Leseprobe - 237







Inhalt:

Ein namenloser Patient wird ins Saint Hollow Hospital eingeliefert. Krankenschwester Morgan Lorring macht sich auf die Suche nach seinem Geheimnis. Doch weder seine Akte, noch die hinzugezogene Ärztin scheinen Aufschluss über ihn geben zu können, oder zu wollen? Morgan gibt nicht auf und verfällt dem mysteriösen Mann aus Zimmer 237 immer mehr. Je näher sie ihm kommt, umso mehr scheint sie sich selbst zu verlieren…



PROLOG


Leichter Nebel hatte sich in der Dusche gebildet und hinterließ einen Schleier auf den Fliesen.
Sie spürte eine Hand - seine Hand - wie sie von ihren Hüften, über ihren Rücken bis zu ihrer Schulter streifte. Ihr Herz machte einen Aussetzer, um dann anzufangen wie wild zu rasen.
Er drehte sie mit einem Ruck herum. Einen Moment sah er sie nur an und sie starrte zurück, ohne zu wissen was sie fühlen oder denken sollte.
Der Duft seiner Haut stieg ihr in die Nase und ließ ihre Haut prickeln. Sie taumelte etwas zurück und stieß mit dem nackten Rücken gegen die kalten Fliesen.
Das Wasser floss über seinen Körper, der inzwischen ebenso gerötet war wie der ihre.
Wasserperlen verfingen sich in seinem Bart.
Sie hatte vergessen zu atmen, und ihre Knie wurden weich. Er schien eine Sekunde lang zu überlegen.
Dann packte er ihren Hals und zog sie zu sich. Sein Kuss raubte ihr den letzten Sauerstoff und sie wäre umgefallen, hätte er nicht ihre Hüften umfasst.






1. Begegnung


Wie in einem Traum sah Morgan sich durch den Flur in Richtung Schlafzimmer gehen. Die seltsamen Geräusche hatten sie sogar davon abgehalten, die dreckigen Schuhe auszuziehen. Sie hatte ihren Herzschlag kaum noch wahrgenommen, als sie die Tür öffnete und die perfekten Silikonbrüste anstarrte, die ihr Verlobter in den Händen hielt.
Morgan fluchte lauthals, als sie sich beim Aufziehen einer Spritze an der Kanüle schnitt. Das hatte ihr jetzt gerade noch gefehlt. Einen weiteren Fluch unterdrückend, desinfizierte sie die kleine Wunde und klebte sich ein Pflaster darüber. Wie es schien, war das Glück im Moment nicht auf ihrer Seite. Drei Wochen war es her - drei verfluchte Wochen - in denen sie kaum an etwas anderes hatte denken können, außer an diese Szene.
Zwei Jahre meines Lebens habe ich an diesen Kerl verschwendet.
Ken und sie lernten sich kennen, nachdem sie ihr Studium abgebrochen hatte.
Gut aussehend, guter Job, kam toll mit ihrer Mutter aus.
Eigentlich hätte ich schon da merken müssen, dass er ein Arsch ist. Welcher normale Mensch kommt schon mit meiner Mutter zurecht?
Sie stöhnte und versuchte sich nicht noch weiter zu quälen, doch die Erinnerung machte ihr zu schaffen. Das Bild dieser Blondine hatte sich in ihr Hirn gebrannt. Diese makellosen Brüste, die sich nicht einmal bewegten und die großen grünen Augen, die sie abschätzig musterten.
„Ich glaube, deine Freundin ist wieder da, Darling.“
War das zu glauben? Als wäre diese Frau direkt von einem Porno auf meinen Verlobten gesprungen. Keine Reue, keine Scham, nichts. Außer vielleicht Verachtung.
Sie zog die Spritze mit einer neuen Kanüle auf und ging zu Anthony. Sie arbeitete seit mehr als zwei Jahren in dieser
Anstalt und hatte inzwischen das Gefühl, dass es eine Art zweites Zuhause geworden war.
Jeder der Patienten schien in gewisser Weise wie ein nerviger Verwandter zu sein, der einem zwar die Nerven raubte, ohne den es aber einfach kein richtiges Familienfest war.
Anthony war mit seinen 21 Jahren der jüngste Patient der ganzen Anstalt. Bisher hatte niemand herausfinden können, woran genau er litt. Brain vermutete eine dissoziative Identitätsstörung oder multiple Persönlichkeitsstörung, bei der die Wahrnehmung eine ganz andere war als die Realität. Die Patienten bilden zahlreiche unterschiedliche Persönlichkeiten aus, die abwechselnd die Kontrolle über ihr Verhalten übernehmen.
An das Handeln der jeweils „anderen“ Identität kann sich der Betroffene entweder nicht erinnern oder erlebt es als das Handeln einer fremden Person.
Morgan öffnete seine Zelle und sah ihn an. Wie jedes Mal machte ihr Herz eine kleine Pause, bevor sie auf ihn zuging. Anthony wusste oft nicht, wo er sich befand und verfiel zeitweise in die Verhaltensmuster eines Babys zurück.
Unter den Beruhigungsmitteln war er jedoch gut zu kontrollieren. Selten wurde er aggressiv, aber wenn, dann schlug er wie wild um sich, beschimpfte alle, die ihm unter die Augen kamen als gottlose Huren und erinnerte sich später an nichts.
Eigentlich war er ein netter Kerl - zumindest eine seiner Identitäten - der einfach nur bekloppt war.
Morgan seufzte tief. Ihr Job im Saint Hollow war an  manchen Tagen so unerträglich. Wenn man sich die ganze Zeit zwischen Menschen aufhielt, die immer am Rande eines Abgrundes standen, konnte man sich selbst leicht bis an den Rand treiben.
Wieder eine Gemeinsamkeit mit meiner Familie.
Heute war Anthony ruhig, so dass er sich ohne Widerstand
das Beruhigungsmittel spritzen ließ.
Nachdem sie ihn sauber gemacht und ihm frische Kleidung angezogen hatte, ging sie zurück in den Pausenraum. Der Duft frischen Kaffees hing in der Luft.
Die Nachtschichten waren meistens ruhig.
Die Patienten der Saint Hollow Klinik waren hoffnungslose Fälle, sie standen unter ständiger Kontrolle und medikamentösem Einfluss. Niemand von ihnen würde je wieder einen Fuß aus der Anstalt hinaus setzen.
Das Personal wusste schnell, wie es sich verhalten musste und welche Medikamente die gewünschte Wirkung hatten. Im Zweifelsfall immer eine etwas höhere Dosis Beruhigungsmittel und schon konnte man sich wieder der Abrechnung oder der Inventur widmen.
So wurde es uns zumindest beigebracht. Die Patienten ruhigstellen und mit anderen Dingen weitermachen …
Manchmal frage ich mich, ob ich die Einzige bin, der  diese Menschen am Herzen liegen …
Die Anstalt war zwar recht klein, dafür aber die Sicherste in ganz England. Gerade mal 4 Flure mit jeweils 10 Zimmern, so dass es im  Moment nicht mehr als 35 Patienten waren.
Ab und an wurde ein Platz frei, wenn einer der Patienten es schaffte, sich das Leben zu nehmen.
Seltener waren die Nebenwirkungen von Medikamenten schuld. Sie selbst hatte beides noch nicht oft erlebt und war froh darüber.
Morgan rieb sich die kalten Hände aneinander und betrachtete Karl. Er war einer der Pfleger und gerade sehr vertieft in ein Sportmagazin, während er auf dem fleckigen Sofa saß.
„Hast du denn nichts zu tun?“, fragte sie neckend und grinste.
„Doch“, antwortete Karl und hob den Kaffee.
Sie lachte und zog den Kittel etwas enger um  ihren Körper. Es war kalt, der Herbst hatte sich über England gelegt und brachte nichts als Regen und Matsch.
Mit einer Tasse Kaffee machte sie sich auf den Weg zu Brains Büro. Dieser saß müde über den Patientenakten und lächelte dankbar, als sie hereinkam.
„Dr. States, Sie sehen aus, als würden Sie gleich einschlafen.“
Er schüttelte den Kopf und lehnte sich zurück.
„Ich wünschte, ich könnte einschlafen“, murmelte er und nahm seine Lesebrille ab. „Hugh hat gerade angerufen, heute Nacht kommt ein neuer Patient.“
Morgan zog die Augenbrauen zusammen und setzte sich auf den viel zu unbequemen Stuhl vor dem Schreibtisch.
„Noch heute Nacht?“
Brain nickte und wischte sich über die Nase.
„Anscheinend ein gefährlicher Bursche, zumindest wollte Hugh Sicherheitsstufe 1 …“
„Wann soll er denn kommen?“
Brain sah auf seine Armbanduhr.
„Ich schätze in einer halben Stunde. Soweit ich weiß, hat er Schlafmittel bekommen, also gehe ich davon aus, dass wir ihn ohne Mühe in eine der Zellen bekommen …“
„Soll ich den Aufwachraum vorbereiten?“
Brain schüttelte den Kopf.
„Sag Freddy und Karl Bescheid, die sollen sich darum kümmern …“
Wieder nickte sie und stand auf. Neue Patienten waren selten. In den Jahren, in denen sie hier nun arbeitete, hatte es nur fünf Neue gegeben und da war die Kapazität der Anstalt noch nicht aufgebraucht gewesen. Im Moment waren nur zwei Zellen frei, und nur eine davon hatte die Sicherheitsstufe 1.
Sie sagte den Jungs Bescheid und machte sich daran, ihren Rundgang zu beenden.
Alles war ruhig - so ruhig, dass sie sich fast wünschte, es würde etwas passieren. Das war der Nachteil bei den Nachtschichten, irgendwann wusste man einfach nicht mehr, was man noch machen sollte, um sich wach zu halten.
Sie fragte sich, ob Brain vielleicht noch etwas braucht.
Irgendwelche Medikamentenlisten oder Patientenakten.
Vielleicht sollte sie ihm auch die neuesten Studienberichte vorbei bringen. Sie hatte gerade erst etwas darüber gelesen, dass die Farbe Gelb bei Gewaltopfern wahre Wunder bewirkt haben soll.
Sie schüttelte den Kopf, um sich selbst davon abzuhalten. Brain hatte andere Dinge zu tun und die Nachtschichten machten ihm auch so genug zu schaffen.
Die Berichte kann ich ihm durchaus auch noch an einem anderen Tag bringen …
In Gedanken versunken, schlenderte sie über die sterilen Flure und steuerte dann auf den Aufwachraum zu. Ihre Armbanduhr zeigte ihr, dass die halbe Stunde fast vorbei war.
Vielleicht konnten die Jungs ja doch ihre Hilfe gebrauchen. Schon aus der Entfernung hörte sie das laute Stimmengewirr. Sie beschleunigte ihre Schritte, doch die Stimmen wurden lauter und verursachten ihr eine Gänsehaut, so dass sie anfing zu rennen.
Vor dem Aufwachraum hielt sie an. Das Quietschen ihrer Schuhe über den Boden war so laut, dass sie sich kurz schüttelte. Sie konnte kaum etwas erkennen. Nur, dass der neue Patient anscheinend wach und nicht gewillt war, sich von den Pflegern beruhigen zu lassen.
Scheiße, ich hasse es! Ich hätte mich nicht über die Langeweile beschweren dürfen. Das hab ich jetzt davon. Warum passieren solche Dinge immer in meiner Schicht?
Bevor sie in den Raum trat, nahm sie sich eine Fertigspritze aus ihrer Kitteltasche und umklammerte diese so fest, dass ihre Fingerknöchel hervortraten. Morgan hörte die Pfleger fluchen. Alles, was sie sah, war das undeutliche Bild eines sehr großen Mannes.
Sie umklammerte die Spritze noch etwas fester. Adrenalin schoss durch ihre Blutbahnen und erschwerte ihr  das Denken.
Wie kann er zwei Pfleger in Schach halten, wenn er gerade erst ein starkes Beruhigungsmittel bekommen hat?
Ihr Atem ging schneller, während sie versuchte sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen.
Sie hörte Freddy schreien und dann einen dumpfen Aufprall.
Wenn der Patient raus will, muss er an mir vorbei, denn ich stehe genau in der Tür, die zum Flur führt. Komm schön her, Großer, die Spritze wartet schon auf dich …
Unruhig verengte sie die Augen und schob die Schutzkappe von der Kanüle, so dass sie leise klirrend auf den Boden fiel. Dann sah sie ihn.
Ein Riese von einem Mann, seine Haare waren kurz geschoren, die Patientenkleidung hing in Fetzen an ihm herunter und seine Hände waren dick einbandagiert. Er erwiderte ihren Blick einen Moment, bevor er auf sie zusteuerte.
Scheiße! Ich habe etwas anderes erwartet. Einen Sedierten, nicht jemanden, der sich bewegt wie eine Raubkatze und groß genug ist, um mich mit einem Schlag durch den Raum zu fegen.
In ihren Ohren rauschte es plötzlich wie bei einem Radio, bei dem man keinen Sender finden konnte. Er kam dichter, während sie noch immer nicht in der Lage war sich zu bewegen oder einen klaren Gedanken zu fassen. Die Art, wie sein Blick sich durch ihren bohrte, war …
Karl tauchte in ihrem Blickfeld auf und rief etwas, aber sie verstand nicht, was. Der Patient blieb kurz vor ihr stehen und starrte sie aus den fast schwarzen Augen an.
„Lass mich durch, Kleines.“
Ihr Mund öffnete sich leicht.
Wie hat er mich gerade genannt?
Er stand so dicht vor ihr, dass sie ihn fast riechen konnte. Mechanisch rammte sie ihm die Spritze ins Bein, pumpte ihm das Mittel in den Körper und wich einen Schritt zurück.
Seine Augen weiteten sich für eine Sekunde.
Er sah einen Moment auf die Spritze, dann zog er sie heraus und warf sie auf den Boden.
Morgan schluckte. Das Mittel würde ca. zehn Sekunden brauchen, bevor die Wirkung einsetzte. Also fing sie in Gedanken an zu zählen, während er noch einen Schritt auf sie zu machte.
Morgan wich zurück und versuchte sich nicht von der aufsteigenden Panik beherrschen zu lassen.
Drei … vier … fünf …
Verdammt…
Er machte weitere drei Schritte auf sie zu.
Sieben … acht … neun …
In ihrem Kopf explodierte alles. Weiter konnte sie nicht ausweichen, ohne dass er den Flur betrat.
Wann wirkt das Zeug denn endlich?
Noch immer versperrte sie ihm den Weg.
„Lass mich …“
Morgan bewegte sich nicht. Er beugte sich leicht zu ihr, so dass er nicht einmal zehn cm von ihr entfernt war. Jede Faser ihres Körpers schrie danach wegzulaufen, während sein Geruch ihr entgegen schlug. Eine seltsame Mischung aus Schweiß, Blut und etwas, das sie nicht erkannte.
13 … 14 … 15 …
Er gab ein seltsames Schnaufen von sich.
„Lass mich durch …“
 Morgan schluckte schwer und brachte nicht einmal die Kraft auf, um den Kopf zu schütteln. Sie fühlte sich wie schockgefroren. Ihre Hände waren kalt und taub.
17 … 18 … 19 …
Er hob eine Hand und die Panik raubte ihr den letzten klaren Gedanken von dem sie bis eben noch gedacht hatte, sie würde ihn besitzen. Dann sackte er auf dem Boden zusammen und sie atmete erleichtert auf.
Karl rannte auf sie zu. Seine Lippe blutete und er wirkte nicht weniger gehetzt als sie.
„Scheiße, Morgan. Ist alles okay?“
Sie konnte nur nicken und starrte auf den Mann vor ihren Füßen. Karl folgte ihrem Blick und stieß den Bewusstlosen mit dem Fuß an, wobei er das Gesicht verzog.
„Scheint ein ziemlich kräftiger Bursche zu sein“, murmelte sie und kam nicht umhin, die Muskeln zu betrachten, die durch die Fetzen der Kleidung hindurch schimmerten.
Karl nickte.
„So etwas hab ich noch nie erlebt. Laut Akte sollte er noch mindestens eine Stunde im Koma liegen …“
Morgan schüttelte nachdenklich den Kopf.
„Vielleicht die falsche Dosis. Hat Brain die Akte schon?“
„Müsste er eigentlich“, murmelte Karl und winkte Freddy, der nicht weniger lädiert aussah, zu sich.
„Terrortrakt“, meinten die beiden nur und hievten ihn hoch. „Man, der ist ja riesig!“
Die Füße des Mannes ragten einige Zentimeter über die Pritsche hinaus.
„Das müssen knapp zwei Meter sein“, kommentierte Karl und sah Morgan an. „Vielleicht sollte Dr. States ihn sich noch mal ansehen, nur zur Sicherheit …“
„Ich denke, er sollte sich erst einmal um euch kümmern. Ihr seht aus, als hättet ihr einen Ringkampf verloren“, scherzte sie und grinste schief, als sie sein Kinn umfasste und sich die Lippe genauer ansah.
„Die wird morgen doppelt so dick sein!“
Eine zarte Röte erschien auf Karls Gesicht.
„Ich geh zu ihm, sobald wir ihn untergebracht haben“, meinte er nur und schob sich, mitsamt Patienten, an ihr vorbei.
„Aber jetzt will ich diesen Burschen erst einmal loswerden!“
Morgan war noch immer verwirrt. Dieser Kerl kam ihr nicht gerade wie einer der üblichen Patienten vor.
Das Mittel hat mehr als 20 Sekunden gebraucht, so etwas ist mir vorher noch nie passiert. Selbst Maggie hält nicht länger als 8 Sekunden aus und sie müsste inzwischen schon fast eine Abwehr dagegen entwickelt haben …
Sie ging in Brains Büro. Der frische Kaffeeduft füllte ihre Lungen und beruhigte sie wieder etwas.
„Hast du die Akte schon?“, fragte sie zur Begrüßung und schloss die Tür hinter sich. Er nickte nur und goss ihr einen
Kaffee ein, den sie dankbar entgegen nahm.
„Hat die Jungs ganz schön in Atem gehalten!“
Er legte die Lesebrille zur Seite, die ihm den gleichen Charme verlieh wie einem englischen Bibliothekar.
„Karl hat ziemlich was abbekommen. Du solltest dir nachher seine Lippe ansehen.“
Morgan ließ sich auf den bequemen Stuhl fallen.
„Hast du dir die Akte schon angesehen?“
Er schüttelte mit dem Kopf und sah auf seine Uhr.
„Ich werde mich gleich darum kümmern. Maggie hat mich bis eben noch beschäftigt …“
Maggie war eine der wenigen weiblichen Patienten.
Sie litt unter einer schizophrenen Psychose, die sich meist durch schwere Selbstverletzungen äußerte. Immer wieder hörte sie Stimmen, die ihr sagten, was geschehen würde.
Freddy versuchte noch immer die Lottozahlen aus ihr herauszubekommen. Morgan selbst glaubte nicht daran. Es war wesentlich wahrscheinlicher, dass sie einige Dinge aufschnappte und sie in ihre Halluzinationen einbaute.
„Ich musste ihn betäuben, damit er nicht noch mehr Schaden anrichtet“, meinte sie und trank ihren Kaffee.
„Ich denke, seine letzte Dosis war zu gering. Du solltest nachsehen, was er für Medikamente bekommt. Ich möchte ungern eine Wechselwirkung verursachen …“
Brain wirkte noch immer etwas abgelenkt. Der Sinn ihrer Worte schien sich nur langsam in seinen Verstand zu
arbeiten.
Er schaute auf und nickte.
„Sobald ich etwas weiß, werde ich dir Bescheid sagen. Vielleicht sollten wir ihn über Nacht fixieren und jede halbe Stunde nach ihm sehen“, murmelte er und lächelte dann. „Hat Ken inzwischen seine restlichen Sachen abgeholt?“
Morgan verkrampfte sich schmerzhaft. Endlich hatte sie es geschafft, dieses Thema eine Weile von sich wegzuschieben und nun stach ihr bester Freund mitten in die noch halb offene Wunde.
„Nicht alle …“
Verbissen stand sie auf. Brain machte ein mitfühlendes Gesicht und schob sich die Lesebrille wieder auf die Nase.
„Ich habe langsam das Gefühl, er zieht es absichtlich in die Länge …“
Ich habe langsam das Gefühl, dass ich explodiere. Warum müssen nur alle immer wieder dieses Thema anschneiden? Mir wäre es lieber, wir würden uns zumindest während der Arbeit auf unsere Patienten konzentrieren …
„Wenn ich etwas für dich tun kann, dann sag Bescheid“, meinte er und grinste noch  einmal, bemüht, sie damit etwas aufzuheitern.
„Mach dir keine Sorgen, ich schaff das schon. Immerhin bin ich ein großes Mädchen!“
Zumindest vorerst konnte sie diesem Thema so ausweichen. Außerdem hatte sie jetzt anderes zu tun, als sich mit ihren persönlichen Problemen zu beschäftigen.
Die Inventur stand mal wieder an.
Am Tag kam man nie dazu, die Medikamente nachzubestellen und die Jungs rissen sich nicht gerade um diesen Job.
Warum auch? Es ist anstrengend, langweilig und niemand scheint diese Arbeit auch nur annähernd zu würdigen.
Also ging sie in den Vorratsraum und sah jeden einzelnen
Karton durch, schrieb sich auf, wie viel von jedem Medikament noch vorhanden war und markierte alles, was sie nachbestellen mussten.
Nach einigen Stunden kam sie mit einer überarbeiteten Liste in Brains Büro. Neben den Medikamenten waren auch Verbandsmaterial, Unterhosen mit Nässesperrung und Desinfektionsmittel aufgelistet. Bisher hatte sie nicht die Zeit gefunden, noch einmal nach dem seltsamen Patienten zu sehen, aber langsam wurde sie neugierig, warum er eingeliefert worden war. Das Beste, um sich abzulenken, war eine neue Aufgabe und in diesem Fall kam ihr der neue Patient ganz gelegen.
Es konnte nicht schaden, wenn sie sich die Akte einmal vornahm und die Medikamente für die Frühschicht vorbereitete.



2. AKTE OHNE NAMEN


Brain saß noch immer an seinem Schreibtisch.
„Und, wer ist unser Neuer?“, wollte sie wissen und stellte den dampfenden Kaffee vor ihm hin, während sie an ihrem eigenen nippte. Er schüttelte ungläubig den Kopf und sah zu ihr auf.
„Kein Name“, sagte er langsam, als könnte er es selbst nicht glauben. „Kein Geburtsdatum, nichts. Ein Wunder, dass überhaupt das Geschlecht vermerkt ist…“
Morgan legte den Kopf schief und sah den Arzt eine Weile an.
„Vielleicht ein Fehler?“
Wieder schüttelte er den Kopf, wobei ihm sein braunes Haar in die Stirn fiel.
„Es ist alles da: psychologisches Gutachten, Medikamentenliste. Das kann kein Fehler sein …“
Er machte eine Pause und sah sie durchdringend an.
„Er wurde direkt vom Secret Intelligence Service hergebracht. Ich glaube, die wissen wahrscheinlich selbst nicht, wer er ist …“
„Der SIS?“, fragte sie verwirrt und setzte sich hin.
„Was hat denn der britische Geheimdienst mit einem geistig Kranken zu tun?“
Brain lehnte sich zurück und nahm die Brille ab. Er hatte dieses Leuchten in den Augen, das er immer bekam, wenn er bei einem Patienten einen Schritt vorankam.
„Ich weiß es nicht. Der SIS hatte ihn und bekommt seinen Namen nicht raus. Oder wollen sie ihn nicht preisgeben?“
„Und woher wissen die so viel über seine psychische Verfassung, wenn sie ansonsten nichts wissen?“, fuhr sie fort und beugte sich etwas nach vorn.
Das Ganze war verwirrend und mysteriös. Ein zwei-Meter-Mann ohne Namen.
„Und warum wurde er hergebracht? Die müssten ihn doch genauso gut verwahren können wie wir, oder?“
Sie strich sich eine Strähne hinters Ohr und beobachtete ihn aufmerksam.
„Das sind ziemlich viele Fragen auf einmal.“
Er nickte und nahm die Akte noch einmal zur Hand.
„Außerdem ist das Krankenblatt sehr vage“, erklärte er missmutig. „Zwangsstörungen, Halluzinationen, Persönlichkeitsstörung, selbstverletzendes Verhalten … Es kommt mir fast so vor, als hätte der letzte behandelnde Arzt einfach alles aufgeschrieben, was ihm eingefallen ist.“ Morgan zuckte mit den Schultern und lehnte sich zurück.
„Wer ist denn der behandelnde Arzt?“
„Ein Dr. Niya. Ich habe den Namen vorher noch nie gehört. Anscheinend haben die Psychologen vom SIS es nicht nötig, zu Fortbildungen zu erscheinen …“
„Vielleicht solltest du mal beim SIS anrufen. Für eine Weile müsste er noch weggetreten sein. Ich würde mich besser fühlen, wenn wir bis dahin etwas mehr über ihn wüssten als nichts …“
Brain schüttelte den Kopf und sah sie mit einem Blick an, den sie zuvor noch nie bei ihm gesehen hatte.
„Die Dosis, die du ihm gegeben hast, ist nicht mal die Hälfte von der, die er vorher bekommen hat …“
Morgan lachte leise. „Jetzt hör aber auf! Das muss wirklich ein Fehler sein. Du weißt doch gar nicht, wie viel er wirklich bekommen hat. Wahrscheinlich waren die Schwestern etwas in Eile und haben einfach die falsche Menge abgemessen. So etwas geschieht doch oft genug. Mach dir darum mal keine Sorgen. So schnell steht er nicht wieder auf …“
Er seufzte tief und nickte schließlich. Nach einem Schluck Kaffee wirkte er tatsächlich etwas wacher, allerdings noch immer beunruhigt.
Brain war einer der Menschen, die sich um alles viel zu viele
Gedanken machten, ebenso wie sie selbst.
Ihr Herz fing immer noch an zu rasen, wenn sie an den Moment dachte, in dem sie ihm die Spritze ins Bein jagte.
So etwas musste ich noch nie machen.
Zumindest nicht, während der Patient mich Kleines nennt …
„Wahrscheinlich hast du recht. Ich mache mir nur Sorgen. Dieser Kerl scheint gefährlicher zu sein, als man uns gesagt hat. Anscheinend hat er einige Menschen getötet, hier steht nur leider nicht wie und warum …“
Morgan war zunehmend verwirrter.
Ein namenloser zwei-Meter-Mann, der auch noch Mord als Hobby hat? Ich schwöre bei allen Göttern, dass ich mich nie wieder über die Langeweile beschwere…
„Naja, er wird fixiert. Da wird er uns wohl kaum Probleme machen und um dich etwas abzulenken, hab ich die Inventurliste!“
Brain winkte ab und schüttelte den Kopf.
„Bitte tu mir das heute Nacht nicht mehr an! Leg es Dr. Miller auf den Schreibtisch, soll der sich damit morgen früh rumschlagen.“
Sie grinste und stand auf.
„Wie du meinst. Ich bin sicher, er wird begeistert sein. Immerhin landeten die letzten fünf auch schon bei ihm…“ Morgens um 5 Uhr machte Morgan Feierabend und fuhr mit dem Bus nach Hause.
Ein Auto konnte sie sich aufgrund ihres Hungerlohns nicht leisten, sodass sie die eineinhalb Stunden Fahrt in Kauf nehmen musste, ob es ihr gefiel oder nicht. Aber es war nicht weiter schlimm, sie hatte die Kopfhörer auf den Ohren und konnte sich noch immer in ein Buch vertiefen, wenn die Umwelt ihr zu anstrengend wurde. Vollkommen erschöpft schloss sie die Wohnungstür auf und warf ihre Sachen in eine Ecke. Trotz der aufsteigenden Müdigkeit konnte sie nicht an Schlaf denken. Ihr gingen zu viele Dinge durch den Kopf. Nachdem sie frischen Kaffee aufgesetzt hatte, machte sie sich daran, die Bilder von ihrer Wand zu entfernen, die sie zusammen mit Ken zeigten. Wenn sie noch länger auf diese glücklichen Erinnerungen starren musste, würde sie wahnsinnig werden.
Ich kann es nicht noch länger aufschieben. Nicht mal meiner Mutter habe ich es bisher gesagt. Hoffentlich kann ich DAS noch etwas hinauszögern.
Sie verzog das Gesicht etwas. Das Gespräch würde wahrscheinlich damit enden, dass sie am Rande eines Amoklaufes stand.
Das erste Foto war im Zoo entstanden. Sie grinste fröhlich zusammen mit Ken in die Kamera, während im Hintergrund die Zebras ihr Heu genossen. Sie nahm es ab und warf es zu Boden, sodass das Glas zersprang. Das Nächste zeigte Ken und ihre Eltern vor dem Weihnachtsbaum.
Weg damit!
Sie wusste, warum sie Weihnachten nicht leiden konnte. Dieses ganze gespielte Glück traf anscheinend nicht nur auf diese eine Zeit im Jahr zu.
Nicht weiter darüber nachdenken, einfach weg damit.
Eines der Fotos zeigte, wie er ihr den Antrag gemacht hatte.
Ich war viel zu glücklich, das hätte mir zu denken geben müssen. Auf Glück folgt immer Unglück…
Den Antrag hatte er ihr in dem kleinen Lokal gemacht, indem sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte.
Auf dem Foto kniete er vor ihr und steckte ihr den Ring auf den Finger. Die Lippen zusammenkneifend sah sie auf ihre Hand, der Ring funkelte im Licht des Flures. Ihn abzunehmen bedeutete das Ende, das ultimative Ende einer Beziehung von der sie gedacht hätte...
Ja, was eigentlich? Was habe ich gedacht, als ich ja sagte?
Sie verharrte einen Moment, bevor sie das Bild endgültig zusammen mit den anderen auf den Boden warf.
Das Glas zersprang und trennte die beiden durch den entstandenen Riss.
Warum fällt es mir so schwer? Sollte es ihm nicht schlecht gehen? Immerhin hatte er sie betrogen, vielleicht schon sehr viel länger als sie es vermutete. Warum konnte sie dann nicht einfach einen Schlussstrich ziehen und weiter machen? Sie konnte ja schlecht einfach so tun, als sei das nicht geschehen. Morgan schüttelte den Kopf und schob diese Gedanken zur Seite.
Bewaffnet mit Kaffee und einer Zigarette ging sie auf den Balkon und betrachtete das morgendliche Treiben Londons. Seit vier Jahren rauchte sie und hatte es bisher niemandem gesagt. Nicht einmal Brain. Warum, wusste sie selbst nicht. Vielleicht, weil sie selbst nicht wusste, warum sie es tat. Jahrelang war sie eine überzeugte Nichtraucherin gewesen, und dann auf einmal, nach dem Tod ihres Vaters, hatte sie sich eine Schachtel Lucky Strike gekauft. So schnell ging es.
Während sie den Qualm tief in ihre Lungen saugte, dachte sie an den neuen Patienten. Etwas an ihm ließ sie einfach nicht los. Nicht nur diese Akte oder der seltsame Klang seiner Stimme. Irgendetwas hatte dieser Kerl an sich, das sie nicht erklären konnte.
Die Art, wie er sie mit seinem Blick durchbohrt hatte, das waren nicht die Augen eines Geisteskranken. Ihm war sehr wohl bewusst gewesen, was um ihn herum geschah. Und er war nicht sehr erfreut darüber. Sie drückte die Zigarette aus und ging wieder in ihre Wohnung. Es war Zeit, ins Bett zu gehen.
Am späten Nachmittag erwachte sie auf ihrem Sofa und schaltete den Fernseher aus. In ihrem Bett konnte sie noch immer nicht schlafen, sie würde ein neues brauchen.
Vielleicht sollte ich am Wochenende einfach mal losziehen.
Wie teuer konnte ein neues Bett schon werden?
Gerade hatte sie etwas Make-up aufgelegt, als es an der Tür klingelte. Brain stand mit zwei Pappbechern vor der Tür und grinste sie an. „Bereit?“, fragte er etwas zerknirscht.
Morgan zog sich ihre Jacke über und balancierte den Becher, den Brain ihr gegeben hatte.
„Ist alles in Ordnung?“
Er atmete tief durch, während er die Treppen hinunter stieg.
„Mehr oder weniger“, knurrte er vor sich hin.
Im Eilschritt ging sie hinter ihm her und nippte dabei an ihrem Kaffee.
„Anscheinend ist an unserem Neuen mehr dran, als wir dachten.“
„Wie meinst du das?“
Morgan gab sich Mühe, den Kaffee nicht zu verschütten, während sie ins Auto einstieg. Brain schnaubte und startete den Wagen. In dieser Hinsicht war er wie fast alle Männer. Er liebte seinen Wagen, auch wenn dieser schon recht alt war und einige Macken hatte. Wie zum Beispiel, dass sich das Beifahrerfenster nur bis zur Hälfte öffnen ließ oder dass der Kaffeefleck auf dem Polster der Rückbank nicht raus ging. Dennoch musste sie gestehen, dass der Wagen einen eigenen Charme hatte, was auch an der leistungsfähigen Heizung lag.
„Hugh kommt…“
Morgan verschluckte sich an ihrem Kaffee und fügte dem Polster so einen neuen Fleck zu.
Dr. Elliot Hugh war der Leiter der Anstalt. Er war gerade mit seiner neuen Frau nach Thailand geflogen, um die Flitterwochen nachzuholen. Das hatte er zumindest gesagt und sie wollte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was er dort wirklich machte.
„Das ist nicht dein Ernst!“
Brain nickte.
„Leider ist er bereits auf dem Weg und wird wahrscheinlich morgen Abend ankommen“, erklärte er und knirschte dabei mit den Zähnen.
Um sich etwas zu beruhigen, musste Morgan noch einen großen Schluck Kaffee trinken.
„Hat er etwas gesagt? Ich meine, hat er etwas über den Patienten gesagt?“
Brain schüttelte den Kopf. Die Tränensäcke waren heute stärker geschwollen als sonst und der Flaum um sein Kinn zeigte deutlich, dass er sich heute noch nicht rasiert hatte, was für ihn sehr ungewöhnlich war.
„Nichts. Nur, dass er kommt und dass er alle dabei haben will…“
Wieder verschluckte sich Morgan fast. Inzwischen tat ihre Zunge weh, weil der Kaffee noch immer nicht wesentlich kühler geworden war.
„Er will alle dabei haben?“
„Jeden Pfleger, jede Schwester, jeden Arzt. Wer nicht da ist, kann mit einer Kündigung rechnen.“
Na das kann ja heiter werden…
„Es wäre nett, wenn du als erstes nach dem Neuen sehen würdest. Karl hat ihm gestern noch mal etwas zur Beruhigung gegeben. Er sagte, er hätte Verbände an den Händen, du solltest dir das einmal genauer ansehen…“
Registrierend nickte sie. Sie hatte Medizin studiert und kannte sich somit besser aus, als die meisten anderen Pfleger und Schwestern. Es war schön zu sehen, dass die  Ärzte ihr Fachwissen schätzten. Doch auf der anderen Seite bedeutete das auch, dass sie mehr Arbeit hatte, als die anderen.
In ihrem Kopf arbeitete es bereits wieder.
Was zur Hölle ist hier los?
Sobald sie die Anstalt betrat, machte sie sich auf den Weg zu dem Neuen. Karl und Freddy hatten ihn in die Zelle 237 gebracht. Der Terrortrakt war (noch) recht ruhig, die meisten Patienten standen noch zu sehr unter dem Einfluss der Medikamente, um Ärger zu machen.
Das würde sich in ein paar Stunden ändern, wenn das Essen kam. Morgan schloss die Zelle auf, nachdem sie einen Blick hineingeworfen hatte. Anscheinend schlief er noch.
Ihr Herz begann zu rasen, als sie die Tür hinter sich schloss.
Es ist nur ein Patient und er steht unter Medikamenten.
Also mach deine Arbeit, Mädchen.
Die Verbände um seine Hände machten sie stutzig. Sie waren dreckig und ausgefranst. Es sah fast so aus, als hätte er sie selbst gemacht. Zumindest war derjenige, der sie gemacht hatte, nicht sehr vertraut mit seiner Arbeit. Behutsam nahm sie die erste Hand und wickelte sie aus. Einen Moment konnte sie nicht glauben, was sie da sah. Ein Schuss, mitten durch die Handfläche. Sie schüttelte den Kopf und beugte sich dichter darüber.
Nein, ich kann mich nicht irren. Ganz eindeutig eine Schussverletzung.                                                                   Morgan zog ihre Augenbrauen zusammen und nahm sich die nächste Hand vor. Auch hier ein Einschuss, nur dass er etwas weiter links war.
Warum steht davon nichts in der Akte? Eine Verletzung wie diese, kann doch nicht einfach übergangen werden!
Das musste sich ein Arzt ansehen, sicher waren Sehnen verletzt. Außerdem waren die Verletzungen verschmutzt und der Dreck hatte sich bereits verkrustet.
Warum zum Teufel hat niemand die Wunde gesäubert?
Sie fragte sich kurz, ob er die Hände jemals wieder richtig bewegen könnte. Das musste sie sofort Brain melden, nur mit Glück konnte er noch etwas retten.
So konnte sie nur notdürftig neue Verbände anlegen und die Wunden etwas säubern, wobei die Gedanken in ihrem Kopf kreisten, wie Geier um ihre Beute.
Wie konnte dieser Kerl zwei Pfleger in Schach halten, wenn seine Hände durchschossen waren?
Was hatte er bloß getan, um das zu verdienen?
Eine Weile konnte sie den Blick nicht von seinem Gesicht abwenden. Es war scharf geschnitten, das Kinn spitz und die Nase gerade. Wer auch immer er war, er musste etwas sehr Dummes oder sehr Schreckliches getan haben, damit man ihn hier einsperrte.
Hier, wo er nie wieder rauskommen würde, zumindest nicht in einem Stück.
Von den Händen einmal abgesehen, hatte er keine weiteren Verletzungen, die erwähnenswert waren. Dafür aber umso mehr Narben.
Die meisten sahen aus wie von Stürzen, Schnitten, einige sogar von Schüssen. Eine am Bauch erregte ihre Aufmerksamkeit ganz besonders.
Sie war groß, sehr unsauber genäht und wirkte gezackt. Eine solche Narbe hatte sie noch nie gesehen.
Vorsichtig beugte sie sich darüber und fuhr mit den Fingerspitzen über das rosa Gewebe. Es musste immer noch sehr empfindlich sein und hatte sich wahrscheinlich oft entzündet. Ohne, dass sie es bemerkte, begannen ihre Hände zu zittern.
Hat er etwa versucht sich aufzuschlitzen und dann überlegt, es doch lieber zu lassen und sich wieder zusammenzunähen?
Noch verwirrter als vorher, erhob sie sich. Ihre Arbeit war fürs Erste getan, sie musste nur Brain Bescheid sagen und dafür sorgen, dass er noch mal einen Blick auf die Hände warf. Vielleicht hatte er eine Idee, was man tun konnte, damit dieser Mann noch eine Chance hatte, wenigstens ein paar Finger zu bewegen.
Während sie an der Tür stand, betrachtete sie einen Moment lang, wie sich sein Brustkorb hob und senkte.
Immerhin schlief er. Also hatten die Schwestern vor seiner Einlieferung wirklich einen Fehler gemacht. Dieser Gedanke beruhigte sie etwas, obwohl sich ein dumpfes Gefühl in ihrem Magen breitmachte.
Sie verließ die Zelle und blickte noch einmal durch das kleine Fenster.
Sein Oberarm zuckte kurz, doch mehr geschah nicht.
Er schläft.
Natürlich, was sollte er nach den Mengen an Schlafmitteln auch sonst tun?
Sie ärgerte sich etwas über sich selbst und strich ihren Kittel glatt.

Kommentare:

  1. Eigentlich wollte ich nun irgend einen hochtrabenden gedanklichen Erguss von mir geben...Und hatte diesen auch schon komplett verfasst.. aber fassen wir uns doch einfach kurz und kommen auf den Punkt:

    Spannend!

    Fesselnd!

    Perfekt für die grauen Abendstunden die der Winter für uns bereithalten wird.

    Hab den Blog abonniert und hoffe regelmäßig etwas zum lesen zu erhalten.

    Gruß,

    S.Craft

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    1. Danke dir :) Tur gut so etwas von jemanden zu hören der auch schreibt und das auch noch so gut!

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  2. Du hast die selbst geschrieben? WOW... :)

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  3. Wenn das von dir ist werde ich Leser!

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  4. Hi^^
    Vielen Dank für deinen lieben Kommentar und dein Angebot^^ Sobald es die Zeit zulässt, würde ich gerne ein Review zu deiner Story verfassen. Wenn es fertig sein sollte, gebe ich natürlich sofort Bescheid. Dütfte ich das Review dann auch auf meiner Seite veröffentlichen?

    baibai

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  5. Hier wäre meine E-Mailadresse^^ sui.yamashita@yahoo.de

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  6. Hey, mir gefällt dein Blog!
    ich würde dich gern zu SachNix einladen, wir würden uns sehr freuen!

    Weiter so und lg!

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  7. Liebe Justine,

    sollte man als "Autorin" keinen Verlag haben?
    Bisher hast du doch nur Dinge auf deinem Blog veröffentlicht!
    Ich sehe Autoren eher als solche an, wenn sie ein BUCH herausgebracht haben ...

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  8. Ein Verlag ist in der heutigen Zeit nicht mehr unbedingt nötig, Autoren ohne Verlag bezeichnet man dann als Indie-Autoren :D
    Ein Buch ist in der Tat von Nöten, doch 237 ist bereits im Handel erhältlich!

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  9. Hey,

    hab mir dein Buch bestellt (gedruckt) und habe gerade Spass daran es zu lesen. Lass dich nicht unterkriegen, du hast das toll gemacht, es ist spannend und liest sich super. Besser als so manch ein Buch das in einem Verlag veröffentlich wurde. Du musst dich vor nix verstecken. Und ich lese viel und bin schon 45 Jahre alt, habe also schon so einiges gelesen. Weiter so und lieben Gruss, Nicola

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  10. Danke schön ;) ich freue mich immer sehr über solche lieben Worte :)

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  11. WOW das BUCH MUSS ICH LESEN!!!!!!!!!!

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  12. hey, Justine, ich dank dir für deinen Kommentar unter der Jackson. leider habe ich keinen Ebook Reader, kann demnach also auf dein Angebot leider nicht eingehen, allerdings gefällt mir das, was ich hier zu lesen bekam ganz gut. mach weiter so. (:

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  13. Sehr packend! Setze ich vielleicht mal auf meine Leseliste!
    Liebe Grüße

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  14. Also ich bin echt sprachlos. Ich bin eine begeisterte Leserin und verschlinge ein Buch nach dem anderen. Toller Text, fesselnd und regt zum weiterlesen an.

    Grüße Laura
    http://streuselsturm.blogspot.de/

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  15. Klingt genau nach meinem Geschmack! Das Buch kostet sogar unter 10,00 €. Super!

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  16. Das hört sich wirklich super spannend an. Hast du echt toll gemacht.
    LG Lamia
    http://lamiasfashiondiary.blogspot.de/

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  17. Ich bin auf der Suche nach neuen Bücher. Ich bin einfach nur begeistert. Keine Worte! Ich liebe es - klingt wirklich sehr interessant :)

    PS: durch deinen Kommentar bist du mir noch sympathischer geworden. Du hast eine neue Leserin. :)

    Lots of Love, Dilan from DILANERGUL

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  18. Uiii das Buch klingt ja richtig spannend. Sowas wäre genau meine Genre.
    Ich bin sehr gespannt und bedanke mich bei dir für diese tolle Leseprobe.
    Liebe Grüße
    Carolin

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  19. Oh wow. Das ist richtig gut. Ich weiß grad gar nicht, was ich dazu schreiben soll. Einfach nur das: Du hast wirklich Talent. :)

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  20. Ich hänge echt an deinen Worten. Ich will jetzt auch mal wissen was mit dem Mann los ist. Dein Buch kommt auf meine Leseliste. Hoffe nur dass unsere Bibliothek es hat :/
    Und hast echt meinen Respekt dass du so ein Buch schreiben kannst

    Liebe Grüße

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