens. Mir fehlt die Zeit mich zu beglückwünschen oder zu bedauern, stattdessen geht es einfach immer weiter. Aufstehen, Arbeiten, Organisieren, hin und her. Ich finde kaum die Kraft mich darum zu kümmern, was danach geschieht. Wenn ich mein Zeugnis in die Hand bekomme, weiß ich nicht wohin es gehen soll – all meine Wünsche erscheinen mit utopisch. Ich erscheine mir zu schlecht, für das bessere Leben nach dem ich mich gesehnt habe. Immer wieder drehe ich mich, um mich selbst, in der Hoffnung einen Weg zu finden, doch alles verschwimmt nur weiter.
„Nimm dir doch ein Jahr Zeit um alles zu überdenken“, wurde mir geraten. Doch auch da erscheint eine Blockade in meinem Kopf. Ich höre meine biologische Uhr ticken. Nicht weil ich eine Familie Gründen will, sondern weil mir bewusst ist das ich nicht noch einmal so jung sein werde. Irgendwann wird es zu spät sein um zu studieren, zu reisen, mich auszutoben und am Leben zu überfressen. Ich will nicht zurück schauen und wissen, dass ich früher hätte reagieren müssen. Meine Angst blockiert mich. Das weiß ich, aber ich weiß nicht wie ich es ändern soll. Hinter jeder Ecke scheint ein neuer Fehler, ein neuer Irrtum und ein neues Scheitern zu lauern. Also versinke ich weiter in meiner Routine, arbeite, bis ich umfalle und versuche zu verdrängen was ich längst weiß: Die Schule ist vorbei.
Zum dritten Mal in meinem Leben und auch zum letzten Mal. Wohin es gehen wird, was ich machen werde und ob mich das wirklich an mein Ziel bringt weiß ich noch nicht. Vielleicht werde ich es nach meinem letzten Sommer in der Heimat wissen. Vielleicht auch nicht. Im Moment ist meine Hoffnung, dass der enorme Druck in meinem Kopf aufhört, sobald die mündliche Prüfung hinter mir liegt. Ob dann der Knoten platzt, der mich dazu bringt, nichts mehr spüren zu wollen? Wir werden es sehen. Und Ihr werdet es lesen.

Kommentare:

  1. Es ist nie für etwas zu spät. Ich habe mit 30 erst mit dem Studium angefangen und mit 25 erst mein Abitur in der Abendschule gemacht. Ich habe mit 33 ein Kind gezeugt und mit 41 zum Zweiten mal geheiratet. Ich würde rückblickend betrachtet, nichts anders machen.
    Es ist nie für etwas zu spät.....oft ist der Zeitpunkt nur nicht richtig!!!

    Heiko

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    1. Danke schön. Im Prinzip gebe ich dir ja auch Recht - nur fühlt es sich aktuell einfach gar nicht danach an.

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  2. Nicht heulen! machen!

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    1. Haha! Ganz genau, nur ist es ja schon getan und lässt sich nun leider nicht mehr ändern ...

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  3. Du weißt, ich kann dir das absolut nachfühlen.
    "Nicht heulen, machen." - geht nur, wenn man ein sicheres soziales Netz hat.
    Wenn man auf die Fresse fliegt, und einem irgendwer die Hand reichen kann, und vielleicht auch mal nen Hunni.

    Wenn man, so wie du, gewohnt ist, selbst alles zu wuppen, dann macht man nicht einfach mal so irgendwas. Wenn man unabhängig war, begibt man sich nicht einfach so wieder in eine Abhängigkeit.

    Ich bin voll bei dir.
    Man kann nicht alle über einen Kamm scheren und sagen "Du kannst alles schaffen, was du wiiiiiillllllst." Bockmist.
    Nichtsdestotrotz: Ich helf dir, auch wenn du dir die Knie mal wieder aufgeschlagen hast :*

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  4. Ich kann das so gut nachvollziehen... Ich habe ja auch eigentlich vor nicht mal 3 Monaten mein Studium abgeschlossen. Das und vor allem meine finanzielle Unabhängigkeit waren so lange meine größten Ziele, eigentlich schon seit ich 14 bin. Und zwischen Abi und Uni hatte ich auch diese typische leere Phase, aber damals wusste ich ja schon, ich würde nach Berlin ziehen und hatte meinen Studienplatz und so weiter – das Endziel stand noch bevor! Aber jetzt, nach dem Studium, ist das alles erreicht, ich habe den Abschluss, meine finanzielle Unabhängigkeit, meinen Job... Da fragt man sich doch: Warum bin ich nicht zufrieden? Wo doch von außen betrachtet alles stimmt? Tja, vielleicht, weil es eben doch noch nicht alles ist. Aber manches kann man nicht sofort haben, auch wenn ich zumindest das noch so gerne so hätte. Da muss man leider durch Leere und dunkle Löcher durch, ich kann gut verstehen, dass das nervt. :/ Und für "Nicht heulen, machen" muss man sich schon in einer sehr privilegierten Position befinden... Ich finde es jedenfalls absolut in Ordnung, diese Gedanken auszusprechen und sich bewusst zu machen, dass man eben gerade nicht zufrieden ist. Du kannst so viel jammern, wie du möchtest, solange Du dennoch weitermachst und Deine Ziele langfristig verfolgst und ohne Dich dabei zu ruinieren. ;)

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    1. Danke für deine lieben, süßen und ehrlichen Worte!
      Ich finde es so schön zu wissen, dass man mit diesen Gedanken eben nicht alleine ist und sich gegenseitig sagen kann dass das Leben zwar nicht perfekt wird, aber doch besser. Irgendwann :D

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  5. Sehr gut beschrieben! Ich kann so gut nachempfinden wie du dich fühlst, ich wusste nach dem Abitur absolut nicht was ich möchte, ob Studium oder Ausbildung und als was. Leider wird der Druck von der Gesellschaft quasi vorgeschrieben. Ich bin froh, dass es mittlerweile als "normal" anerkannt wird, dass man sich mal ein Jahr Auszeit "gönnt". Ich wünsche dir, dass du positiv mit neuer Motivation aus dieser Phase hinaus gehst. (:

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