Mittwoch, 31. Oktober 2018

Kurzgeschichte - Das rote Zimmer


Wie jedes Jahr, gibts auch in diesem eine Halloween Kurzgeschichte. Dieses Mal bin ich nicht einmal allein - sondern habe mir noch mehr Blogger gesucht, die sich zum Thema ausgetobt haben. Viel Spaß beim lesen!

Das rote Zimmer

Drückende Hitze machte Amber das Atmen schwer, während sich Schweißperlen auf ihrer Stirn bildeten und in langsamen Bächen über ihre Gesicht flossen. Ihr Herzschlag war ein dumpfes, monotones Pochen in ihren Ohren. Widerwillig öffnete sie die Augen. Eine kleine Nachttischlampe tauchte das Zimmer vor ihr in rötliches Licht. Die stickige Wärme lähmte ihren Körper und es erschien ihr unendlich schwer, sich aufzurichten. Sie kniff die Augen zusammen, als würde das schwache Licht sie blenden, und fasste sich an die Stirn. Ein gequälter Laut drang aus ihrem Mund, während sich ihre Lippen so spröde anfühlten, als würden sie jeden Moment reißen. Benommen sah sie sich um.
„Wo zum Teufel, bin ich?“
Amber sah sich um. Der Raum erschien auf den ersten Blick wie jedes andere Zimmer. Die hellen Wände reflektierten das Licht, sodass alles um sie herum rötlich schimmerte, und das dunkle Holz der Möbel wirkte erdrückend. Sie wischte sich die verklebten Haare aus dem Gesicht und erhob sich schwankend, denn ihr Körper schien einer solchen Anstrengung nicht gewachsen zu sein. Die andauernde Müdigkeit verursachte ein Schwindelgefühl, das sie daran erinnerte, wie es war, in einer Achterbahn zu sitzen. Taumelnd hielt sie sich an einer Wand fest und schluckte, wodurch ihr die Trockenheit ihrer Kehle umso bewusster wurde.
Ihr Blick huschte von dem fremden Bett, in dem sie eben noch gelegen hatte, über den großen Kleiderschrank und die kleine Kommode neben der Tür. Sie presste ihren Rücken an die Wand und sah an sich herunter. Der kurze Rock war zerknittert, die Strumpfhose hatte Löcher, die sich zu groben Laufmaschen entwickelten, und ein Träger ihres Oberteils hing lose an ihrem Arm herunter. Verwirrt strich sie über ihre Kleidung.
„Scheiße, was ist mit mir passiert?“, murmelte sie und schüttelte die Reste der Müdigkeit von sich. Ein neues Gefühl bemächtigte sich ihres Körpers. Wie ein schwerer Bleigürtel legte sich die Panik um ihren Körper, während ihr Kopf versuchte, sich daran zu erinnern, wie sie in dieses Zimmer gekommen war. Verständnislos fiel ihr Blick auf ihre Füße. Sie trug keine Schuhe, ihr großer Zeh lugte aus einem Loch der Strumpfhose. Zittrig wagte sie es, einige Schritte zu gehen, doch schon tauchten kleine Sterne vor ihren Augen auf. Bevor sie reagieren konnte, sackte sie auf dem verfilzten Teppichboden zusammen. Ein stechender Schmerz breitete sich in ihrem Kopf aus. Unwillkürlich tastete sie mit einer Hand über ihren Hinterkopf, während sie sich mit der anderen hochstemmte und mühevoll hinkniete. Sie zuckte zusammen, als ihre Hand über eine Beule strich. Verkrustetes Blut klebte an ihren Fingerspitzen. Amber riss die Augen auf und starrte, mit offenem Mund, von ihrer Hand zur Tür. Der Bleigürtel um ihre Brust zog sich enger, und die stärker werdende Panik gab ihr die Kraft, wieder aufzustehen. Erinnerungsfetzen an die vergangenen Nacht tauchten vor ihrem inneren Auge auf.
Sie hatte sich mit Daryl getroffen, erinnerte sie sich wankend. Amber schloss die Augen und versuchte, sich zu konzentrieren, ehe sie sich weiter nach vorn wagte. Es war ihr drittes Date gewesen. Er hatte sie von ihrer kleinen Wohnung abgeholt und dann …
Amber erreichte die Tür und schloss die Hände um die kühle Klinke. Ihre Lunge gab ein beunruhigendes Pfeifen von sich, während sie scharf einatmete. Die Erinnerung geriet ins Stocken. Nur vereinzelt tauchten Bilder auf, die sie nicht zuordnen konnte. Sie sah Daryl vor sich, das blonde Haar, das ihm in das sonnengebräunte Gesicht fiel, und die grünen Augen, die blitzend in ihre blickten. „Wo sind wir hingegangen …“, hauchte sie erstickt und drückte die Klinke nach unten. Nichts geschah. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte sie, dass sie einfach nicht genug Kraft aufgewendet hatte. Noch einmal - dieses Mal mit beiden Händen - drückte sie die Klinke nach unten. Die Tür öffnete sich nicht.
Amber rüttelte an dem Griff und stemmte ihr gesamtes Gewicht gegen die Tür, doch es half nichts. Ihre Fingernägel kratzten über das dunkle Holz, und das quietschende Geräusch verursachte eine Gänsehaut auf ihrem Körper. Der Schweiß brannte in ihren Augen, während ihr langsam bewusst wurde, dass jemand sie eingesperrt hatte. Mit der flachen Hand schlug sie gegen die Tür und brüllte: „Hallo? Ist da jemand?“
Es war vollkommen still, niemand antwortete auf ihren Ruf. Schluckend legte sie ein Ohr an das Holz, als würde sie hoffen, die Tür könnte ihr verraten, was geschehen war, doch es blieb still um sie herum. Panisch versuchte sie es noch einmal. Ihre Hände umschlossen den Griff, und sie stemmte sich mit den Beinen gegen die Tür. Der Schweiß ließ sie abrutschen und nach hinten taumeln. Das rote Licht brannte allmählich in ihren Augen. Der stechende Schmerz in ihrem Hinterkopf wuchs, bis ihr Blick auf die goldenen Vorhänge fiel. Mit stolpernden Schritten ging sie auf das Fenster zu und riss den schweren Stoff mit einem festen Ruck zur Seite. Die Nacht lag dunkel vor ihr. Der Vollmond tauchte hinter einer dichten Wolkendecke auf und erhellte die Gitterstäbe vor dem Fenster. Das rostige Metall schien kurz aufzuleuchten. Amber brauchte einen Moment, um zu verstehen, was sie sah. Ihre Hände umklammerten noch immer den rauen Stoff, als könnte sie sich daran festhalten. Die kühle Luft, die von der kalten Scheibe zu ihr drang, half dabei, ihre Gedanken zu ordnen. Ihr Blick glitt über den kleinen, dunklen Hof. Sie befand sich im ersten Stock eines einsam stehendes Hauses. Eine alte Hundehütte stand verlassen neben einem leeren Fressnapf, dessen metallischer Glanz das schwache Licht reflektierte.
Sie saß fest.
Tränen der Panik schossen ihr in die Augen, während sie sich hilflos auf dem Bett niederließ und die Beine an ihre Brust zog. Jemand hatte sie hier eingesperrt. Plötzlich schien das Zimmer um sie herum kleiner zu werden. Die Möbel schienen von den Wänden in ihre Richtung gedrückt zu werden. Amber presste die Lippen aufeinander und wiegte sich sachte hin und her, während leise wimmernde Laute aus ihrer Kehle drangen. Der Durst traf sie ebenso heftig wie der Schmerz. Mit jedem Atemzug der stickigen Luft, schien ihre Kehle trockener zu werden, bis sie das Gefühl hatte, sie würde bluten. Metallischer Geschmack breitete sich auf ihrer Zunge aus.
Amber wischte sich über die Augen und verschmierte das restliche Make-up in ihrem Gesicht. „Beruhig dich“, sagte sie sich selbst. „Du kommst hier raus, du musst dich nur zusammenreißen.“
Zittrig erhob sie sich wieder. Wer auch immer sie her gebracht hatte, würde sicher nichts Gutes mit ihr vorhaben. Die Wunde an ihrem Hinterkopf und das zerrissene Oberteil waren ihr Beweis genug. Jemand hatte sie angegriffen, bewusstlos geschlagen und in diesen Raum gesperrt. Verzweiflung und Wut wuchsen in ihrem Inneren zu einem lodernden Ball, der ihren Verstand weiter arbeiten ließ. Sie drückte den Rücken durch und versuchte, die roten Sterne fort zu blinzeln. Der Raum um sie herum wurde plötzlich wieder größer. Mit zusammengebissenen Zähnen steuerte sie auf den Schrank zu und riss die Türen auf. Staub schlug ihr entgegen und ließ sie husten. Der Geruch von vermodertem Holz drang in ihre Nase, bis er vom beißenden Gestank des Schimmels abgelöst wurde, der sich über die Innenseite des Schrankes schob. Wieder schossen ihr Tränen in die Augen, während sie mit ihren Händen Mund und Nase zu schützen versuchte. Der Schrank war leer.
Hilflos fuhr sie herum und rannte auf die Kommode zu. Eine Schublade nach der anderen riss sie auf, das Ächzen des Holzes ließ sie erschaudern. Nichts. Es gab nichts als Staub und Leere. Die aufgewirbelten Staubflocken leuchteten rot und tanzten um sie herum, als wollten sie sie verhöhnen. Amber schüttelte den Kopf, ohne die Kraft zu besitzen, ihre Tränen weiter zurückzuhalten.
Inzwischen saß der unsichtbare Bleigürtel um ihrer Brust so eng, dass sie kaum noch Sauerstoff in ihre Lungen pressen konnte. Die unerträgliche Hitze raubte ihr jede Kraft. Weinend fiel sie vor den leeren Schubladen in sich zusammen. Sie schloss die Augen und ließ zu, dass ihr Gesicht den kratzigen Teppich berührte. Was war geschehen, dass sie in dieser Hölle gelandet war?
Der Gestank des Schimmels ließ sie würgen und Brocken von Erbrochenem sickerten in den Boden, wo sie einen hellen Fleck hinterließen. „Hilfe …“, rief sie wimmernd und zog sich an der Kommode auf die Knie. Mit verschwommener Sicht lehnte sie sich gegen die Tür und versuchte, durch das schmale Schlüsselloch etwas zu erkennen, doch alles, was sie sah, war Dunkelheit. Ein Geräusch ließ sie aufschrecken. Es klang wie das Röhren eines Motors. Eine Mischung aus Panik und Hoffnung ließ sie aufspringen und zum Fenster laufen.
„Hilfe! Hören Sie mich? Hilfe!“
Verzweifelt trommelten ihre Hände gegen die kühle Scheibe, während der Wagen vor dem Haus hielt. Der Mann am Steuer stieg aus. Amber wusste nicht, welcher Emotion sie als erstes nachgeben sollte. Wild hämmerte sie gegen die Scheibe und schrie ihre Panik heraus. Der Mann reagierte, indem er zu ihr hinaufblickte. Es war zu dunkel, um die Züge seines Gesichtes zu erkennen, doch der Cowboy-Hut weckte eine vergrabene Erinnerung in ihr. Er sah sie an und nickte ihr zu, als würde er sie begrüßen. Mit vor Schreck aufgerissenen Augen taumelte sie vom Fenster zurück.
Sie schlug die Hände vor den Mund. Daryl und sie waren in einer Bar gewesen, sie konnte sich an das schale Bier und die alte Jukebox erinnern, in der immer wieder der gleiche Song gespielt wurde. Sie hatte getanzt, für Daryl getanzt, und dann …
Angsterfüllt wagte sie wieder einen Schritt nach vorne. Der Mann holte etwas aus dem Kofferraum seines Wagens. Seine dunkle Gestalt bewegte sich langsam, fast gemächlich, als würde er ihre panischen Blicke genießen. Sie beleckte ihre spröden Lippen und kniff die Augen zusammen, um zu erkennen, was dieser Mann tat. Zwei große Kanister leuchteten im Schein der Rücklichter. Amber schüttelte den Kopf. „Nein …“
Der Mann verschwand aus ihrem Blickfeld. Wie angewurzelt stand sie da. Das dumpfe Hämmern in ihrer Brust wurde immer stärker, bis sie dachte, ihr Brustkorb würde aufbrechen. Dann hörte sie Schritte.
Amber wandte sich langsam wieder zur Tür. Die Schritte klangen schwer, und gleichzeitig gab es bei jedem neuen Schritt ein leises Klingeln, als würde eine kleine Glocke erklingen. Ein Schauder durchfuhr sie, während sie sich lautlos vor das Schlüsselloch hockte und in den Flur vor sich spähte. Das helle, künstliche Licht blendete sie einen Moment lang, bis sich ihre Augen daran gewöhnten. Die Silhouette des Mannes war deutlich zu sehen. Mit klingelnden Schritten ging er an der Tür vorbei. Ein Kanister baumelte noch immer in den groben Händen. Summend schraubte er den Deckel des Behälters auf und schüttete eine ölige Flüssigkeit auf das knarrende Holz vor ihm. Der schneidende Geruch von Benzin drang in Ambers Nase, während der Mann langsam rückwärts ging und die Flüssigkeit nahezu fröhlich vor sich verteilte.
Amber klappte der Mund auf. „Nein …“, entfuhr es ihr. Die nassen, verklebten Strähnen ihres Haares schlugen ihr ins Gesicht, während sie den Kopf schüttelte. „Nein, du verdammter Mistkerl!“ Die plötzliche Wut ließ sie das schmerzhafte Kratzen ihrer Kehle vergessen. „Lass mich hier raus!“ Wild schlugen ihre Fäuste gegen die Tür. „Lass mich sofort hier raus, du elender Bastard!“
Der Mann reagierte nicht auf ihre Rufe. Noch immer summend stieg er die Treppen hinunter. Das leise Plätschern des Benzins war kaum zu hören, doch kam es Amber so vor, als würde es in ihrem Kopf widerhallen. „Lass mich hier raus!“, rief sie noch einmal, doch dieses Mal versagte ihre Stimme. Die Übelkeit drohte abermals, ihren Körper zu übermannen. Verzweifelt schlug und trat sie nach der Tür. Sie nahm Anlauf und warf ihren zierlichen Körper gegen das alte Holz, das nur höhnisch knarrte, jedoch nicht nachgab. Hastig atmend hielt sie sich die schmerzende Schulter. Die Tür war ihr einziger Weg nach draußen. Sie musste es schaffen, sie zu öffnen.
Ihre Gedanken liefen Amok. Sie hockte sich vor das Schloss und betrachtete die Verriegelung. „Okay“, hauchte sie in der stummen Hoffnung, sich selbst Mut zusprechen zu können. „Okay, jedes Schloss kann geöffnet werden … Ich … Ich brauche einen Draht, etwas zum Aufhebeln, irgendwas …“
Das Aufheulen des Motors ließ sie abermals aufschrecken. Das Auto fuhr ohne Hast davon. „Verdammter Mistkerl!“, zischte sie. Die Scheinwerfer des Wagens wurden kleiner, bis sie in der Dunkelheit verschwanden. „Verdammt nochmal, warum willst du mich hier drin rösten?!“
Von ihrem Überlebenswillen gepackt, sah sie sich um. Sie warf die Decke des Bettes zur Seite, blickte unter die Kissen und schob die Matratze zur Seite. Nichts. Verzweifelt versuchte sie, einen klaren Gedanken zu fassen. In diesem Zimmer gab es nichts, das ihr dabei helfen konnte, das Schloss zu öffnen. Sie tastete ihren Körper ab, als würde sie hoffen, ihr Rock bekäme plötzlich Taschen. Dann durchzuckte ein Blitz ihren Verstand. Ihr BH.
Ohne darüber nachzudenken, zog sie diesen aus und zerrte an den Nähten, bis sie einen Bügel aus dem weichen Stoff drücken konnte. Leise triumphierend sah sie das glänzende Stück Draht an und hockte sich vor das Schloss. Ihre rutschigen Finger machten es ihr nicht einfach, den scharf geschnittenen Draht in die richtige Position zu bekommen. Sie rutschte ab und heulte auf, wie ein Wolf, der in die Falle gelaufen war. Blut rann über ihre Handfläche, dort wo der Draht in ihr Fleisch schnitt. Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte sie, den pochenden Schmerz zu ignorieren. Rauchschwaden bildeten sich draußen und drangen durch den schmalen Schlitz unter der Tür.
„Komm schon“, flehte sie, während das Blut ihrer Hand auf den Teppich tropfte. „Komm schon, bitte …“
Die Luft um sie herum wurde immer dicker. Jeder Atemzug brannte in ihrer Kehle und der Geruch des Rauches, überdeckte selbst den Gestank des Schimmels. Jede Faser ihres Körpers spannte sich an. Der Draht stieß auf den Widerstand der Verriegelung. Mit letzter Kraft drückte sie ihr Gewicht dagegen, ohne darauf zu achten, dass der Draht sich noch tiefer in das empfindliche Fleisch ihrer Hand schnitt. Das leise Klicken ließ sie zusammenfahren.
Die Tür schlug auf. Eine Stichflamme verhinderte ihren Triumph. Hitze ließ ihre Augen tränen und sie vor Schmerz aufschreien. Adrenalin schoss durch ihre Adern und ließ ihren Puls rasen. Hastig rappelte sie sich auf und schreckte vor dem Feuer zurück. Die heißen Flammen tanzten in Rot und Gelb miteinander, so hell, dass sie die Hand vor die Augen halten musste. Der Duft von verbrannten Haaren ließ Amber realisieren, dass sie keine Zeit mehr hatte, um in Panik zu verfallen. Sie hielt eine Hand vor den Mund und rannte halb blind los. Augenblicklich spürte sie, wie das feine Polyester der Strumpfhose auf ihrer Haut schmolz und sich in ihr Fleisch schmorte. Die Welt um sie herum war ein einziges flimmerndes Meer aus Feuer. Es verschlang das alte staubige Holz und hatte sich längst über die Flecken des brennenden Benzins hinaus gefressen.
Amber blieb nicht stehen. Ihre Beine bewegten sich von alleine die schmale Treppe hinunter, während sie sich dicht an der Wand entlang drückte. Jeder Atemzug schien sie von innen heraus zu zersetzen. Ihre Lunge zitterte und schmerzte bei jedem Einatmen, obwohl sie eine Hand fest um den Mund hielt. Die dunklen Rauchschwaden raubten ihr die Sicht. Sie stolperte, versuchte noch das Gleichgewicht zu halten, jedoch ohne Erfolg. Mit einem lauten Aufschrei fiel Amber die Treppen hinunter und schlug hart auf dem Boden auf. Stöhnend rollte sie sich auf die Seite. Das verschwommene Lichtermeer raubte ihr die Orientierung. Das Feuer züngelte bereits an ihren Haaren, dutzende Flammen fraßen sich gierig durch ihre Haut. Die Arme vor das Gesicht haltend, lief sie in die Richtung, in der sie glaubte, die Tür zu erkennen. Atmen war nicht mehr möglich, ihre Lunge verweigerte jeden Dienst. Ein gequältes Seufzen war statt eines Luftzuges zu hören, wenn sie zu atmen versuchte.
Euphorie durchströmte ihre Adern mit einem Schlag, als sie die Haustür erblickte. Für einen Moment war jeder Schmerz vergessen, während sie die Tür aufriss und Luft ihr entgegenschlug. Nach Atem ringend sackte sie zusammen und robbte auf Knien durch den staubigen Boden. Wie ein Fisch schnappte sie nach Luft, während sie sich auf dem staubigen Boden umherrollte, bis ihr schwindelig wurde. Die Welt versank einen Moment in tiefste Schwärze. Nur langsam sah sie wieder klarer, die kantigen Gesichtszüge von Daryl erschienen in der Dunkelheit. Die Schatten zogen sich langsam zurück und wurden durch das flackernde Licht des Feuers abgelöst. Sein Gesicht war schmutzig, bedeckt mit Ruß und Staub. Die Unterlippe war aufgeplatzt, doch blutete sie inzwischen nicht mehr. Sie glaubte schon, es doch nicht geschafft zu haben, als ihr bewusst wurde, dass sie ihn wirklich vor sich sah. Die grünen Augen wirkten getrübt, der Mund stand leicht offen. Sein Gesicht blieb bewegungslos, er blinzelte nicht einmal. Ihre Hände griffen nach seinem Gesicht, ganz so, als müsste sie sich vergewissern, dass er es wirklich war. Die heiße Haut fühlte sich seltsam surreal an. Das Feuer war auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen. Die Haare waren an einigen Stellen versengt. Brandlöcher in seiner Kleidung gaben den Blick auf verschmortes Fleisch frei. Seine Augen schienen durch sie hindurch zu blicken.
„Daryl?“, wisperte sie. Regungslos blickte er in ihre Richtung und gerade, als sie dachte, er hätte es vielleicht nicht geschafft, verzogen sich seine rauen Lippen zu einem kleinen Grinsen. Seine Augen suchten ihre. „Bin ich tot?“
Der Klang seiner Stimme ließ sie aufatmen. Der Bleigürtel war plötzlich wie weggeblasen und Erleichterung durchströmte sie. Tränen liefen über ihre Wange und hinterließen Spuren im Staub unter ihr. Hustend rückte sie näher zu ihm und strich über seine Wange. Er legte eine Hand auf ihre und küsste die Fingerspitzen. Amber schüttelte den Kopf, während sie sich sachte über ihn beugte und ihre Stirn auf seine legte. Der Hustenreiz zwang sie, sich zu erheben. Der Staub hatte sich in ihre Kehle gelegt und schien nun die blutigen Ritzen ihrer Luftröhre zu kitten. Sie erhob sich keuchend und packte seinen Arm, um ihm aufzuhelfen. Daryl schrie vor Schmerz und stieß sie zur Seite. Ein tiefer, blutiger Schnitt zog sich über seinen Oberarm. Verwirrt taumelte sie zurück, als würde ihr erst jetzt bewusst werden, wie er aussah. Das schwarze T-Shirt klebte an seinem Körper, ebenso wie Dreck, Ruß und Schweiß. Seine Jeans war blutgetränkt. Still stand sie da und sah ihn an. Mühevoll stöhnend kam er auf die Beine, taumelte kurz und fing sich dann. Erschöpft schloss er die Augen, als könnte er sich so besser auf seine Atmung konzentrieren. Amber folgte seinem Beispiel, sobald sie es geschafft hatte, die roten Sterne vor ihren Augen wieder zu vertreiben. Die Luft um sie herum war angenehm kühl, doch langsam drängten sich die Schmerzen wieder in ihr Bewusstsein.
Plötzlich zog Daryl sie zu sich und drückte ihren Kopf schützend an seine Brust, während das Feuer laut knisternd das Dach des kleinen Hauses erreichte. Einen Moment lang standen sie nur da, blickten in den Schein des Feuers und hielten sich fest. Das Holz knarrte und ächzte laut, als könnte es fühlen, wie es langsam vom Feuer zerfressen wurde. Obwohl es das Atmen noch mehr erschwerte, wagte Amber nicht, sich von Daryl zu lösen. Blinzelnd blickte sie zu dem Fenster hinauf. Die vergitterten Stäbe waren in den lodernden Flammen kaum noch zu erkennen. Langsam löste er sich von ihr und strich ihr sanft über die Wange. „Lass uns hier verschwinden …“, murmelte er und griff ihre Hand. Nun war es Amber, die schmerzvoll quiekte und ihre Hand zurückzog. Der Draht hatte viele Schnitte in ihrer Haut hinterlassen und bei jeder Bewegung rissen sie wieder auf. Er sagte nichts, sondern sah sie mit einem Blick an, den sie nicht deuten konnte. Sachte zog er sie mit sich, die unbefestigte Straße entlang, weg von dem brennenden Haus, aus dem sie sich hatten retten können.
„Wie bist du …“
Ihre Stimme brach ab. Die kalte Dunkelheit schloss ihren Körper ein und machte ihr das Brennen ihrer Wunden noch deutlicher bewusst. Daryl fuhr sich durch die Haare. In seinem Gesicht stand etwas, dass sie nicht erklären konnte. Im Schatten des Mondlichts machte er ihr Angst.
„Ich war im Keller …“, zischte er leise und ballte die Hände zu Fäusten, während er taumelnd versuchte, sich seine Schmerzen nicht anmerken zu lassen. Amber sagte nichts. Am Horizont erschien ein schmaler Spalt als Vorbote der Sonne. Ihr rasselnder Atem hinderte sie daran, ihre Gedanken in Worte zu fassen, und Daryl schien es ähnlich zu gehen. Eine Weile liefen sie wortlos nebeneinander her, bis die Sonne die Welt um sie herum in warme goldene Strahlen tauchte.
„Was machen wir jetzt?“, fragte sie leise und blickte Daryl an. Er wischte sich den Dreck aus den Augen, bevor er sie, mit vor Hass verschleiertemn Blick, ansah.
„Erst suchen wir ein Krankenhaus und dann..”, sagte er und grinste auf eine Art, die einen kalten Schauder über ihren Rücken jagte, “... wenn es wieder dunkel wird, suchen wir diese Mistkerle und rösten sie auf offenem Feuer …“

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